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Kampagne in der Zuckerfabrik

Erinnerungen von Walter Lubasch - Notiert von Heinz-Bruno Krieger 1983

Ostern 1927 bin ich dann vom "Holzgymnasium" - wie dazumals die Volksschule in Lutter von den armen Leuten genannt wurde, aus der ersten Klasse herausgekommen. Das war damals anders als heute, das erste Schuljahr war die achte Klasse, und kam man nach acht Jahren aus der Schule, so war das dann die erste Klasse!

Da ich immer mitgekommen bin, sagte mein Vater zu mir: "Du kommst in eine Lehre! Und erlernst einen Beruf! - Handwerk hat goldenen Boden!"


Das linke Haus: Johannes Magnus Ich fing dann bei Meister Johannes Magnus in der Marktstraße, Ecke Mittelgasse an, das Klempner- und Installateurhandwerk zu lernen, aber oh weh, ich musste mich dauernd übergeben, und alles, was ich aß, brach ich wieder aus.

Da sagte unser Hausarzt Doktor Toppius zu mir: "Mein Junge, du kannst die Säuredünste nicht vertragen" - und da musste ich die Klempnerlehre wieder aufgeben. Der alte Toppius hatte gemeint, ich solle man bei Sammann in die Gärtnerlehre gehen, da wäre ich immer an der frischen Luft, und das wäre auch ein guter Beruf, - aber dazu hatte ich wirklich keine Lust.

Dann bin ich früh genug zur neuen Zuckerfabrik gegangen, die damals noch in Betrieb war und an der Bahnhofstraße lag, und hatte mich dort zur Kampagne angemeldet. Ich glaube wohl, das ist noch eine der letzten Kampagnen gewesen, ehe die Fabrik dann zugemacht hat.


Rübenverarbeitung in Königslutter Ich wurde dann auch angenommen und habe die Kampagne in der Rübenwäsche mitgemacht. Der Direktor der Fabrik war damals ein Herr Günther. Prokurist war Herr Max Giesecke, dessen Villa gegenüber, auf der anderen Seite der Bahnhofstraße stand.

Unser Hofmeister hieß Andreas Völke und wohnte unten, im Sande, vor dem Haidfeld, am schwarzen Wege. Er hatte so eine alte, klapprige Spargelbude, die er sich innen mit alten Brettern dicht gemacht hatte.

Andreas Völke war so ein richtiges Original. Einmal lief er auf dem Hof herum und hatte seinen Hosenstall "sparakel" weit offen stehen, dass man alles sehen konnte.

Wie das nun Direktor Günther zu sehen bekam, rief er lauthals über den Platz: "Völke, Völke, kommen Sie mal sofort zu mir herüber!" - Andreas Völke hörte wohl das laute Rufen, rührte sich aber nicht und sagte so laut vor sich hin: du kannst mich mal am ... lecken, du kannst mich mal am ... lecken.


Zuckerfabrik Aktie 1920 Wie nun Direktor Günther bemerkte, dass Völke nicht auf sein Rufen reagiert, rief er auf einmal laut: "Herr Völke, kommen Sie doch bitte einmal zu mir herüber." - Da drehte sich Andreas Völke auf dem Absatz herum, machte eine Verbeugung und rief: "Aber gewiß doch Herr Direktor, ich komme sofort!"...

Die Kantine in der Zuckerfabrik hatte die alte Mutter Wagner, von der ich immer das Flaschenbier holen musste. Die anderen Arbeiter, mit denen ich zusammen arbeitete, hatten immer einen mächtigen Durst, und da wurden dann am Tage viele Flaschen Bier ausgetrunken.

Mein direkter Vorgesetzter in der Rübenwäsche war der alte Dachdecker Karl Dietz. Dann hatten wir noch Wilhelm Laue bei uns, der aus Rottorf zu Fuß kam.

Wenn Frühstück in Sicht kam, schickte mich Karl Dietz immer zum Einkaufen. Ich lief dann zum Schlachtermeister Rossmann, in der Westernstraße, und musste da ein Pfund Schweinegehacktes holen. Von Bäcker Schmidt holte ich vier Franzbrötchen, und von der alten Frau Ferdinand Bartels einen Landkäse, aber kremig musste der sein ...

Das war dann jeden Tag dasselbe. Ich bekam dann immer eine Flasche Bier umsonst, von allen zusammen, sozusagen als Botenlohn spendiert, die ich dann zu meinem Wurstbrot, das mir meine Mutter mitgab, ausgetrunken haben.

Damals ging die Kampagne bis in den Januar und Februar heinein. Als sie dann wieder vorbei war, drängte mein Vater darauf, dass ich mir Gedanken darüber machen sollte, was für ein Handwerk ich nun lernen wolle.