Startseite -> Index

Luttersche Schulfeste zur Weihnachtszeit


Das Deutsche Haus an der Braunschweiger Straße Jedes Jahr, einige wenige Wochen vor Weihnachten, fanden an mehreren Abenden auf dem großen Saal des "Deutschen Hauses" die Weihnachtsfeiern der Schulen statt.

Hierzu nun wurde schon Wochen vorher geübt und tüchtig geprobt. Jede Schule und jede Klasse hatte den Ehrgeiz, kleine Theaterstücke, gesangliche und musikalische Darbietungen und dergleichen mehr, der Öffentlichkeit vorzutragen. Da war dann jedes Mal eine sehr große Vorfreude bei Eltern und Kindern zu bemerken, die sich durch nichts überbieten ließ.

Ein Jahr, es kann um 1930 gewesen sein, durfte ich auch in einem kleinen Märchenstück mitspielen. Zusammen mit noch anderen Schulkindern spielten wir kleine Erdmännchen, die im Winterwald, zur nächtlichen Stunde, hier ihr heimliches Wesen trieben.

Es war alles so aufregend, so interessant, dass man nicht nur vorher schon wochenlang auf diesen Auftritt wartete, sondern dass sich diese Ereignisse kindlichen Erlebens ein Menschenalter hindurch in den Erinnerungen erhalten haben.

Besonders eindringlich und nachhaltend auf meine Entwicklung wirkte die Aufführung eines kleinen, volkstümlich gehaltenen Stückes, in dem eine altbäuerliche Spinnstube aus Urgroßvaters Zeiten den Mittelpunkt der Darbietung bildete.

Da saßen die Mädchen in alten, schönen Volkstrachten unserer braunschweigischen Heimat vor ihren Spinnrädern. Bauernburschen mit ihren malerischen weißen Mänteln, die innen rot ausgefüttert waren, auf dem Kopf einen Dreispitz oder eine Fellmütze, stürmten herein. Es wurden alte Volksweisen gesungen, es wurde getanzt und gesprungen und es war eine allgemeine Fröhlichkeit auf der Bühne, die sich spontan auf den ganzen Saal, auf die vielen, vielen jungen und alten Zuschauer ausbreitete. -

Ich weiß heute, nach all den vielen Jahren, nicht mehr den genauen Verlauf dieses schönen, kleinen Stückes. Auf jeden Fall war ich aber so tief beeindruckt von dieser Darbietung altväterlicher Lebensweise, dass ich mich zu Hause noch lange Zeit mit meiner Mutter über jene längst verschwundene Welt der Alten unterhalten habe. Ich fasste damals den Gedanken, ebenfalls ein ähnliches Stück aus den Erzählungen und Erinnerungen der Mutter zu schreiben. Nachdem ich dann einige Seiten in einem Schulheft vollgeschrieben hatte, war ich jedoch von meinem ersten "schriftstellerischen Versuch" so enttäuscht, dass ich es bald darauf wieder zerrissen und verbrannt habe.

Etwas aber hatte mir gerade jene kleine Darstellung doch fürs ganze Leben mitgegeben. Ich hatte beim Anblick jener Spinnstube eine innere Sehnsucht empfunden, die sich zurückerinnerte an die vielen Gestalten und Erlebnisse der Ahnen, hier, in unserer engeren Heimat am Elm, von denen die Mutter mir seit meiner frühesten Kindheit berichtet hatte.

Hier, in dieser Vorweihnachtsstunde beim Schulfest im "Deutschen Haus" glaubte ich sie plötzlich alle lebendig vor mir erstanden zu sehen! -

Wer von uns kennt nicht die vielen schönen, altvertrauten Bilder aus dem braunschweigischen Volksleben, wie sie uns der unvergessene Braunschweiger Maler Carl Schröder so unvergleichlich zeitlos in seinen Werken übermittelt hat? -

Da waren sie auf der Bühne und ich glaube es ruhig behaupten zu dürfen, dass in jener Stunde in mir der Gedanke wachgerufen wurde, das festzuhalten, was ich seltsam und sonderbar aus dem Gehörten meiner kindlichen und elterlichen Umwelt in mir aufgenommen hatte und das ich es schon damals meiner Meinung nach für richtig hielt, dieses der Nachwelt aufzuschreiben.

Damals reifte in mir der Entschluss, geweckt durch jenes kleine Stück, auch etwas für die Heimat zu tun. So bin ich noch heute jenem Abend dankbar, der mir den Weg hierzu gewiesen hat.

Wie seltsam es jedoch oft im Leben zugeht, sollte ich viele Jahre später erfahren.

Es war bei einem der vielen, unvergessenen Besuche und Gespräche mit meinem Freunde Dr.med. Fritz Barnstorf. Ich kam auf diese Vorweihnachtsstunden meiner Kinderstube zu sprechen und erwähnte hierbei auch jene Spinnstube mit liebevollen und gewiss auch etwas wehmutsvollen Worten. Wie viele Jahre waren seitdem dahingegangen und wie viele liebe Menschen waren im Laufe der Jahre von hier gegangen und nicht mehr da. -

Da plötzlich merkte ich auf einem Mal, wie die Augen meines lieben, väterlichen Freundes seltsam hell aufleuchteten. Er erzählte mir nun, dass er selbst es gewesen war, der jenes kleine Stück bäuerlichen Lebens unserer Altvorderen vor vielen Jahren einmal geschrieben hatte. Es war dann von seiner Frau - die damals allerdings noch seine Braut gewesen war und an der hiesigen Schule als Lehrerin tätig war - mit großem Verständnis anerkannt und aufgenommen worden. Sie hatte es dann mit den Schulkindern der Mittelschule einstudiert und zu jenem Weihnachtsfeste meiner Kinderjahre aufgeführt.

Wie seltsam und verschlungen sind doch oft unsere Lebenswege?

Erinnerungen werden wach und nach vielen, vielen Jahren gewinnen wir Erkenntnisse, die uns zeigen, wie auch hier sich der enge Kreis wieder schließt, der unser Leben begrenzt. -

Was wissen wir Menschen überhaupt von der großen Hand, die unser Leben hier bestimmt?

Wir können es oft nicht verstehen oder ahnen und doch werden wir alle gelenkt und letzthin zu dem bestimmt, zu dem man sich ein langes Leben hindurch entwickelt hat. -

Heinz-Bruno Krieger