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Steinkreuze im Elmvorland - Einführung

Zu den Aufgaben und Pflichten des verantwortungsbewußten Heimatfreundes gehört es nun, diese durchweg mittelalterlichen Kultur- und Justizdenkmäler vor dem Unverstand und der Vernichtungswut verantwortungsloser Leute zu schützen. Die Sagen, die sich daran knüpfen und die dem "modernen" Menschen unserer Tage oft nichts zu erzählen vermögen, der Wissenschaft aber nicht selten wertvolle Aufschlüsse geben, sind aufzuschreiben und so dem Heimatfreund und der Nachwelt zu erhalten.

Die Steinkreuze sind übrigens keineswegs auf das Elmgebiet beschränkt, vielmehr erstreckt sich das europäische Verbreitungsgebiet dieser Steinkreuze oder ähnlicher Steindenkmäler von Norditalien durch Mitteleuropa bis zu den skandinavischen Ländern und den britischen Inseln. Beachtenswert ist, daß sie überall dort anzutreffen sind, wo germanische Stämme dauernd oder auch nur vorübergehend seßhaft waren.

Die Gesamtzahl der bekannten Denkmäler dieser Art betrug 1935 über 3000. Wie sehr aber diese Zahl noch der Berichtigung bedarf, ersieht man am besten an den vielen alten, in unserer Elmheimat zerstreuten Steinkreuzen, die teils mangelhaft, teils gar nicht bekannt sind und über die bisher noch eine umfassende Arbeit fehlte.

Von den vielen Publikationen auf diesem Gebiete seien hier nur die einschlägige Veröffentlichung des Historischen Vereins für Niedersachsen (Adolf Hoffmann, "Die mittelalterlichen Steinkreuze, Kreuz- und Denksteine in Niedersachsen", Hildesheim und Leipzig 1935, bei August Lax), sowie die vielen Veröffentlichungen des Braunschweigischen Landesvereins für Heimatschutz (im Vereinsorgan Braunschweigische Heimat, Verlag Appelhans, Braunschweig) erwähnt. Besonders möchte ich wiederum von letzteren die für uns wertvolle Arbeit von Werner Flechsig ("Alte Nachrichten über Steinkreuze im Lande Braunschweig", Braunschweigische Heimat, Jhrg. 1935, S. 57) hervorheben.

Die vielfach vorgenommenen Wegeverlegungen der mittelalterlichen Handels- und Heerstraßen in den letzten drei Jahrhunderten und die in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in unserer braunschweigischen Heimat durchgeführte Separation hatte oft eine Verlegung der alten Denkmale von dem ursprünglichen Aufstellungsort an einen neuen Platz zur Folge. Wie oft da leider durch mangelndes Interesse und Gleichgültigkeit die Zeugen der Vorzeit zerschlagen wurden oder anderweitig zugrunde gingen, ergibt sich am besten aus der folgenden Aufstellung, die leider keineswegs - bedingt durch die Lückenhaftigkeit der Quellen - Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann.

Ich sagte bereits oben, daß es sich bei den Steinkreuzen unserer Elmheimat zumeist um Sühnekreuze handelt, d. h. um Kreuze, die zur Sühne für Mord und Totschlag am Tatort aufgestellt werden mußten, und möchte dieses hier noch kurz untermauern.

Vor der Einführung des römischen Rechtes, welches besonders durch Kaiser Karls V. "peinliche Halsgerichtsordnung" in Deutschland zum Gesetz erhoben wurde, herrschte hier eine sehr große Willkür in der Bestrafung von Kapitalverbrechen.

Zahlreiche Sühneverträge des XIII. bis XVI. Jahrhunderts geben uns eindeutig Kunde davon, daß Mord und Totschlag mit Geld und Geldeswert abgekauft werden konnten, daß aber daneben der Mörder die Verpflichtung hatte, zur Sicherung des Seelenheils des Erschlagenen einen "Kreuzstein" zu errichten, der duchaus nicht immer die Form eines Kreuzes zu haben brauchte, auf dem dann aber immer ein Kreuz als Symbol der Erlösung zu finden war.

Die alten Steinkreuze unserer Elmheimat sind alle aus dem heimischen Kalkstein gehauen. In einer Zeit errichtet, in der das Volk nicht lesen und schreiben konnte, brachten sie durch ihre Form zum Ausdruck, daß hier eine arme Seele der allgemeinen Fürbitte bedürfe.

Die Umwandlung und Umschulung des Rechtsbewußtseins im Volke ließ nach und nach im Laufe der Jahrhunderte die ursprüngliche Bedeutung dieser alten Sühnemale verblassen. Dunkel wußte man noch allerlei unheimliche Dinge um diese Steine zu berichten, und oft brachte man viel später sich ereignende Begebenheiten, wie Hungersnot, Seuchen und Kriegsereignisse mit diesen alten Steinen in Verbindung.

Auffällig ist die auch bei uns oft zu hörende Volksmeinung, daß es sich bei den Kreuzen um Gemarkungs- oder Grenzzeichen handele. Es ist jedoch keineswegs belegt, daß Grenzsteine in Kreuzform errichtet wurden. Nahe liegt aber, daß sich diese in den Gemarkungen vorhandenen Kreuzsteine im Laufe der Zeit zu besonders bekannten und beachteten "markanten Punkten" entwickelten und man sich ihrer zur Bezeichnung in der Nähe befindlicher Grenzen bediente.

Da unsere alte Flur vor der Verkuppelung bekanntlich mit vielen Angern und Wiesen, bewaldeten Höhen und heimlichen Winkeln durchsetzt war, kam es ferner nicht selten vor, daß sich an dieser und jener weit und breit bekannten Stelle "bei den Kreuzen" das Volk zur Gerichtsversammlung zusammenfand.

Hieraus entstand die irrige Auffassung, daß die Steinkreuze zur Kenntlichmachung der Gerichtsstätten errichtet seien.

Die einzelne Beschreibung der Steinkreuze erfolgt in der Reihenfolge der Ämter Schöppenstedt, Riddagshausen, Königslutter, Helmstedt und Schöningen und bezieht sich auf die - soweit bekannt geworden - vorhandenen, wie auch die leider verschollenen Steinkreuze.

Heinz-Bruno Krieger