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Stiftsparrer am Kaiserdom Kurt Raths

Porträt von Heinz-Bruno Krieger 1972

Der bekannte Theologe wird 50 Jahre alt.
Stiftspfarrer Kurt Raths Die Geschichte unserer Heimat ist geprägt worden von Menschen, deren Lebensweg sich dadurch von der großen Menge unterschied, daß sie sich einsetzten für ihre Mitmenschen, daß sie sich engagierten und mithalfen das Gesicht des Raumes in dem sie lebten zu gestalten und zu formen und daß sie durch ihr Werk eine Spur hinterlassen werden, die auch noch kommenden Generationen Kunde gibt von dem Geist ihres Daseins!

Wenn wir heute einen Mann hier herausstellen, der sich in unserer Elmheimat einen weitgeachteten Namen erworben hat, so ist gerade der Anlaß der Vollendung des 50. Lebensjahres hierzu besonders geeignet.

Wer kennt ihn nicht, den Pastor der Stiftskirche zu Königslutter, Kurt Harald Raths, der Sonntag für Sonntag von der Kanzel des altehrwürdigen Kaiserdoms den vielen Besuchern und Gläubigen das Evangelium predigt, der daneben Geistlicher des Niedersächsischen Landeskrankenhauses und der Gemeinde Sunstedt ist und der als Religionslehrer an der Steinmetzschule fungiert?

Aber der darüberhinaus in vielen Vorträgen als Dozent der Volkshochschule, ferner der Allgemeinheit dient und sich als Spezialforscher der Symbolik an der romanischen Pfeilerbasilika weit über den regionalen Kreis hinaus durch seine Publikationen einen Namen gemacht hat

Kurt Harald Raths erblickte das Licht der Welt vor genau einem halben Jahrhundert - am 12. November 1922 - in Lodz in Polen. Seine Vorfahren - väterlicher- wie mütterlicherseits - waren Generationen hindurch im kirchlichen und pädagogischen Dienst der großen, deutschen Gemeinde in Lodz und im Wartheland tätig.

Sein Vater - Gottlieb Raths - war Volksschullehrer und später Konrektor an einer deutschen Schule in Lodz. Er hatte es verstanden, schon früh in seinen Sohn die Liebe zu allem Schönen, aber auch vor allen für die Natur und die Geschichte hineinzulegen.

So ist es auch verständlich, daß Kurt Raths schon als Kind Urnen ausbuddelte, Wälder und Felder seiner Heimat durchstreifte, um sich mit allem vertraut zu machen. Wenn man damals den munteren Knaben fragte, was er denn einmal werden wolle, so antwortete er stets: Archäologe! - denn keine andere Wissenschaft reizte den Jungen so wie gerade diese.

Aber wie oft gehen die Wünsche und Wege des Menschen auseinander im Laufe eines langen Lebens?

Nach dem Besuch des Lodzer Deutschen Gymnasiums und dem Abitur 1941 mußte der junge Schüler sofort in den Reichsarbeitsdienst, von dem er wenige Monate später zu den Soldaten eingezogen wurde. In einer Nachrichtenabteilung nahm er so an dem Kriegsgeschehen in Italien teil - begegnete hier die großen Stätten der Antike und erlebte die Schrecken jenes großen Krieges.

Nach elfmonatiger Kriegsgefangenschaft kam Kurt Raths wieder in die Freiheit zurück - fern der verlorenen, unerreichbaren Heimat im Osten. Allein, verlassen, er stand vor dem völligen Nichts.

Bei einem Vetter in München fand der "Heimkehrer" die erste Unterkunft. Monate später erfuhr er dann, daß seine Eltern in Flensburg - hoch im Norden, eine Bleibe gefunden hatten.

Die Mutter starb wenige Monate später, nachdem der Junge sie wiedergefunden hatte. Inzwischen war in Raths der Entschluß gereift, Theologe zu werden. Von der alten Hansestadt Lübeck aus, in der er vorübergehend gewohnt hatte, zog er auf die Universitäten Mainz und Kiel, um hier Theologie und Philosophie zu studieren.

Wie sehr er sich aber schon damals für den ökumenischen Gedanken einsetzte, ersieht man an seiner Examensarbeit, die den Titel trägt: "Die Jungfrau Maria bei Luther".

Nach der Vikarzeit in Flintenbeck bei Kiel und dem Besuch des Prediger-Seminars in Preetz in Holstein, erfolgte die Ordination in Kiel, im Oktober 1953, durch Bischof Halfmann. Nun erhielt der junge Pastor seine erste Pfarrstelle in Hohenstein bei Oldenburg in Holstein, wo ihn eine vielseitige, seelsorgerische Tätigkeit beschienen sein sollte.

Aber daneben war es wieder die Vorgeschichte, die den jungen Pfarrer in ihren Bann ziehen sollte. In mühseliger Kleinarbeit, in Wanderungen durch Felder und Wälder sammelte er unzählige Artefakten - Werkzeuge der Vorzeit und er sammelte und ertauschte sich, neben der Erwerbung einer großen, ähnlichen Sammlung eine Vorgeschichtssammlung, die ihresgleichen - in privater Hand - suchen kann.

Inzwischen verheiratet und Vater von zwei Töchtern, kam Pastor Kurt Raths am 30. August 1959 - als Nachfolger von Kirchenrat Richard Diestelmann - an die inzwischen einige Zeit vakant gewesene Stiftskirche - den Kaiserdom zu Königslutter am Elm.

Sofort war es seine vornehmste Aufgabe, einen guten Kontakt zu den Gemeindegliedern herzustellen. Neben der gewiß nicht leichten Betreuung der vielen Patienten des NLK war es noch die Gemeinde Sunstedt, in der er viele erfolgreiche, seelsorgerische Arbeit ausübte.

Als Dozent der Volkshochschule stellte er sich sofort der Allgemeinheit zur Verfügung. In vielen Vorträgen, Reiseberichten und Arbeitsgemeinschaften lehrte er einem stets dankbaren Zuhörerkreis aus seinem vielseitigen Wissen.

Als Spezialforscher der Symbolik veröffentlichte er mehrere Arbeiten, die in Buchform herausgegeben wurden. Hierdurch fanden seine Ausführungen über den regionalen Kreis hinaus in Fachkreisen Beachtung und selbst aus den USA, aus Holland und Dänemark wurden interessante, fachliche Korrespondenzen mit Wissenschaftlern geführt.

Eine große Fachzeitschrift in der Schweiz veröffentlichte eine Arbeit Raths über die Symbolik der Stiftskirche.

Kurt Raths liebt es nicht, wenn über ihn viele Worte gesagt oder geschrieben werden. Er hat es aber verdient, daß man ihn an seinem Ehrentage herausstellt, denn Menschen wie er, die sich für den anderen einsetzen, sind in unserer Zeit selten geworden.

Er ist dem Alten verwurzelt, hat aber ein großes Verständnis für die Jugend. Als stellvertretender Propst der Propstei Königslutter setzte er sich als Erster für eine Reform der Konfirmation ein.

In der "Gesellschaft zur Förderung Niedersächsischer Heimatpflege e. V." hat er wiederholt im Lande von seinen Forschungen, einem dankbaren und lernbegierigen Zuhörerkreis gedient.

Was sind fünf Jahrzehnte im Strudel der Zeit? Sie sind ein Nichts - und doch ein erfülltes, langes Leben im Dienst der Allgemeinheit! - Was aber viel wichtiger ist, als alle diese vielen Ehren und Ämter, die der Stiftspfarrer bekleidet, das ist die Tatsache, daß Kurt Raths ein Mensch ist, der immer ein offenes Ohr und ein ehrliches Herz für seinen Mitmenschen hat!

Hierfür sei auch an dieser Stelle besonders gedankt! Seine vielen Freunde in Stadt und Land wünschen von Herzen, daß Pastor Raths auch in Zukunft uns allen - in bester Gesundheit - noch recht lange Seelsorger, Lehrer und Freund bleiben möge!