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Besuche in Braunschweig

Unvergessen sind die Tage und Wochen, die ich als Kind mit meiner Mutter zu Besuch in Braunschweig verleben durfte.

Wie freuten wir uns schon lange vorher auf diese immer wieder erlebnisreiche Zeit, die für uns eine große Abwechslung im Jahresablauf bedeutete. Schon die Fahrt mit der Eisenbahn war unvergleichlich. Die Telegraphenmasten flogen nur so an uns vorbei und jeder Kirchturm, jede Windmühle in der Landschaft wurde bestaunt und bewundert.

Was war da nicht alles zu sehen und es wurde gefragt und geraten, wie die Dörfer, die vorbeiflogen, wohl heißen würden, und es wurden Geschichten erzählt von allerlei Leuten, die hier in den Dörfern gelebt und gewirkt hatten.

Im Nu waren die Stationen - Bornum, Schandelah und Weddel passiert und wir kamen in unserer Landeshauptstadt an.

Was war das für ein ruhe- und rastloses Leben auf dem großen, weiten Bahnhof. Die Dampfmaschinen stampften und kochten und laut und schrill zischten weiße Dampfwölkchen aus den Pfeifen der großen, eisernen Leiber. Der alte Bahnhof hatte es in sich. Er barg in seiner großen Halle eine Atmosphäre, die gefüllt war, von pulsierendem Leben der weiten, fernen Welt.

Die Tage und Wochen in Braunschweig waren erfüllt von vielen Erlebnissen und Begegnungen, die unauslöschbar ihre Eindrücke ein Leben lang hinterlassen haben.

Da waren die vielen engen, dunklen Straßen mit ihren altersgrauen, buntbeschnitzten und bemalten Häuserfronten. Wie eindrucksvoll schaute dort der heilige Christophorus, den Jesusknaben auf der Schulter, in das ruhelose Treiben zu seinen Füßen hinab. Gegenüber, am Giebel eines hohen, alten Hauses, grüßte die Mutter Gottes, mit dem Christuskindlein auf dem Arme, den staunenden Knaben zu ihren Füßen. Weiter ging es durch die vielen, vielen Gassen und Straßen dieser einmaligen schönen Stadt und wieder und immer wieder grüßten viele große und kleine Gestalten, Helden und Heilige, grüßten und winkten über ein halbes Jahrtausend hinweg in die turbulente neue Zeit der goldenen zwanziger Jahre, die uns heute, nach mehr denn einem halben Jahrhundert, als die schönsten und friedlichsten Jahre, die wir erleben durften, aus den Erinnerungen empor steigen. -

Wie viele Kirchenglocken läuteten in die Stille der Sonntage hinein? Wie viele alte, verwitterte Leichensteine, wappengeschmückt, gaben Kunde von dem Leben vergangener Geschlechter. Immer wieder bewunderte ich die steinernen Herrscherpaare unter der gotischen Laube am Altstadtrathause. Da sah ich dann in der Ecke, dort wo beide Laubengänge zusammenstoßen, den alten Kaiser Lothar von Süpplingenburg, angetan mit Krone und Zepter, langbärtig wie ein Patriarch, auf die neue Zeit herabsehen.

Nicht minder interessant waren die vielen Denkmäler, Reiter und heroischen Gestalten, die auf den vielen Plätzen und in den Anlagen standen und immer wieder Anlass zum Staunen und zu neuen Fragen gaben.

Oft wurde bei den Spaziergängen in der Stadt eines der vielen Museen aufgesucht, um hier die seltsamsten Dinge zu bestaunen. Wie wurde doch immer wieder im Vaterländischen Museum das schöne alte Bauernhaus mit großer Freude besichtigt. So lebten die Menschen unserer braunschweigischen Heimat Jahrhunderte hindurch auf dem weiten Lande und alles wurde bewundert und bestaunt. Viele Anregungen und Impulse wurden so schon hier aufgenommen und empfangen und prägten sich ein in das Denkvermögen eines kleinen, staunenden Jungen.

Wie oft standen wir hier vor dem eisernen Richtstuhl, auf dem die Schlüterliese bei lebendigem Leibe verbrannt worden war. Daneben lag das Richtschwert, mit Handschuh und Zylinder des Scharfrichters Wittig, mit dem der böse Mörder Lüders 1837 in Wolfenbüttel hingerichtet wurde. Damals wusste ich noch nicht, dass ich viele Jahre später, beim Sammeln meiner Elmsagen, einmal in Schöppenstedt, in der alten Abdeckerei ein solches altes Richtschwert in meinen Händen halten sollte. Es war mir da genau so eine Gänsehaut den Buckel heruntergelaufen, wie just zu miener Kindertage im Vaterländischen Museum in Braunschweig, an der Hand der Mutter.

Der große Obelisk auf dem Löwenwall war nicht selten das Ausflugziel an schönen Sommertagen. Wie groß war für uns Kinder, meiner Cousine und mir, die Freude, wenn wir auf dem großen Löwen reiten durften, die zu Füßen des Denkmals nach allen vier Himmelsrichtungen, gleichsam stummen Wächtern lagen.

Unvergessen auch das Residenzschloss am Bohlweg, das die ganze ostwärtige Front der langen Straße einnahm. Die beiden Heldenherzöge Carl Wilhelm Ferdinand und Friedrich Wilhelm ritten stolz vor diesem schönen Schloss auf hohem Sockel daher und durch das hohe, eiserne Gitter mit den Liktorenbündeln blickten wir immer wieder auf diesen schönen Prachtbau, nicht ahnend, dass hier wenige Jahrzehnte später kein Stein mehr auf dem anderen stehen würde. -

Eine andere Stätte altbraunschweigischer Vergangenheit war der Dom Heinrichs des Löwen und die Burg Dankwarderode. Viele alte Sagen woben sich um diesen Ort und alle wurden lebendig, wenn Mutter sie mir immer wieder sagte und erzählte.

Da sah man noch die tiefen Krallenspuren, die der trauernde Löwe beim Einlassbegehren an der Pforte zum Dom zurückgelassen hatte. Da stand noch der eherne Löwe auf hohem Postament und sah wachend auf die Burg seines Herrn. Vor meinem inneren Auge erstanden abenteuerliche Begebenheiten, Kreuzzug, Tod und Teufel - und der barmherzige Herzog der dem Löwen den Dorn aus der wunden Pfote gezogen hatte. -

Einer unserer Vorfahren von Mutters Seite her, Elias Bodenburg, war hier vor vielen Jahrhunderten Burg- und Domvogt des Herzogs gewesen. Er war wegen seiner unerschütterlichen Treue dem Welfenhause gegenüber von den Bürgern der alten Hansestadt Braunschweig in den Kerker geworfen worden, um darin elendig zu verderben. Ein anderer naher Verwandter, ein von der Schulenburg, war am Dom Prediger gewesen und alle diese vielen, fernen Erinnerungen, kaum noch wahrnehmbar und doch noch bewusst, prägten zwar unbewusst, aber bestimmt Heimatliebe und Tradition zu den vielen Stätten dieser schönen Stadt an der Oker.

Am Ruhfäutchenplatz, unmittelbar hinter der Burg, stand das große Denkmal Herzog Wilhelms, jenes alten, sonderbaren Junggesellen aus der älteren Linie des Welfenhauses, unter dem mein Großvater noch bei den schwarzen Husaren gedient hatte. Er war im Jahre 1830 durch eine Revolution der Braunschweiger an die Regierung des Landes gekommen. Viele Anekdoten und Schnurren wurden noch zu meiner Zeit von diesem "Landesvater" erzählt.

Auf dem Hagenmarkte stand der große Brunnen mit dem Standbilde Heinrich des Löwen. Auch hier eine Erinnerung an den Schöpfer dieses erhabenen Kunstwerkes, des Bildhauers Arnold Breymann, der auch ein Mitglied einer Ahnenfamilie von Mutters Seite her war und viel zu früh sein junges, hoffnungsvolles Leben aushauchen musste.

So war dieses Braunschweig für mich lebendig voll pulsierendem Leben. Es war Vergangenheit und Gegenwart zugleich. Alle diese unzählbaren Eindrücke aber waren dazu angetan, mein ganzes Leben hindurch zu beeinflussen und zu bestimmen.

Wohnte die eine Schwester meiner Mutter mit ihrer Familie in der Güldenstraße, beim Klempnermeister Beermann im Hause, so wohnte die andere Schwester, die neun Jahre älter war wie meine Mutter, vor dem Wilhelmitor, auf dem Cyriaksring.

Hier nun, bei Tante Anna und Onkel Julius Richter, verlebte ich viele schöne Wochen meiner Kinderzeit. Noch war die weite Gartenlandschaft hier vorherrschend. Der Ring war noch lange nicht ausgebaut, und dort, wo heute die Autos vorbeiflitzen, dort, wo auf der anderen Seite das Arbeitsamt steht, war zu jener Zeit noch eine weite Gartenlandschaft. Vor den Häusern standen in langen Reihen Esskastanien, deren Früchte wir Kinder immer mit großer Freude abwarfen, um sie dann mit einer gewissen Neugierde zu verzehren. Im Vorgarten meiner Verwandten, auf dem viele Stunden des Tages die Sonne lag, wuchsen und reiften die schönsten Tomaten. Es waren diese übrigens die ersten Früchte dieser Art, die ich in meinem Leben hier zu Gesicht bekam und deren starkes, würziges Aroma heute noch, nach all den vielen Jahrzehnten, unvergessen ist.

Die Tante hatte viele junge Mädchen in ihrer Nähstube um sich geschaart, die aus den benachbarten Dörfern nach hier kamen, um hier bei ihr das Nähen zu lernen. Das war dann immer ein munteres Treiben und eine große Abwechslung im Hause. Die jungen Mädchen brachten immer viele Neuigkeiten, viele Erlebnisse mit, und sie sangen beim Nähen Volkslieder und gaben mir dicke Äpfel und Birnen, Pflaumen und Beeren, die sie aus ihren heimischen Gärten mitgebracht hatten.

In der Blumenstraße, die dem Hause meiner Tante schräg gegenüber lag, spielten wir Räuber und Gendarm. Wir streiften durch die Straßen in weiter Runde und es war immer wieder etwas neues, was man hier entdecken konnte. Da war in einer Seitenstraße ein kleiner, von hohen Häusermauern eingefasster Friedhof, auf dem wir oft ehrfurchtsvoll die Namen und Daten auf den Steinen der Gräber entzifferten. Ein Stein trug die Namen eines Grafen von der Schulenburg und ich wunderte mich jedes Mal wieder, wie dieser Graf gerade hier, in diese verlorene Ecke seine letzte Ruhe gefunden haben mochte. -

Meine Tante Hermine, eine Cousine meiner Mutter, wohnte in der Odastraße. Ihr Mann war ein freundlicher Postbeamter. Die Tochter Martha war irgendwo in der großen Stadt in einem Büro beschäftigt. Sie hatte leider immer nur wenig Zeit und sah man sie einmal, so verschwand sie immer wieder schnell aus der Wohnung, um ja nicht zu spät in ihr Büro zu kommen.

Wenn ich gerade dieser Tante besonders gedenke, dann nur darum, weil ich nirgends lieber war, als gerade hier bei ihr. Sie war - zumindest so lange wie ich sie gekannt habe - gelähmt und konnte sich nur sehr mühsam fortbewegen. Immer wusste sie interessante Geschichten zu erzählen und sie hatte immer ein gutes, mitfühlendes Herz für den kleinen, aufmerksam zuhörenden Jungen. Einmal, als ich sie bei einem meiner Ferienaufenthalte in Braunschweig unverhofft in den Abendstunden besuchte, hatte sie gerade frischen Rips [frische Johannisbeeren] gezuckert auf dem Tisch stehen. Sie gab mir hiervon eine große Schale, über die sie noch Milch gegossen hatte.

Ich glaube, niemals in meinem Leben habe ich mir Johannisbeeren so gut munden lassen, wie an jenem Sonnabendabend bei der Tante Hermine Blum in der Odastraße in Braunschweig.

Eine andere Cousine meiner Mutter war Tante Anna Gatzemeyer, die ein altes Haus in der Kannengießerstraße besaß. Wie gerne kam ich als Kind in dieses alte Haus, in dem eine enge und steile Treppe in die oberen Stockwerke hinauf führte. In diesem Hause waren viele, viele Kammern und Stuben. Es gab hier noch die alten Alkoven, die in früheren Zeiten den Bewohnern als Schlafraum gedient hatten. Diese Verwandten waren alle von einer so herzlichen Gastfreundschaft erfüllt, dass jeder Besuch bei ihnen für mich ein unvergessliches Erlebnis war.

Als ich das letzte Mal infolge eines Fronturlaubes 1942 in der Karrenführerstraße zu Besuch weilte und mich mit dem jungen Großsohn meiner Tante, meinem Vetter Gerhard Gatzemeyer, über Krieg und Frieden unterhielt, ahnten wir alle beim Abschiednehmen nicht, dass wir uns hier in diesem alten, schönen Hause das letzte Mal gemeinsam gesehen und getroffen hatten.

In der Todesnacht des alten Braunschweigs, am 14.Oktober 1944 sank auch dieses Haus mit vielen, vielen anderen in Schutt und Asche. Ich lag damals, Oktober 44, schwer verwundet in Posen im Lazarett, als meine Mutter mir von dieser Schreckensnacht, in der das alte Braunschweig durch Bombenhagel zerstört wurde, in einem Brief berichtete. Die Tränen sind mir die Backen heruntergelaufen und ich habe geschluchzt und geweint. -

Erst viele Monate später habe ich dann selbst die Ausmaße sehen können, die eine Nacht voller Schrecken und Tod angerichtet hatte. Der junge Vetter Gerhard ist ebenfalls noch im grauen Rock ins Feld gerückt. Irgendwo, in den Weiten des Ostens, an unbekanntem Orte, liegt sein Grab. -

Ich werde diesen aufrechten und guten Jungen mein Leben lang nicht vergessen! -

Unweit der Wohnung meiner Tante Emma Engelke auf der Güldenstraße lag der Bäckerklint. Hier befand sich die alte Bäckerei in einem kunstvoll geschnitzten Fachwerkhaus, in der der Schalk Eulenspiegel vor vielen Jahren seine Eulen und Meerkatzen gebacken haben soll. Wie oft stand ich vor dem Schaufenster und besah mir die "Ulen" und "Apen", wie sie bis dahin hier noch verkauft wurden.

Hier stand auch der Brunnen, auf dem der Schalk vom Elm, umgeben von seinen Eulen und Meerkatzen, saß, munter auf die Welt rings umher herabsehend. Die Häuser und Straßen ringsum sanken in Schutt und Asche, nur der Eulenspiegel saß unverändert, unbeeindruckt auf seinem Brunnen und lachte wie zuvor in die neue, veränderte Welt hinein.

Wir wissen alle nur wenig von den großen Zusammenhängen, die die Weltgeschichte mit dem Einzelschicksal verbindet. Aber gerade dann, wenn wir uns einmal anstrengen und uns die Mühe machen, das Zeitgeschehen zu durchleuchten und mit unseren Lebenserinnerungen zu vergleichen, erkennen wir, wie eng, wie nahe, die Geschichte doch mit dem kleinen Einzelleben eines jeden von uns verbunden ist.

Ich bin ein meinem ferneren Leben noch oft in Braunschweig gewesen. Hier habe ich viele Freunde gewonnen und viele schöne Stunden verlebt. Aber, so frage ich, kann man es mir verübeln, wenn ich oft in Gedanken nach Mutters Hand greife, um mit ihr noch einmal die alten Straßen meiner Kindheit zu durchwandern? Die lieben Menschen zu besuchen, die wohl, so lange ich atme, in meinen Erinnerungen weiter leben werden. Ich glaube, ich darf es ruhig bekennen, ich werde Braunschweig immer lieben....

Heinz-Bruno Krieger