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Verweile still - ein Herzschlag nur....

Es war eine unvergessene, schöne Zeit, in der wir noch am Schürzenzipfel der Mutter hängend doch hinaus strebten, in die Freiheit der Straße, der fernen, weiten Welt. -

Da waren die vielen Straßen und Gassen der kleinen, alten Stadt, begrenzt durch Gärten, Felder, Änger und Wiesen, der heimatlichen Flur. Zum Greifen nahe der hohe, herrliche Elm, der größte Buchenwald Norddeutschlands! -

Es verging wohl kein Sonntag im Jahr, an dem wir nicht mit den Eltern hinauf gezogen sind, um hier, in den grünen Gefilden des schönen Waldes zu spielen, herumzutollen und glücklich zu sein. Als wir älter geworden waren, holten wir aus dem Elm viele Fuder Brennholz für die Mutter zum Brennen herunter. Wir Kinder kannten die Wege und Stege weit und breit, in Wald und Flur.


Der Wasserfall der Lutter An der Lutter entlang "Unter den Eichen" ging es am Wasserfall vorbei dem Lutterspring zu. Dunkel und geheimnisvoll lag das "Kutschenloch" am Wegesrande und unzählige Male hörte ich schon als kleiner Knabe die alte Sage von dem spottenden Kutschherrn, der hier mit Ross und Wagen in die Erde versunken ist. - Vom Lutterspring ging es zur Försterwiese und dann über das Badeholz zum Oberlutterschen Sportplatz, von wo wir einen herrlichen Blick über die Landschaft bis in die Täler des Lappwaldes hinein hatten.

Unvergessen ist der erste erlebte Sonnenaufgang, den ich von den Hängen des Badeholzes aus im Osten über den Waldungen und Höhen der Ferne heraufsteigend erleben durfte. Der Vater hatte uns Kinder in aller herrgottsfrühe in den Elm hinaufgeführt. Wir waren den großen Springberg über der Lutterquelle hinaufgestiegen, in den noch schlafenden Elm hinein, um dann vom Badeholze aus den Sonnenaufgang am Horizont zu erwarten. Wie leuchtete das Firmament in unvergleichlicher Schönheit und Majestät, wie jauchzten die ersten Lerchen im goldenen Schein der erwachenden Sonne. Unsere Herzen schlugen laut, pochten im wilden Pulsschlag der Glückseligkeit, der nur zu ermessen ist in der Geborgenheit so eines unverhofften und reichen Erlebens.

Mit den Eltern sind wir oft nach Langeleben auf dem Elme hinaufgegangen. Hier wurde dann bei Keye Kaffee getrunken und Mutters Kuchen mundete in der frischen Sommerluft noch mal so gut. Auf der großen Wiese vor der alten Burgruine, die so ganz pietätlos von den Bewohnern dieses stillen, kleinen Weilers "dä Steinklumpen" genannt wurde, wuchsen die schönsten Margeriten, von denen die Mutter sich einen ganzen Arm voll mit nach Hause nahm, denn diese weißen Blumensterne waren ihre Lieblingsblumen. Ich sehe noch die alte Kegelbahn, die an dem Wege runter, im verwunschenen Teichgarten des längst verschwundenen Jagdschlosses lag, in dem vor vielen Jahren die Herzöge von Braunschweig oft geweilt und in dem der Soldatenkönig Friedrich-Wilhelm I. von Preußen und sein Sohn Friedrich II. - der Große - oder wie er im Volke genannt wurde "dä ole Fritz", des öfteren bei ihren nahen Verwandten zu Gast waren. Ich kannte noch uralte Leute auf Langeleben, die mir genau die Stelle gezeigt haben, wo einst das schöne Schloss der Herzöge von Braunschweig gestanden hatte. Wie oft nahm ich die große, schwere Holzkugel in meine Hand, die so oft von den Bewohnern, aber auch von den Gästen, die hier so gerne aus allen Himmelsrichtungen herkamen, beim Kegelspiel geworfen worden ist. Sie hat gewiss viel Freude und viele Biere in ihrem Gefolge gehabt.

Da war der alte, verwilderte und so verwunschene Friedhof dieses kleinen, stillen Waldweilers, in dem der Sage nach die Glocke früher in einem Zwetschenbaume gehangen haben soll. Wie leuchteten die weißen Blütendolden, die über und über die Holundersträucher zierten. Die wilden Heckenrosen dufteten, die mit ihren weit ausholenden Dornenzweigen die Hecke vor fremde Eindringlinge zu schützen schien. Noch standen die alten Leichensteine und Mutter erzählte jedes Mal von den kleinen Kindern, die damals, zu ihrer Kindheit, von Langeleben aus in den Elm gelaufen waren und sich hier verirrten. Es hatte sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Militär, Polizei und die Feuerwehren der umliegenden Elmdörfer haben die Waldungen durchstreift - aber alle Mühe, alles Suchen war vergebens gewesen. Einige Tage später hat man die beiden Kleinen, unweit der Ortschaft, auf einem Wege gefunden; sie wurden nebeneinander, auf dem kleinen Waldfriedhof, zur letzten Ruhe gebettet.

Ich habe viele Jahre später noch in Lelm nahe Verwandte dieser Kinder gut gekannt und sie haben mir berichtet von den Tränen, die die Mutter um sie geweint hat. Die Zeit hat auch hier den Schmerz und die Erinnerungen längst verwischt und den Mantel des Vergessens über diese Tragödie ausgebreitet.

In Langeleben wohnten auch meine Freunde, Helmut und Georg Meyer - zwei große Jungens, mit denen ich viele Jahre gut Freund gewesen bin. Ich habe sie das erstemal in unserer Stadt gesehen und kennen gelernt, wie sie mit einem großen Rucksack voll der schönsten Pilze nach hier gekommen waren, um diese hier an den Mann zu bringen.

Sie taten mir damals irgendwie leid, wie sie sich etwas hilflos und linkisch, vergebens darum bemühten, ihre so reiche Ernte in klingende Münze umzusetzen. Ich war ja selbst noch ein Junge, so um die zwölf oder dreizehn Jahre herum. Die Meyers Jungen aber waren in ihrer Art so einfältig und befangen, dass sie die Pilze einfach nicht los werden konnten. Vielleicht sollte es einfach so sein, dass ich mit ihnen gegangen bin und es auf dem "Stadtkeller" beim Kellerwirt Döhrmann versuchte. Hier wurden sie dann den ganzen Segen auf einmal los und ein kleiner Rest verblieb für meine Mühe, der dann auch von Mutter zu Hause dankbar entgegen genommen wurde.

Meine Mutter kannte übrigens diese Familie Meyer gut. Sie war noch über viele Ecken hinweg mit der Mutter dieser Jungen weitläufig verwandt gewesen. Aus dieser Begegnung nun wurde dann zwischen uns Jungen eine gute und ehrliche Freundschaft, die uns zu unzertrennlichen Kameraden werden ließ. Als die Langeleber Holzarbeiterfamilien 1935/36, nachdem kleine Ort im Elm aufgelöst wurde, sich an der Elmstraße in Königslutter, die damals noch Schoderstedter Straße benannt wurde, neu aufgebaut haben, erbauten auch die Meyers hier ein Siedlungshaus. Ich bin sehr oft hier zu Gast gewesen und gedenke nicht ohne einer gewissen Wehmut dieser beiden prächtigen Jungen, die beide - Helmut und Georg - in der Blüte ihrer Jugend, draußen, irgendwo, ihr Leben gegeben haben. - Ihre Eltern deckt ebenfalls seit langem der kühle Rasen. In diesem Hause erhörte ich auch die schönsten alten Sagen von dem verschwundenen Weiler Langeleben, von der alten Burg und von der Langeleber Nachtigall, der alte Kirchenvorsteher und Maurerpolier Otto Meyer, ein Bruder meiner Freunde, und nun seit vielen Jahren Besitzer des Grundstückes an der Elmstraße, hat sie mir, als ich meine Elmsagen gesammelt habe, gesagt.

Ich aber werde allen, solange ich lebe, ein ehrendes Andenken bewahren.

Wie ist doch oft der Faden eng geknüpft, der uns Menschen miteinander verbindet. Wir stellen Fragen, die uns niemand beantworten kann. Wir gehen gemeinsame Wege, die uns durch ein höheres Gesetz vorgeschrieben sind.

Ein heller Schein leuchtet nur wenige Sekunden auf und in uns klingt verhalten eine Seite an...

Heinz-Bruno Krieger