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Lehrzeit

Erinnerungen von Walter Lubasch - Notiert von Heinz-Bruno Krieger 1983

Ich hatte es mir nun einfach in den Kopf gesetzt, dass ich kein Gärtner werden wollte. Dann hörte ich, dass der alte Tischlermeister Karl Rischbieter auf dem Gänsemarkt einen Lehrjungen sucht, und da bin ich dann sofort mit meinem Vater hingegangen und die Alten machten dann die Lehre untereinander fest!


Der Gänsemarkt in alter Zeit Am ersten April 1928 habe ich die Tischlerlehre bei Meister Rischbieter angetreten. Die erste Arbeit, die ich machen musste, war, das ich mit der Meisterschen, Frau Emma, mit dem Handwagen zum Garten fuhr, um diesen Garten für die Frühjahrsbestellung umzugraben.

Die Meistersche hatte immer ein Kehrblech und einen alten Handfeger bei sich, und alle paar Meter musste ich auf der Straße anhalten und die "Pferdeäpfel" auffegen, die damals noch überall auf den Straßen herumlag. Das ließ Frau Emma mächtig freuen, denn das war gut für die Erdbeeren!...

In unserer Werkstatt gab es keine einzige Maschine. Alles wurde noch von Hand gemacht. Altgeselle war ein uralter Mann, zu dem ich Meister Illing sagen musste. Er hatte vor vielen, vielen Jahren mal die Meisterprüfung gemacht, arbeitete aber seit vielen Jahren bei Karl Rischbieter als Altgeselle.

Der alte Illing soff den ungebrannten Spiritus aus der Flasche und leckte sich alle zehn Finger ab, wenn er die Pulle wieder absetzte.

Ich war froh, dass ich nun diese Lehrstelle bekommen hatte - aber es dauerte gar nicht lange, da war mein Lehrmeister Karl Rischbieter tot ... und ich hatte wieder keine Lehrstelle mehr.

Nun passte es sich aber gut, dass ich am ersten Oktober 1928 bei Tischlermeister Ernst Bachmann in Oberlutter auf dem Kattreppeln anfangen konnte.

Morgens, um Punkt sieben Uhr, mussten wir in der Werkstatt anfangen. Zuerst musste ich den Kartoffeldämpfer für die Schweine aufsetzen. Dann musste ich zum Bäcker laufen und frische Brötchen für die Meistersche holen. Nun war die Zeit herangekommen, dass ich mit dem Handwagen zum Gänsewinkel gezogen bin, um von dort Ziegenfutter zu holen. Das musste ich mit der Sense abmähen.

Hier, bei Meister Bachmann, habe ich von Grund auf die Tischlerei gelernt und es war eine schöne, gute Zeit!

Sonnabends musste ich jedes Mal 18 Paar Schuhe und Stiefel putzen. Das war das Schuhzeug vom Meister, der Meisterschen und der Tochter vom Meister, die mit ihrem Mann und vier Kindern mit im Haus wohnten.

An Lohn bekam ich jeden Sonnabend, für eine Woche 1 Mark und 50 Pfennige, die ich aber zu Hause nicht abzugeben brauchte. Dann musste ich jeden Sonnabend die Werkstatt sauber machen und zwei Straßen fegen, denn das Haus von Meister Bachmann lag am Kattreppeln, und die Werkstatt, die hinten auf dem Hofe lag, hatte ihre Längsfront nach außen, an der Breiten Starße, sodass ich jedes mal zwei Straßenfronten fegen musste.

Ein Feiertag, im wahrsten Sinne des Wortes, war das jährliche Schlachtefest. Der Hausschlachter war der alte Moker Mushake von der Renne, der im Ruf stand, der beste Hausschlachter von Oberlutter zu sein. Man sagte von ihm, er mache die besten Würste von ganz Lutter!

An diesem Tage wurde in der Werkstatt nicht gearbeitet. Da musste ich von früh bis spät dem Hausschlachter draußen, auf dem Hofe und in der Küche zur Seite stehen. Was gab es da aber auch für mich nicht alles zu tun?

Das Schwein musste aufgebrüht werden, und dann mit der Kuhglocke die Borsten abgeschabt werden. Hing das Schwein am Haken, wurde es aufgebrochen und dann gab es den üblichen Umtrunk; jeder der mitgeholfen hatte, bekam zwei doppelstöckige Korn, den man sich hinter die Binde kippte, zu essen gab es so viel wie jeder essen wollte und konnte.

Ich wunderte mich dazumal immer, dass der alte Maushake anstatt Wurst und Steeke, haufenweise kremigen Käse auf sein Brot legte; ich habe mich an Gehacktem, Steeke und Wurst gütlich getan.

Noch heute, nach über 50 Jahren, denke ich mit Freuden an diese schönen Schlachtefeste zurück.

Kam dann der heilige Abend heran, war um Punkt zwölf mittags Feierabend! Nachdem nun alle Dienstbarkeiten erledigt waren, wurden wir alle, unsere Gesellen und die Stifte, wie die Lehrjungen allgemein genannt wurden, zum Meister in die gute Stube hinein gebeten. Hier stand der schöne, große Weihnachtsbaum und wir alle wurden reichlich und gut beschenkt.


Das Grab von Tischlermeister Ernst Bachmann Ich muss wohl, denke ich an diese, meine Lehrzeit zurück, immer wieder sagen, ich habe oft schwer und viel arbeiten müssen, aber ich habe auch viel in dieser Zeit gelernt, sodass ich heute noch allen, Meister und Gesellen von ganzem Herzen dankbar bin!