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Kinderzeit

Erinnerungen von Walter Lubasch - Notiert von Heinz-Bruno Krieger 1983

Ich bin ein luttersches Kind! - Darüber bin ich mein Leben lang stolz gewesen. 1912 bin ich auf die Welt gekommen.

Mein Vater musste Soldat werden und dann in den Krieg ziehen. Er kam 1919 heile wieder nach Hause zurück. Vater ist dann nach Beienrode zum Schacht gefahren und musste jeden Tag in aller Herrgottsfrühe um vier Uhr aufstehen.
Lokomotive am Kali-Schacht Beienrode Er ist dann zu Fuß zum Beienroder Bahnhof gegangen, der dicht vor Lauingen lag. Von hier aus ist dann die Bimmelbahn immer zum Schacht nach Beienrode gefahren.

Meine Mutter ist ihr Leben lang zur Konserve, die auf der Parkstraße lag, gegangen, die auch von morgens früh bis in die Nacht hinein, sommertags im Gange war.

Da ich nun der jüngste von meinen Geschwistern gewesen bin und meine Schwestern alle aus dem Hause raus waren, musste ich im Sommer jeden Tag zum Holze rüber, und für unsere zwei bis drei Schweine, die wir im Stalle Jahr für Jahr sitzen hatten, Brennesseln und Diesteln zu holen. Meistens bin ich dann mit unserem Handwagen zum Schoderstedter Holz oder zum Bornumer Lichtschlag herüber gefahren. Ich habe da viele Stellen gekannt, die voll der schönsten Brennessel und Diesteln standen.

Ehe ich dann zum Elm losgefahren bin, musste ich den Kartoffeldämpfer auf den Herd setzen und dann, nach meiner Rückkehr, wenn die Kartoffeln gekocht hatten, musste ich zwei Tröge mit Kartoffeln und einen Trog mit Diesteln und Brennesseln stampfen, und diese dann miteinander vermatschen.

Unzählige Male bin ich auch zum Elm gefahren und habe mit unserem Handwagen ein Fuder Holz herunter geholt. So habe ich das ganze Brennholz für den Winter besorgt - heruntergeholt, kaputt gemacht und in unserem Stall aufgestapelt.

Meine Eltern hatten auch einen Garten - wer hatte damals keinen Garten? - aus dem wir alles zum Leben herausholten. Wir hatten auch Ziegen und Gänse im Stall sitzen, und ich habe mich, so lange ich mich zurück versetzen kann, immer um alles gekümmert.

Nicht weit von uns entfernt, in unserer Nachbarschaft, wohnte die alte Frau Sanitätsrat Diesing, am Zollplatz. Frau Sanitätsrat war eine gute Frau. Sie freute sich immer, wenn ich als Junge zu ihr hinkam, und für sie in der Stadt Besorgungen machte. Ich half auch Holz für die Öfen zu hacken und im Garten Kraut auszurupfen. Da habe ich dann immer was zu essen bekommen und auch manchen Groschen noch dazu ...


Das Gasthaus Zur Linde am Zollplatz Meine schönsten Erinnerungen an die Kinderzeit habe ich aber im "Gasthaus zur Linde" liegen, das vor unserem Hause, in dem wir wohnten, an der Ecke von Braunschweiger Straße und Zollplatz stand.

Ich weiß es noch genau, so, als wenn es gestern gewesen wäre. Ich saß auf der Treppe, die nach oben führte, und ich durfte das Butterfass drehen. Wenn ich dann Glück hatte, und eine schnelle Bindung zustande kam, dann sagte Mutter Thiele, die die Wirtsfrau war, zu mir: "Walter, nun lauf man mal schnell nach Ludchen Rosemeyer und hole zwanzig Franzbrötchen, ich koche uns inzwischen einen schönen Kaffee."

Und dann, wenn ich schon aus dem Haus heraus war, rief sie noch hinter mir her: "Bringe mir aber ja frische Brötchen!"

Kam ich dann wieder von Ludchen Rosemeyer zurück, dann duftete mir der schönste Kaffeeduft entgegen. Nun musste ich mit Mutter Thiele und ihrem Mann August Thiele zusammen Kaffee trinken.

Zu meinen dauernden kleinen Obliegenheiten gehörte auch die Benachrichtigung der Skatbrüder, die in der "Linde" immer zum Skatkloppen zusammenkamen. Dazu gehörte unter anderem Otto Gerecke von der Poststraße, Justizwachtmeister Lippert vom Amtsgericht und noch viele andere Honoratioren, und natürlich nicht zu vergessen, der Lindenwirt August Thiele.

Ich bekam dann von jedem dieser Herren ein kleines Trinkgeld, man kann auch sagen, Botenlohn, was so zwischen zehn und zwanzig Pfennigen lag.

Einmal im Jahr fand auch in der "Linde" das Jagdessen statt. Die Jagdgenossen hatten dazu viele Ehrengäste und Jäger eingeladen und es gab dann meistens Reh- und Hasenbraten, zu denen dann immer eine große Unmenge Bier und Branntwein getrunken wurde. Den Branntwein und Zigarren musste ich dann immer vorher mit dem Handwagen von Kuthe und Woege von der Wallstraße holen.

Hierbei muss ich immer an den alten Möllering von der Elmstraße denken, der bei Kuthe und Woege als Brennmeister angestellt war; er hatte auch den Verkauf von Futtermitteln unter sich.

Wie ich nun mal wieder unten auf dem Hofe stand, um Futtermittel zu holen und mir die Zeit zu lange vorkam, ehe der alte Möllering herunterkam, da hatte ich mehrmals auf den Fingern gepfiffen, ohne mir aber so recht was dabei zu denken. Auf einmal kam der alte Brennmeister Möllering polternd die Treppe von oben herunter; er wetterte und schimpfte, dass die Wände zu wackeln anfingen, und rief mir schon von Weitem zu:
"Du verfluchter Lausebengel, du Schweinehund! - ich werde dir schon auf die Sprünge helfen, bei mir werden Katzen und Hunde angepfiffen, aber keine Menschen, und schon gar nicht ich!"