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Luttersche Himmelfahrt

Ein besonderer Tag im bunten Kranz der Feiertage meiner Kinderjahre war von alters her Christi Himmelfahrt.

Nicht nur, dass wir Kinder schulfrei bekommen hatten und des Morgens früh die Kirchenglocken von den Türmen der Stadt laut und feierlich ihre ehernen Stimmen erschallen ließen, sondern darüber hinaus war dieses Fest gerade für uns Kinder immer wieder voller freudiger Erwartungen, kamen doch Jahr für Jahr die Studenten nach Königslutter, um hier mit der Jugend allerlei Kurzweil und Späße zu treiben.

Schon des Morgens in der Frühe war in den Straßen der Stadt ein reges Leben zu beobachten. Die jungen Burschen und die Männer aller Altersgruppen zogen singend mit bunten Bändern geschmückt in den Elm hinauf. Die Peitschen der Kutscher knallten und lange Plattenwagen und viele Kutschen, geschmückt mit Fahnen und frischem Maigrün, vollbeladen mit Bier und lustigen Himmelfahrtsfahrern belebten die Straßen der sonst so ruhigen Stadt. -

Es galt zwar gerade von diesem Tage von jeher die Redensart: "Himmelfahrt regnet es" - und in der Regel traf diese Wettervoraussage auch immer zu, aber das hinderte niemanden daran, gerade an diesem Tage fröhlich und lustig zu sein.

Der Höhepunkt des Tages war für uns Kinder dann der Spätnachmittag, an dem auf dem Marktplatz vor der Apotheke bis zum Stadtkeller hin lange Tische und Bänke vom Stadtkellerwirt aufgestellt wurden. Jahr für Jahr kamen an diesem Tage, wie schon oben gesagt, die Studenten in unsere kleine Stadt, um hier, nachdem sie tags über den Elm durchwandert hatten, in munterer und fröhlicher Runde bei Speise und Trank noch ein paar lustige Stunden mit der Jugend zu verbringen.

Das war schon zu meiner Mutter Kinderzeit, Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts so gewesen. Vielleicht war dieser Brauch aber noch ein Relikt jener fernen Zeit, in der im nahen Helmstedt die ALMA MATER JULIA den Stolz des ganzen Landes Braunschweig gebildet hatte.

Da standen nun die lutterschen Jungen und Mädchen schon lange vorher auf dem Markte und warteten voll Spannung auf die jungen Akademiker, die bereits von weitem, mit freudigem Gejohle und Hallo angekündigt und empfangen wurden.

"Dä Studenten komt, dä Studenten komt...", so scholl es laut durch die Straßen der kleinen Stadt dem Markte zu.

Das war dann aber auch immer ein lustiges Treiben. Die Studenten in ihrem bunten Couleur aufgeputzt, mit Mützen und Bändern geschmückt, nahmen fröhlich Platz an der langen Tafel. Es wurde ein Fass Bier aufgelegt, aus dem nun unermüdlich das kühle Nass floss, um die immer trockenen Kehlen der jungen Männer anzufeuchten und zu erfrischen. In der Mitte des Marktplatzes, dem Stadtkeller zu, stand ein großer, mehrarmiger Gaskandelaber, an dessen Arme allerlei Süßigkeiten, aber auch Würste und andere Dinge aufgehängt waren. Da kletterten dann die Jungen hinauf, um sich aus luftiger Höhe ihren Lohn herunterzuholen.


Der Stadtkeller am Markt in Königslutter Es wurden Lieder gesungen und viele lustige und wichtige Reden gehalten. Zum Kurzweil wurden allerlei Späße vorgespielt und viel Schabernack getrieben. Die Studenten sparten mit ihren Scherzen nicht, sie sparten aber auch nicht mit ihren Münzen, die sie reichlich an die Schuljugend für jede Leistung und Darbietung verteilten.

An einem dieser Himmelfahrtstage, vor vielen Jahren, es muss so um 1927/1928 gewesen sein, war ich selbst einmal, wenn auch nur für wenige Minuten, Mittelpunkt eines solchen Geschehens.

Es hatte den ganzen Tag in Strömen geregnet und es war so recht ein zünftiger Himmelfahrtstag gewesen, da es ja einfach, wie oben schon gesagt, sprichwörtlich war, dass es an diesem Tage regnen sollte. Die Studenten waren sich auch an diesem Tage unerschütterlich ihrer Tradition bewusst gewesen und kamen wie eh und je, auch dieses Mal wieder zum Marktplatz, um hier den Tag in altgewohnter Weise ausklingen zu lassen.

Der Wettergott hatte aber auch an diesem Tage noch ein Einsehen gehabt, und nun saßen die jungen Männer, wie jedes Mal, an den langen Tafeln. Die Jungen und Mädchen freuten sich über die Späße und die Groschen, die sie nun wieder von den fröhlichen Gästen ergattern konnten. Überall in den Gassen und Vertiefungen der Straßen und des Markte standen noch die Wasserpfützen. Die Röcke der Studenten schillerten bunt von der eingedrungenen Nässe des hinter ihnen liegenden Regentages.

Da plötzlich kam es über mich! -

Ich drängte mich an einem der Tische heran und ich weiß es heute selber nicht mehr zu sagen, woher ich den Mut hierzu genommen habe. Waren es nun die Wasserlachen der Straße oder die nassen Buckel der Studenten, ich dachte jedenfalls, ich müsse allen etwas Mut machen und hierzu etwas zu sagen. Kurzum, plötzlich war ich auf einen der Tische gestiegen und schaute nun von hier oben wie ein kleiner König über den ganzen, weiten Marktplatz mit seinen vielen, fröhlichen und neugierigen Menschen hinweg.

Dann fing ich laut zu sprechen an, so laut, dass es ja alle gut hören konnten, was ich da zu sagen hatte. Es waren die Verse eines Gedichtes, das wir erst wenige Wochen vorher in der Schule auswendig gelernt hatten. Ich weiß von diesem Gedicht heute nur noch den Vers, der so trefflich zu dem verregneten Himmelfahrtstag gepasst hatte. Er lautete folgendermaßen:

"Was ist das für ein Wetter heut, es regnet ja wie toll.
Die Straße ist ein großer See, die Gosse übervoll. -
Der Karo liegt im Hundehaus und lacht das Wetter aus!
Lasst regnen, was es regnen will. Lasst alles seinen Lauf.
Und wenn's genug geregnet hat - dann hört's auch wieder auf!"

Als ich nun mit meine Versen geendet hatte, erscholl lauter Beifall und lautes Gejohle von allen Seiten. Ich wurde rot wie ein Pudel und mir wurde für dieses treffliche Gedicht der "fürstliche Lohn" von sage und schreibe einer halben Mark zuteil! -

Das war für mich, bis dahin gesehen, eine, in des Wortes wahrstem Sinne, riesige und unvorstellbare Menge Geld. In meinem Leben hatte ich vorher noch niemals so viel Geld für mich besessen. Da stand ich nun wieder unten, zwischen all den vielen Jungen und Mädchen, und hielt meinen Schatz ganz fest in meiner kleinen Faust. Später dann, als der ganze Trubel vorbei war und die Studenten zum Bahnhof abgezogen waren, eilte ich voller Freude durch die Tjetje hindurch, den kürzesten Weg nehmend nach Hause, um hier den staunenden Eltern von meinem Erlebnis mit den Studenten zu berichten.

Das war mein erstes Honorar, der erste Lohn für geistige Arbeit. Ich habe das Geld nicht lange behalten. Bald war es wieder ausgegeben. Die Erinnerung an dieses kleine Erlebnis aber ist bis auf den heutigen Tag nicht in mir erloschen.

Die Studenten sind noch oft, Jahr für Jahr, Himmelfahrt nach Königslutter und in den schönen Elm gekommen. Es muss wohl mit Anbruch der NS-Zeit - 1933/34 gewesen sein, dass auch diese schöne Tradition dem Zeitgeschehen zum Opfer fallen musste. In den Herzen derer aber, die diese schönen Stunden miterleben durften, werden sie wohl für immer unvergessen geblieben sein. -

Heinz-Bruno Krieger