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Heimarbeit zur Sommerzeit

Meine Kinderzeit lag in den goldenen "zwanziger Jahren", in den Jahren, in denen die jungen Mädchen das Lied von dem Gigolo sangen, der der Zeit nachtrauerte, in der er noch als Husar goldverschnürt durch die Straßen der Stadt geritten war. -

Indem man ferner von dem Herzen sang, das man in einer lauen Sommernacht in Heidelberg verloren hatte - und von dem elektrischen Klavier, das in einer kleinen Konditorei ganz leise klimperte.

Es waren die Jahre meiner Kindheit und ich sehe sie vielleicht - gerade deshalb - durch eine rosarote Brille der Erinnerung, die nichts weiß von den Sorgen und den Nöten der Eltern.

Vater war damals häufig arbeitslos. Er war auch nicht ganz gesund und oft hatte er einen bösen Husten, der die Mutter besorgt aufblicken ließ. Mehrere Male war er in Stiege im Harz, in einer Lungenheilstätte gewesen und jedes Mal, wenn er wieder zurück in unsere kleine Stadt am Elm gekommen war, hofften beide, Vater und Mutter, dass nun alles wieder gut werden würde. Aber ich war zu dieser Zeit noch ein kleiner Junge und ich weiß nur, dass Vater jedes Mal, wenn er wieder einmal nach längerem Aufenthalt in Stiege zu uns nach Königslutter zurückkehrte, einen kunstvoll aus Holz geschnitzten, bunt bemalten Vogel mit nach Hause brachte, der sein Gefieder breit auseinander spreizte und dann, an einem Zwirnsfaden befestigt, unter der Decke, in unserer Küche schwebte.

In jenen Jahren war es auch, dass Vater im Sommer des morgens früh schon den Handwagen nahm, um mit diesem aus der Konservenfabrik mehrere Zentner grüner Bohnen in unser Haus zu holen.
Die Kreuzburgische Konservenfabrik Meistens fuhr Vater zu der Kreuzburgischen Konservenfabrik, die an der Arndstraße lag. Es kam aber auch des öfteren vor, dass Vater mit leerem Wagen wieder zurückkehrte; da waren bereits viele andere Leute vor ihm da gewesen und so hatte er keine Bohnen mehr für uns abbekommen.

War das Glück Vater aber hold gewesen und er kam mit einem beladenen Wagen nach Hause, so war dann jedes Mal die Freude groß. Da setzte sich dann die ganze Familie rings um die ausgeschütteten Bohnen herum, die nun schürzenweise von allen aufgenommen wurden, um fein säuberlich von den Fäden befreit zu werden. Man nannte das "Bohnen abziehen".

Waren die Bohnen an beiden Seiten von den Fäden befreit, so wurden sie wieder in die leeren Säcke zurückgeschüttet und später zur Konserve zurückgebracht.

Es war dieses gewiss eine mühsame und langwierige Arbeit, die viel Fingerfertigkeit von allen verlangte. Ich weiß noch heute, dass die Zeit gar nicht verstreichen wollte, ehe wieder ein Sack fertig gefüllt war. Aber die Eltern waren dankbar für jede Mark, die sie so zu unserem Lebensunterhalt dazu verdienen konnten.


Spargelschälen in der Konservenfabrik Oft waren es auch Karotten oder Mohrrüben, die ausgeschnitten werden sollten. Hierzu hatten wir dann Karottenmesser und man musste den Bogen gut raus haben, wollte man schnell und sauber hiermit arbeiten. Gegen Abend, nach getaner Arbeit, wurde wieder der Handwagen mit den Säcken vollgeladen, um nun zu der Konserve diese wieder zurückzubringen. Dann kam es aber auch in der Hauptsaison vor, dass Vater abends wieder vollbeladen zurückkam. Nun wurde bis tief in die Nacht hinein weitergearbeitet, um diese Ladung morgens früh wieder abzuliefern.

Diese Erinnerungen, die in die frühen Kinderjahre meines Lebens fallen, an die ich aber schon bewusst zurückdenken kann, sind irgendwie geprägt von einer besonderen, unvergessenen Atmosphäre. Sie hat sich auch besonders in mein kindliches Gemüt eingeprägt. Bei dieser Arbeit an den Bohnen und Karotten wurden viele Gespräche zwischen Vater und Mutter geführt. Es waren aber auch oft Freunde und Bekannte zugegen, die uns bei der Arbeit mithalfen oder einfach dabeisaßen und miterzählten.

Da ging es dann um allerlei Erlebnisse und Begebenheiten aus dem Leben der Eltern und der Bekannten, aber nicht selten auch um Hexerei, Spuk und andere seltsame und sonderbare Ereignisse und Dinge.

So weiß ich noch, wie oft ein alter Veteran, der den Feldzug 1870/71 gegen Frankreich mitgemacht hatte, von seinen Erlebnissen in jenem nun über hundert Jahre zurückliegenden Kriege erzählte . Dann wurden Vergleiche gestellt gegenüber dem damals erst wenige Jahre zurückliegenden großen Kriege von 1914/18 und es mögen sich manche Übertreibungen eingeschlichen haben, die dem kleinen Jungen jedenfalls ungeheuerlich und abenteuerlich erschienen sind.

Da wurde von dem "groten, swarten Köter" erzählt, der sich bei den damals erst neu erbauten Häusern am Rischbleek, vor dem "Bronswiek'schen Dore" herumgetrieben haben soll. Er hat sich durch nichts vertreiben lassen. Erst als Eigenfeldts Tochter, ein blühendes, junges Mädchen ganz plötzlich gestorben war, da hätte man den "swarten Tewen" nicht mehr gesehen.

Die Leute glaubten damals fest an diese Dinge - ich weiß nicht, ob es heute anders geworden ist, fest steht nur, dass mir jedes Mal ein Gänsehaut den Buckel heruntergekrochen ist und dass ich des Abends, wenn ich ins Bett hinein musste, das Deckbett über den Kopf gezogen habe, um so gefeit zu sein gegen "Düwelsspauk un Hexerie". Diese Jahre waren für meine Eltern gewiss nicht "golden". -

Was nützt aber heute diese Erkenntnis, nach mehr denn einem halben Jahrhundert? -

Für mich jedenfalls, dem kleinen Jungen von der Neuenstraße in Königslutter am Elm, waren es die schönsten Jahre meines Lebens, die Jahre, in denen jeder Tag, im Ablauf der Monate, noch voller Geheimnisse, voller Spannung war. Eine Zeit, in der man jeden Tag neue Dinge kennenlernen und entdecken konnte und in denen ich mich noch geborgen wusste, im Schoße der Familie, unter dem alten Dach meines kleinen Elternhauses....

Heinz-Bruno Krieger