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Unvergessene Osterfeuer

Wenn der Frühling ins Land zieht und die ersten warmen Sonnenstrahlen die kleinen Buben und Mädchen aus den Stuben auf die Straße herauslockt, dann wird der Brummküsel geschlagen und die Murmelkugeln rollen. - Die Mädchen üben sich wieder im Ballfangen und die "Großen" spielen Fangen und Kriegen oder sie verstecken sich in den Winkeln der Gassen und Höfe und treiben so ihr ausgelassenes Spiel, zur Belustigung und Freude aller Kinder. Ostern ist nun nicht mehr fern und alles freut sich auf das schöne Frühlingsfest! -

So ist es heute und so war es damals schon, zu meiner Kindheit, vor nun mehr denn einem halben Jahrhundert, die ich in meiner kleinen, lieben Vaterstadt Königslutter am Elm verleben durfte. Die Mütter hatten in dieser vorösterlichen Zeit alle Hände voll zu tun. Es wurden Fenster geputzt und das ganze Haus auf den Kopf gestellt. Beim Bäcker wurden viele große Platten Zucker- und Streuselkuchen gebacken und Jahr für Jahr wurde Mutter immer wieder von uns Kindern bewundert, wie gekonnt sie die Vorbereitungen für diese Osterkuchen meisterhaft in der Küche bewältigte.

In der Schule gab es zu Ostern Zeugnisse. Die kindliche Sorge hielt sich mit der Freude auf die bevorstehenden Ferien die Waage. Die "Großen" wurden zu Ostern aus der Schule entlassen, um wenige Sonntage später in der Kirche konfirmiert zu werden. Dann kamen die Jungen fast alle in eine Lehre und die Mädchen gingen in der Mehrzahl "in Stellung", um bei den verschiedensten Familien den "Haushalt" zu erlernen. Da war die schöne Zeit vorbei, so meinten auf jeden Fall die Alten, und der Ernst des Lebens sollte nun beginnen.

Kam es aber vor, dass einer das selbe Schuljahr noch einmal nachholen musste, und wie es schön hieß: "das Klassenziel nicht erreicht" hatte - so war er eben "backen" geblieben und es gab Ärger mit den Eltern, wohl auch Schelte oder "ne Dracht Släge", und man schämte sich eine kurze Zeit. Es dauerte aber nicht lange, und auch dieses war vergessen. Das Leben ging seinen Lauf weiter. -

Ich hatte zwar immer Glück, mit in die neue, folgende Klasse versetzt zu werden, aber dafür war ich gewiss kein Musterschüler gewesen. Es erging wohl allen Kindern so, dass wir erst dann wieder befreit aufatmeten, wenn wir die Zeugnisse, die respektlos "Giftblätter" genannt wurden, in Empfang genommen hatte. Oft denke ich, je älter ich werde, an diese Zeit zurück. Wie sind die Jahre dahingegangen, und wo sind nur die vielen, vielen Jungen und Mädchen geblieben, die mit mir zusammen die Schulbänke in den alten Schulstuben der Driebe- Stifts- und Stadtschule gedrückt haben. Sie sind ins Leben hinausgezogen und viele von ihnen konnten persönliche Erfolge für sich verbuchen. Eine große Zahl von ihnen aber ist draußen geblieben, irgendwo in den Fernen und Weiten von Ost und West. Ich denke oft an diese vielen frischen und jungen Burschen, an die Freunde und Kameraden meiner Kinder- und Schuljahre, und dann verlieren sich meine Blicke in die Unendlichkeit des Himmelszeltes und dann werde ich ganz still... Die Erinnerung geht oft seltsame Wege. Ich wollte von Ostern erzählen und schweife weit vom eigentlichen Ziele ab. Aber auch das gehört dazu, ist ein Stück Vergangenheit, sind Gedanken, die sich um diese unvergessene schöne Zeit im Wechsellauf des Jahres ranken.

War dann der Ostermorgen hereingebrochen und die Sonne stand noch unverhüllt im Osten hinter den Bergen des fernen Lappwaldes, dann eilten die Frauen und die Mädchen mit ihren irdenen Krügen zum Lutterspring, um hier das heilspendende und Schönheit verheißende Osterwasser aus dem "lutteren Quell" zu schöpfen und heimzuholen.

Stillschweigend, wie sie aus dem Hause getreten waren, mussten sie wieder die heimische Schwelle betreten. Sonst, so wussten die Alten von jeher zu sagen, sei der heimliche Zauber verflogen und der Gang zum Springe vergebens gewesen. Ich selbst habe noch solche Frauen kennen gelernt, die mir erzählt haben, wie sie in der Osternacht zum Lutterspring geeilt seien, um von hier das köstliche Nass zu holen. Ihre Augen leuchteten im unvergleichbaren Feuer der Erinnerung und die Stimme fibrierte in seltsamer, glückhafter Erregung. -

Höhepunkt der Feiertage aber war zweifellos das Osterfeuer, das am Abend des 1. Osterfeiertages abgebrannt wurde. Überall in den Feldmarken der vielen Dörfer in weiter Runde, von den Bergen und Höhen, waren sie zu sehen. Von Dorf zu Dorf leuchteten die Feuer, stieben die Flammen in den nachtschwarzen Himmel hinauf. Es waren dieses unvergleichlich schöne Stunden, stand man oben, vor den hohen Buchen des Badeholzes und sah ins weite, nächtliche Land hinein, wie dort unten unzählige Osterfeuer, zwischen Elm, Dorm und Lappwald entzündet wurden.

Schon viele Monate vorher waren die großen Holzstapel von weit und breit her zusammengefahren und aufgeschichtet worden. Die Bauern der vielen umliegenden Dörfer hatten an den von altersher hierfür bestimmten Stellen all das zusammengebracht, was nur irgendmöglich den hohen Berg vergrößern konnte. Ja, es war direkt ein gewisser Ehrgeiz und ein rechter Wettbewerb zu beobachten, wie sich alle darum bemühten, das Feuer am längsten in der Osternacht - der Nacht von dem ersten auf den zweiten Ostertag - brennen zu lassen.

Da drängten sich die Leute um das Feuer herum. Es wurden "Schwärmer" - "Knaller" und "Frösche" angezündet, und die übermütige Jugend, Burschen und Mädchen, tanzten und johlten fröhlich um die lodernden Flammen herum.

War dann das Feuer soweit zusammengesunken, dass nur noch ein kleiner Haufen glimmte und knisterte, dann sprangen Jungen und Mädchen über dasselbe hinweg. Nun erst, wenn man sich so recht nach Herzenslust ausgetobt hatte, ging man wieder in die Stadt - in das Dorf, nach seinem Zuhause zurück. -

Die Asche der Osterfeuer hatte einen heilsamen Wert. Die Leute nahmen sie mit nach Hause, um sie hier in die Stallungen, aber nicht selten auch auf den Hof, selbst in die Wohnräume auszustreuen. Es ging noch bis in meine Jugendzeit hinein der Glaube, dass sich so alles Böse, aller Hexenkram und Düwelsspuk, von Haus und Hof, Mensch und Vieh, abwenden ließe. Nicht selten kam es vor, dass die Alten einen Steintopf oder eine große Büchse voll Osterfeuerasche im Stalle stehen hatten, die sie dann, bei allerlei Krankheiten, auf dem Hofe unter das Viehfutter mischten.

Ich selbst habe Jahre später, beim Sammeln meiner Elmsagen, sehr viele Beispiele dieses Volksglaubens unserer engeren Heimat, rund um den Elm, aus der Osterzeit, von vielen alten Männern und Frauen erzählt bekommen. Sie alle waren Bestätigung, dass bis in unsere Zeit hinein, Reste uralten, heidnischen Götterglaubens, sich im Brauchtum um Ostern im Volke erhalten haben.

Heinz-Bruno Krieger