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Schulfeste zur Sommerzeit

Eine immer wieder herbeigesehnte Abwechslung im täglichen Einerlei der Stadt war im Sommer das Schulfest, das auf der "Kämmerei-Plantage" an der Fallersleber Straße von den Schulen veranstaltet wurde. Die einzelnen Klassen versammelten sich früh genug auf den verschiedenen Schulhöfen, um von hier aus im langen Zuge zum Sportplatz auf der Plantage hinunterzuziehen.

Vorweg marschierte der Spielmannzug mit seinen Trommlern und Pfeifern, muntere Märsche und Weisen spielend. Die blau-gelben Fahnen mit dem weißen, springenden Pferde, auf rotem Grunde, umrankt von Eichenkranze, wehten den einzelnen Klassen und Schulen voran. Die Kinder waren von den Müttern aufs Beste herausgeputzt. Die kleinen Mädchen trugen Rosenkränze in den Haaren, runde Girlandenstöcke und Blumenkörbchen in den Händen.

Auf der Plantage waren lange Tafeln mit Bänken aufgestellt, an denen die Familien Platz nehmen konnten. Zuckerbuden und Kaufstände waren überall aufgebaut. Die Bäcker der Stadt verkauften "dicke, fette Eierkuchen" - eine alte luttersche Spezialität der Schulfeste, die dann auch immer in kurzer Zeit von den Leuten gekauft und verschlungen waren. -

Die Mütter nahmen gemahlenen Kaffee, Geschirr - Kanne, Tassen und Teller - mit. Heißes Wasser konnte man hier vom Plantagenwirt Carl Behrens gegen ein paar Pfennige Entgelt erhalten. Die Stadtkapelle Ebeling spielte unter den alten Ahorn- und Kastanienbäumen muntere Märsche und Weisen, die weit hinaus über das Land und über den großen, buntbelebten Platz schallten.

Was war das dann aber auch immer ein reges, vielgestaltiges Leben. Die vielen Klassen trugen ihre Spiele und Reigen vor. Die kleineren Kinder kletterten hohe Stangen empor, hüpften in Säcken um die Wette und hieben mit verbundenen Augen lange Stöcke im Kreise schlagend herum, um so den Topf zu treffen, der in der Mitte der Runde stand.

Waren die Spiele ausgetragen und die Kinder hatten mit ihren Eltern und Geschwistern sich an Kaffee und Kuchen reichlich gütig getan, so rief ein lauter Tusch der Kapelle die vielen Menschen auf dem Sportplatz zusammen. Nun wurden große Luftballone aufgelassen. Sie stiegen hoch in die Lüfte empor und zogen weit, weit mit den Wolken in die Ferne des Himmelszeltes hinaus.

Das war dann immer eine große Freude und ein großes Gaudium, wenn wieder ein Ballon emporgestiegen war. Den Abschluss der unvergleichlich schönen und unvergessenen Stunden bildete am Abend eine große Polonaise. Die Jungen und Mädchen stellten sich zu Paaren auf, um dann in zierlichen Figuren und Quadrillen die ersten Tanzschritte zu wagen. Nicht selten wurden schon damals bei diesem festlichen Abschluss die ersten, zarten Bande geknüpft, die dann später ein langes Leben hindurch halten sollten. Inzwischen waren die Schatten länger geworden. Die ersten Sterne standen bereits am Himmel, als sich der lange Zug formierte, um nun zurück in die Stadt zu ziehen. -

Vorweg marschierte nun die Kapelle Ebeling. Laut und deutlich erscholl über die Menge hinweg das Lied von den "lustigen Braunschweigern", das alte Lied unserer Heimat, das schon die Väter so sehr geliebt hatten und deren Verse fröhlich von Jung und Alt mitgesungen wurden. Die vielen, bunten Lampione brannten in leichtem Schwung der abentlichen Lüfte hin und her, und viele, viele Sonnen, Monde und Sterne - Laternen und Kugeln beleuchteten bunt den Heimweg in die Stadt.

Der Marktplatz füllte sich voller Menschen. Die Gaslaternen des großen, alten Kandelabers, der auf dem Markte vor dem Stadtkeller stand, mischten ihr Licht mit dem der vielen bunten Lampione der Kinder. Der Schuldirektor hielt von der Balustrade des Stadtkellers herunter eine Ansprache, deren Höhepunkt dann meistens für uns Kinder dahingehend gipfelte, dass am anderen Morgen der Schulbeginn eine Stunde später angesetzt war.

Nun wurde das "Deutschlandlied" gemeinsam von der großen Menge gesungen - und alles begab sich fröhlich und ach so müde und abgespannt dem heimischen Herde zu, um bald darauf im tiefen Schlaf die schönen Stunden im Träume noch einmal an sich vorbeiziehen zu lassen.

Heinz-Bruno Krieger