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Mein Elternhaus

Auf der Neuenstraße in Königslutter steht mein Elternhaus.

Klein, eng und fast erdrückt duckt es sich mit seinem hohen, alten Dach zwischen den beiden großen Nachbarhäusern zur rechten und zur linken. -

Das alte Haus - Anno 1722 erbaut - war seit Generationen im Besitz unserer Familie. Mit seinen Kammern und Stuben, Stallungen und Böden war es das Herzstück meiner kindlichen Welt, in dem ich darüber hinaus Zeit meines Lebens gewohnt und gelebt habe, mit Ausnahme der Jahre 1939 - 1945, in denen ich als Soldat draußen in der Fremde gewesen bin.

Was gibt es nicht alles zu erzählen aus dem gemeinsamen Leben mit diesem alten Haus?

Wie viele Menschen gingen hier ein und aus und wie viele interessante Begegnungen, Gespräche und Erlebnisse stehen vor meinem geistigen Auge auf, denke ich zurück an die vielen Jahre, die seit meiner Kindheit vergangen sind.

Es war dieses Haus, gehäuft voller Erinnerungen an die alte Zeit der Väter. Alle diese Erinnerungen lebten in dem Bewusstsein der Familie, weitergegeben, von Generation zu Generation.

Auf dem Hausboden stand noch das alte Spinnrad der Großmutter, welches diese als junges Mädchen von ihrer alten Muhme zum Gevattergeschenk bekommen hatte. Die Haspel war vom Wurm angenagt und die alten Hecheleisen mit ihren langen, spitzen Nägeln standen ebenfalls noch in einer Ecke, und die bunten Bauernblumen, die ringsum auf die Bretter gemalt waren, zeigten Initialen und Jahreszahlen aus Urgroßmutters Zeiten.

In dem großen Holzkoffer mit seinem runden, schweren Deckel, der mit Eisenbändern verschlungen beschlagen war, lagen noch immer die großen, schweren Leinentücher, die Bettbezüge, Kopfkissen und Handtücher, die aus dem Garn, das die Urahne gesponnen und aus dem der Leineweber im Dorfe, das gute Leinen, mit der Hand auf seinem Webstuhl gewebt hatte, gefertigt worden waren.

Da lag der Duft der fernen Zeit in jenem Laken und die Machangel und Waldmeistersträußchen, die Nägelein und Rosmarien, die die Urahne vor mehr denn zweier Menschenleben zwischen die Leinentücher gelegt, strömten ihren zarten Reiz noch immer in eine andere, veränderte Welt. -

An den Wänden hingen noch die großen, runden Scheffel, in denen der Urgroßvater in seiner Jugens das Korn gemessen hatte und in der einen Ecke standen die irdenen Kruken und Ernteflaschen, die der Töpfer vor Generationen aus heimischem Ton geformt und gebrannt hatte.

Überall, in Diele und Kammern, hingen die alten bunten Lithographien, Frühling, Sommer, Herbst und Winter in modischen Frauenbildnissen der Biedermeierzeit darstellend.

Daneben hingen die alten Kupfer- und Stahlstiche, aus dem die Zeit des aufsteigenden 19.Jahrhunderts, die Befreiungskriege, Napoleon und der "schwarze Herzog von Braunschweig-Oels" dargestellt waren. Ein Bild zeigte Napoleon auf der Flucht von Russland kommend, auf dem Schlitten sitzend, in Eis und Schnee. Mutter wusste für alles eine Erklärung. Immer verwebte sie ihre Erzählungen mit den Erlebnissen der Ahnen, die diese zu ihrer Zeit mit den großen Ereignissen der Geschichte verbunden hatte. -

Da war der alte Julius Scherenberg, der Vater ihrer Großmutter, der in Grasleben einen Schriftsassenhof, verbunden mit der Kruggerechtsame, sein eigen genannt hatte. Viele Jahre war er auch der Gemeindevorsteher dieses, seines Heimatdorfes gewesen. Als die geschlagene Armee Napoleons anno 1812/13 von Russland her auch durch das kleine, braunschweigische Dorf im Lappwald kam, da hatte dieser treffliche Mann große Kessel voll Braunkohle für die hungernden Soldaten kochen lassen und keiner der zerlumpten und zum Teil verwundeten, armen Soldaten ging ohne eine warme Mahlzeit, ohne ein dicke Scheibe Brot von der Schwelle des barmherzigen Mannes fort.

Als dann später die Urahne aber selbst für ihre vielen kleinen Kinder, die die Scherenbergs ihr eigen nannten, Brot backen wollte, da kam der Altknecht, der sein Leben lang auf dem Hof gedient hatte, mit hängenden Schultern vom Kornboden herunter.

"Et is nist mehr da, Frau!" sagte er, "dä grote Armee hat alles oppegäten..." -

Ein anderer Wackerer aus dieser Zeit der Befreiungskriege war der Bruder einer Urahne aus Schöningen mit Namen Ernst Jahns. Er war damals mit den Westfalen nach Russland gezogen. Vergebens warteten Mutter und Geschwister noch Jahre später auf seine Heimkehr. Nacht für Nacht hütete man damals in dem Hause der Urahne die Flamme des Herdes und Mutter wusste zu sagen, dass die Altmutter immer noch Jahre später gesagt habe: "Mäkens lat dat Füer nich utgahn, damidde dä Junge, wenn hai wedder na Huse kümmt, ja gliek aine warme Suppe kriejen dait!" -
[Mädchen, lasst das Feuer nicht ausgehen, damit der Junge, wenn er wieder nach Hause kommt, ja gleich eine warme Suppe kriegen kann!]

Aber der liebe Ernst ist nicht wieder nach Hause, in die Heimat am Elm zurückgekommen. Verschollen in den Weiten des Ostens liegt er irgendwo an unbekanntem Orte. -

Der Vater von Mutters Vater - mein Urgroßvater Peter Uder, war als junger Freiwilliger mit dem Herzog von Braunschweig - Oels in den Krieg gegen Napoleon gezogen. Bei Quatrebras sah er den Herzog, der wegen seiner liberalen und aufgeschlossenen Art bei den Soldaten sehr beliebt gewesen war, von feindlicher Kugel durchbohrt zur Erde sinken. -

Das war für die Braunschweiger ein hoher Verlust. Bei Waterloo waren sie dann dabei, als die entscheidende Schlacht gegen den Kaiser der Franzosen geschlagen wurde. Das Korn stand damals hoch auf dem Halme und die Sonne brannte unbarmherzig auf die Jungen hernieder.

Mit der Waterloo-Medaille ausgezeichnet war er wieder in seine Vaterstadt Königslutter am Elm zurückgekommen. Ein halbes Jahrhundert später, 1865, fuhr er mit noch einigen wenigen Kameraden aus jener Zeit mit der Pferdedroschke, eine Bahnverbindung gab es zu dieser Zeit noch nicht, nach Braunschweig, um hier als Ehrenveteran an der großen, goldenen Jubelfeier zur Erinnerung an jene denkwürdige Schlacht bei Waterloo von 1815 teilzunehmen. -

Wenige Jahre später, am ersten Weihnachtstage 1868, segnete er das Zeitliche. Er hat nicht mehr erlebt, dass zwei seiner Söhne, darunter mein Großvater als Husar im selben Regiment, in dem sein Vater gedient hatte, 1870/71 wieder gegen Frankreich, dieses Mal gegen Napoleon III., ins Feld ziehen würden. In dem Hause meiner Eltern aber lebten diese alle in den Erinnerungen weiter, bis auf die Tage meiner Kindheit.

So war denn keiner ausgenommen, der nicht ein Stück Lebensweisheit, Lebenserfahrung, zurückgelassen hatte. Über die Zeiten hinweg, von Generation zu Generation woben diese Verbindungen ihr Band - bis in die Gegenwart hinein! -

Unter der alten Wendeltreppe, die in das obere Stockwerk hinauf führt, befand sich die sogenannte "dunkle Küche". Über der uralten Herdstelle mit dem großen Kessel war der offene, hohe Schornstein, der dunkel und geheimnisvoll, schwarzglänzend vom Ruß vieler Jahrzehnte, durch das ganze Haus bis in den Himmel hinein empor ragte. In diesem Schornstein war oben eine Räucherkammer eingerichtet gewesen, in der noch meine Großeltern und viele Generationen davor Wurst und Schinken geräuchert hatten. Noch waren die uralten eisernen Haken und Bänder in der Schornsteinwand vorhanden, an denen die Alten die Würste gehängt hatten, und noch werden viele Erinnerungen aus dieser Räucherzeit erzählt, in der nur dicke, buchene Kloben im Hause verbrannt werden durften, damit die Wurst die richtige Räucherwürze erhalten würde.

Hier, in dieser kleinen, dunklen Küche hörte und lernte ich auch zum ersten Mal das alte Kinderlied, das man schon vor Generationen hier bei uns im Braunschweigischen den Kindern vorgesungen hatte:

"Hänschen sat in' Schorstien, [Hänschen saß im Schornstein]
un flicke seine Schauh, [und flickte seine Schuh]
da kam son lüttjet Mäken her, [da kam so ein kleines Mädchen her]
un sah sau niepe tau! - [und sah genau zu]
Hänschen, wenne frieen wut, [Hänschen, wenn du freien willst]
dann friee du doch mick. [dann freie du doch mich]
Ick hewwen blanken Daler, [Ich habe einen blanken Taler]
den will ick gewen dick. - [den will ich geben dir]
Hans nimm se nich - Hans nimm se nich,
sei hat en scheiwen Faut! -[sie hat einen schiefen Fuß]
Smer Salwe drop, smer Salwe drop,[Schmier Salbe drauf, schmier Salbe drauf]
Dann warte wäer gaut!"[Dann wird es wieder gut!]

Dieser Raum , der gänzlich von dem großen Schornstein beherrscht wurde, war geradezu geeignet für dieses uralte Kinderlied, in dem vom Hänschen die Rede war, der im Schornstein saß und seine Schuhe flickte. - Hier, in der dunklen Kammer - der dunklen Küche - befand sich auch der Zugang zum Keller des alten Hauses. Eine Falltür, oder besser gesagt Fallklappe, verdeckte die steile Kellertreppe, die in das aus dicken Felsenquadern gebaute und zum Teil in den Ducksteinfelsen hinein gehauene Kellergewölbe herabführte.

Wie oft saß ich als kleiner Junge hier in der dunklen Küche, die damals, noch mit einer Petroleumlampe erleuchtet, voller Geheimnisse und voller Schatten war. Ich höre noch das Brutzeln des brodelnden und schäumenden Kessels, vernehme noch den Duft des kochenden Zwetschenmuses und höre ferner das Rubbeln des "Plumenpümpels", wie das galgenförmige Holz genannt wurde, mit dem der Vater in dem kochenden Zwetschenmus hin und her fuhr, um dieses vor dem Anbrennen zu bewahren.

Es sind dieses alles, im Ablauf eines langen Lebens, Erinnerungen an die alte Zeit, die unvergesslicher Bestand sind. -

In der Wurstkammer - dä Wostekamer - oben, unter der Bodentreppe, in der noch der alte Schrank aus dem Haushalt der Urgroßeltern stand, und die ihren Namen daher erhalten hatte, dass hier die Großeltern und die Generationen davor ihre Würste und das Eingeschlachtete in "Spielen", an eisernen Haken unter der Decke hängen gehabt hatten, lagen nun dicht bei dicht die dicken Grafensteiner und Renetten, die in dem großen Garten am Kluskampe, der zum Hause gehörte, gewachsen waren.

Generationen hindurch hatte dieser Garten den Urahnen, wie auch uns, viele Jahrzehnte hindurch die köstlichsten Früchte geschenkt.

Dann gab die Mutter uns Kindern vor dem Schlafengehen noch jedem einen Apfel mit ins Bett, und immer freuten wir uns und waren dankbar für die schöne, reife Gottesgabe, die einem durch den Fleiß der Väter gegeben war.

Lagen wir dann des Abends in unseren Betten und der Mond stand groß und kupferfarben am Himmel und sah mit seinen vielen, goldenen Sternen in unser kleines Kämmerlein, dessen Fenster weit offen standen, und in das im Sommer der Duft der Erntezeit hereinströmte, so segelten wir friedlich hinüber in das Reich der Träume. Die alten Balken im Hause dehnten sich und knarrten und die Katze auf der Treppe schnurrte im Schlaf. Aus dem Stalle klang leise der verhaltene Ton einer Kette, die gegen die Hille gekommen war. Sonst herrschte Ruhe und Frieden im Hause. -

Im Nachbarhause lag der Nachbar krank zu Bett. Die Gedanken der Umwelt wünschten ihm einen guten, genesenden Schlaf. Das war die Atmosphäre, die in meinem Elternhause herrschte. Die Welt war noch geborgen in Gotteshand. Die Ungerechtigkeiten, von denen die Großen sprachen, und von denen man hin und wieder etwas aufschnappte, waren meistens in weiter, weiter Ferne, außerhalb des Einflusses unserer bescheidenen, aber doch so glücklichen Welt. Die Jahre sind seitdem dahingeeilt. Es ist alles anders geworden. Die Erinnerung lässt oft die alten Bilder wieder vor einem auferstehen und in unserem Herzen klingt verhalten eine Seite aus, wie die Melodie eines alten, schönen Volksliedes. -

Heinz-Bruno Krieger