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Und wenn es köstlich gewesen...

Der große Krieg war vorbei. Die alte, Jahrhunderte währende Ordnung war in wenigen Novembertagen im grauen Nebel des scheidenden Jahres 1918 wie morsches Holz in sich zusammengebrochen. Die junge, in schweren Wehen der Zeit geborene Republik wurde erschüttert durch die folgenden Unruhen und Kämpfe des politischen Lebens. Inflation, Wirtschaftskrisen und der tägliche Kleinkrieg um das liebe Brot zeichneten das Bild des Alltags, in dem ich meine Kinderjahre in dem kleinen Hause, inmitten einer alten, kleinen Landstadt im Freistaat Braunschweig verleben durfte.

Waren diese Jahre nun verlorene Jahre? -

Diese Fragen drängen sich vielleicht im Nachschauen für den Außenstehenden auf. Sie mögen vielleicht heute, im Abstand all der vielen Jahrzehnte, die seitdem vergangen sind, berechtigt sein. Sie zu beantworten fällt jedoch, ehrlich gesagt, nicht schwer.

Ich sehe diese Kinderjahre meines Lebens durch die rosarote Brille der Erinnerung, die eben andere Maßstäbe setzt, wie die der Zeitgeschichtler oder Soziologen.

Wir führten zu Hause ein einfaches, aber in all den vielen kleinen Alltagsdingen, die nun einmal so ein Familienleben in einem kleinen Hause mit sich bringen, geordnetes Leben.

Das Essen war immer zu jeder Mahlzeit da und Mutter oder Vater vergaßen nie, ein schlichtes Dankgebet vor demselben zu sprechen. Da Mutter mit jedem Pfennig rechnen musste, war Schmalhans oft bei uns Küchenmeister. Ich selbst habe dieses aber nie verspürt und wir waren immer zufrieden.

Meine Eltern waren, soweit ich zurückdenken kann, immer darum bemüht, uns Kinder von klein auf zu Dankbarkeit und zu Zufriedenheit zu erziehen. Das heißt aber nicht, dass Vater uns zu Duckmäusern erzogen hat, er vertrat eben einfach die Ansicht, dass es zu den verpflichtenden Eigenschaften eines jeden anständigen Menschen gehöre, dankbar und ordentlich zu sein.

Oft, so weiß ich mich zu erinnern, gab es zu Mittag eine Mehlsuppe, in die die Mutter eine Messerspitze voll Margarine hinein gab und die dann die Suppe in der Mitte goldgelb verfärbte. Auch gab sie zur Abwechslung einen kleinen Schuss Himbeersaft hinein, der der Suppe einen feinen aromatischen Geschmack verlieh. Sonntags gab es meistens eine Bouillonsuppe mit Fleisch und Kartoffeln hinterher, zu dem natürlich der "Mostrich" nicht fehlen durfte. Zur Krönung des Essens gab es dann einen Pudding, der auch oft "Flammerie" genannt wurde.

In der Sommerzeit hatte Mutter immer eine große Schale voll roter Grütze oder Götterspeise zubereitet, die sie von den Himbeeren, die wir in unserem Garten ernteten, herrichtete.

Nicht selten gingen wir Kinder auch Sommertags in den Elm, um hier auf Lichtungen des Hülsenberges oder auch in Neuanpflanzungen in der Sunstedter Arge Walderdbeeren oder Waldhimbeeren zu pflücken. Diese Waldfrüchte hatten dann immer ein ganz anderes, liebliches Aroma, wie das ihrer Schwestern im Garten. Da war dann unsere Freude jedes Mal sehr groß, wenn wir unseren Henkeltopf voll der schönsten Waldfrüchte mit nach Hause bringen konnten.

Ich erinnere mich noch genau an solch einen Waldspaziergang zum Hülsenberge, zu dem mich meine Freunde, die Gebrüder Wilhelm und Walter Liebing und die Gebrüder Werner und Waldi Dürkop von der Arndtstraße eingeladen hatten. Wir hatten auf einer Lichtung einen riesig weiten Platz voller Himbeeren gefunden und aßen und pflückten und tollten und tummelten uns lustig und voller Freude hier herum. Als wir des Abends über den Kattbusch, dem Springe zu, nach Hause eilten, hatte jeder von uns seinen Topf voll, um diesen der Mutter mit heimzubringen. Alle diese Jugendfreunde leben - bis auf einen - nicht mehr. Sie sind draußen geblieben, auf den Feldern des großen, unseligen Krieges. So wecken auch diese Betrachtungen jene Erinnerungen, die ganz dicht verwoben sind mit dem Geschehen unserer Zeitgeschichte. -

Im Stalle hatten die Eltern immer mehrere Kaninchen in Holzkisten sitzen, deren Knabbern an dem Holz und lautes Schnuppern und Schmatzen zu den immerwährenden, vertrauten Lauten meiner Kindheit zählten. Diese Haustiere aber mussten immer etwas zu fressen haben. So verging wohl kein Tag im Jahr, an dem nicht für diese Hausgenossen zu sorgen war.

Sprießte im Frühling der erste Löwenzahn, der erste Wegerich, zeigte sich an den Wassergräben oder an den Wegesrainen das erste, zarte Grün. So wurde dieses bis in den späten Herbst hinein für die immer hungrigen Kaninchen herangeholt. Da ging ich dann, mit einem kleinen Hanfsack unter dem Arm zusammengerollt, in die Feldmark hinein, pflückte in den vielen Gartenwegen, die überall, bis fast in das heutige Stadtzentrum hinein, die Landschaft belebten, Saudisteln und Bärentatzen, Löwenzahn und Wegerich, Taubnessel, Klee, Luzerne und Brennessel.

Auf dem Friedhof, zwischen den alten Gräbern, rupfte ich oft den Beutel voll des schönsten Grüns und ich will es nicht verhehlen, dass ich oft eine gewisse Angst hatte, geschnappt zu werden, denn fast alle Wegesränder und Wassergräben in weiter Runde waren an Ziegenzüchter und Schweinehalter von der Stadtverwaltung verpachtet worden. Diese Pächter passten nun eifersüchtig darauf auf, dass ja kein Fremder von ihren Stücken etwas abpflücken würde. Aber was sollten dann die vielen, anderen kleinen Leute sonst wohl machen? - Wovon sollten die vielen, vielen Kaninchen satt werden, die fast in jedem Stall gehalten wurden? Es sei nach all den vielen Jahren, die seitdem vergangen sind, hier bekannt, dass sich immer wieder ein neue Gelegenheit, immer wieder eine neue Stelle, ein frisches Stückchen Erde fand, wo unser Herrgott die schönsten und saftigsten Blätter wachsen ließ und wo der Beutel immer wieder voll werden sollte. -

Wie viele Körbe voll Kartoffelschale habe ich wohl als kleiner Knabe von Freunden und Verwandten meiner Eltern zusammengeschleppt. Immer wieder wurde der oft murrende Knabe dazu angehalten, ja freundlich und dankbar für jede Gabe zu sein, denn, so sagte die Mutter, jede gute Tat, jeder Korb voll Schale sei gewiss auch seines Dankes wert.

Im Konsumverein, auf der Westernstraße, holten wir die Weizenkleie oder das Bollmehl, das die Mutter dazu benutzte, die gekochten Kartoffelschalen mit dieser zu vermengen. Dann war ich bei den Botengängen und Einkäufen immer eifrig darauf bedacht, mir die "Ramablätter" mitzubringen, das war eine Kleinkinder- und Reklameschrift, die wir dann alle zu hause unzählige Male durchstudierten. Ich legte mir diese Blätter fein säuberlich beiseite bis diese einen hohen Stapel bildeten. Meine Schwester hatte einmal an einem Preisausschreiben, das die Margarinenfirma Rama ausgeschrieben hatte, teilgenommen. Sie hatte hierbei einen dicken Rama-Kalender gewonnen. Da war bei uns die Freude sehr groß und die ganze Familie las die vielen lustigen Geschichten und die interessanten Erzählungen so oft durch, bis wir sie wohl alle auswendig im Kopfe behalten konnten. -

Diese kleine Abschweifung soll jedoch nicht ablenken von den guten Haus- und Stallgenossen, die nicht selten im Jahr für eine gute Abwechslung des mütterlichen Speisezettels sorgten. War es dann einmal wieder so weit, dass eines der Tiere für den Kochtopf bestimmt wurde, dann lief eines von uns Kindern ein paar Häuser weiter die Straße hinunter, um von dort den Nachbarn hierfür herbeizuholen.

Da kam dann jahrein, jahraus der "ole Pümpel Blaume", ein Nachbar mit vom Alter gebeugten Rücken, in alten Hausschuhen und mit schlurfenden Schritten. Ich sehe ihn noch genauso vor mir, auf dem Kopfe die unvermeidliche Schirmmütze, den nach beiden Seiten tief herunterhängenden Schnurrbart und in der Hand das lange, spitze Messer und den zum Aufhängen des geschlachteten Tieres benötigte Krummholz, welches kurz "Kremling" genannt wurde.

Der alte Pümpel Blume schlug dann dem "Meister Lampe" eins hinter die Ohren und mit einer unglaublichen Geschicklichkeit war in wenigen Minuten das Kaninchen geschlachtet. Zur Belohnung bekam Herr Blume jedes Mal das Fell des Tieres, das er dann unter den Arm klemmte und mit nach Hause nahm.

Der alte "Pümpel Blaume" - warum er nun eigentlich diesen Namen bekommen hatte, konnte mir niemand auf meine Fragen beantworten - war ein guter, alter Mann, der Zeit seines Lebens ein überzeugter alter Sozialdemokrat gewesen war. Er hatte in seiner Stube noch ein altes Bild hängen, auf dem die alten Führer der Sozialdemokratie, Auer, Bebel, Liebknecht und viele andere mehr in vergilbten Fotos zu sehen waren, umgeben von schwarz-rot-goldenen Bändern und Schleifen, auch waren viele bunte Lackbilder zur Ausschmückung des Ganzen verwendet worden.

Vom "tausendjährigen Reich" und seinen Führern hatte der alte Blume in seinem Leben nie etwas wissen wollen. Er war später, nach dem unglücklichen Kriegsende 1945, nicht zu beruhigen, wenn die Sprache auf die Politik und die Zeitereignisse kam.

Ich bin mit ihm nach dem Kriege noch einige Mal mit einem Handwagen zu den Fuhren herunter gefahren und habe den alten Nachbarn beim Hauen und beim Laden von Birkenreisig geholfen. Er benötigte dieses zum Binden von Reisigbesen, in deren Fertigung er ein geschickter Meister war.

Wilhelm Blume war in seiner Jugend, in der Zeit der Sozialistengesetze, ein unerschrockener Kämpfer für soziale Gerechtigkeit und Freiheit gewesen. Er war noch in seinem Denken, in seiner ganzen Art, dem längst dahingegangenen 19.Jahrhundert verhaftet und hatte so bewusst miterlebt, wie sich langsam aber unaufhaltbar die sozialen Verhältnisse der "Arbeiterklasse" langsam verbessert hatten.

Blume war noch im hohen Alter ein Mann, mit dem man sich gut unterhalten konnte. So freute ich mich, dass ich diesen guten, alten Freund und Nachbarn meiner Familie, der uns so viele Jahre hindurch immer so treu geholfen hatte, nun in seinem hohen Alter auch noch einmal behilflich sein konnte. Er ist dann zuletzt nach Räbke zu seiner Tochter gezogen, wo er dann auch um 1950 das Zeitliche gesegnet hat.

Diese liebe, kleine Stadt am Elm hat in ihren Mauern im Laufe der Zeit so viele, unzählbar viele Menschen beherbergt, die in ihren Eigenarten oft sonderbar und vielleicht auch schrullig ihr Leben lebten. -

Aber sind wir nicht alle irgendwie mit Sonderheiten, Eigenheiten und von verschiedenen Interessen behaftet und ausgestattet?

"Ein jeder Mensch ist auf seine Art irgendwie ein Original - ja, jeder Mensch ist einmalig und daher auch ein Original!" - Diese Worte sagte mir einmal bei einem unserer vielen Gespräche mein alter Freund Otto Klages. - Hat er nicht recht gehabt, wenn er so zu mir sprach? -

Wir alle, jeder einzelne, lebt sein Leben letzthin allein. Er lebt in seiner kleinen eigenen Welt und wir müssen uns darum bemühen, dieses zu erkennen. Vielleicht hilft es uns, auch den Menschen neben uns mit anderen Augen zu sehen, ihn in seiner Art zu achten und zu verstehen und dann, in der Erinnerung, im Nachschauen, dann kommt vielleicht der Moment, wo wir zurückdenken an die kleinen Begebenheiten der Kindheit am Rande....

Heinz-Bruno Krieger