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Vom Brennholz sammeln im Elm

Denke ich zurück an meine Jugendzeit, so erinnere ich mich nicht ohne einer gewissen Freude der vielen Fahrten in den Elm, bei denen ich mit dem Handwagen unzählige Male in den großen Buchenwald hinaufgezogen bin, um aus diesem Brennholz für den Winter herunterzuholen.

Ob es nun in den Waldungen um Langeleben, im Bornumer Holze oder ob es im Reitlingstal, in den großen Burgwällen gewesen ist; keine Fahrt war zu weit, um ein ordentliches Fuder Holz zu suchen und zusammenzutragen.
Foto: J.Thiele Natürlich war das Sammeln im Badeholze oder im Schoderstedter Holze, im Kuhspringtal oder auf dem Hülsenberge günstiger, waren doch hier die Entfernungen nicht soweit von zu Hause. Nicht selten kam es dann vor, dass an einem Tage gleich mehrere Fuder hintereinander nach Hause heruntergeholt wurden. Zuerst aber musste man eine gute Stelle im Elm auskundschaften, an der viel Brennholz zu finden war. Da waren dann immer die Forstorte am fündigsten, in denen gerade die Holzschläger gewesen waren. Damals fuhren viele Leute aus Königslutter und den umliegenden Dörfern in den Elm, um aus diesem ihren Brennbedarf für den Winter zu holen. Hatte man dann eine solche Stelle, an der viel Holz lag, gefunden, so war die Freude groß und es wurde nun ein hoher Haufen von langen Knüppeln zusammengetragen, die dann kunstgerecht zu einem Fuder auf dem Handwagen verladen wurden.
Foto: J.Thiele Oft wurden auch aus den Bäumen trockene Zweige oder gar armdicke Äste heruntergehackt. Dann horchte man in den Wald hinein, ob nicht durch das laute Knacken der Förster herbeigelockt würde. Das konnte ein teurer Spaß werden, denn das Hacken war bei Strafe von der Forst verboten.

So ein Fuder Holz zu laden war eine Kunst für sich. Jede Lücke wurde genutzt, jeder Winkel mit Holz ausgestopft, damit man ja genug des nützlichen Brennmaterials mit nach Hause bekam. Auch war man bestrebt, beim Laden des Holzes einen dichten, weitausladenden Schwanz zu packen, durch den man nicht hindurch sehen konnte. Darauf achteten hier die Lutterschen besonders, wurde man doch sonst von vielen anderen Holzsammlern, die einem unterwegs begegneten, ausgelacht, oder gar verspottet. Solche, nicht gut geladenen oder nur mit dünnen Knüppeln beladenen Fuhren, wurden dann geringschätzig als "Kraienholt" bezeichnet und mit einer verächtlichen Handbewegung abgewertet. Hatte man ein hohes Fuder Brennholz geladen, so wurde dieses mit einer, oder besser mit zwei Ketten umbunden, die dann mit einem dicken Holzknüppel zusammengeknebelt wurden. Hierzu konnte man auch Stricke gebrauchen, die wir uns aus dicken Hanfbindfäden selbst zusammengeflochten hatten.

Nun war es Zeit, den Rückweg anzutreten. Mit der rechten Hand wurde die Stange gelenkt, über der linken Schulter das Zugseil, und nun ging es mit der ganzen Kraft der Heimat zu. Es war nun darauf zu achten, dass man mit den Rädern nicht in eine tiefe Radfurche hineingeriet, die überall die Waldwege holprig und uneben machten. Nicht selten geriet dann der Handwagen in eine schiefe Lage und das Fuder fiel und kippte um. Hierbei konnte dann die Lenkstange, auch ein Rad oder gar die Wagenachse entzwei brechen. War man sehr weit von zu Hause entfernt, so brachte einen so ein Unfall in arge Verlegenheit.

Nicht selten ist es vorgekommen, dass ein Wagenrad oder die Achse zerbrochen ist und man die Fuhre im Walde liegen lassen musste, um von zu Hause einen anderen Wagen zu holen. Da war dann immer sehr viel Zeit nötig, von der Arbeit und dem Ärger, die so ein Bruch außerdem mit sich brachte, ganz abgesehen. Als Bremse für die steilen Waldpfade oder Straßen wurden stets mehrere dicke Knüppel hergerichtet und lose, immer griffbereit, oben in das Holz gesteckt. Die Fuhren hatten nämlich eine unerhörte Geschwindigkeit drauf, wenn die Fahrt die steilen Waldwege herunterging, oder wenn man zum Beispiel die Straße vom Tetzelstein, am Langeleber Pfahl vorbei, nach Lutter zu fuhr. Bei solch einer Fahrt wurden nicht selten gleich mehrere dieser Bremsen gebraucht, kam es doch vor, dass diese zerbrachen oder abgeschliffen wurden. Da war Ersatz immer wichtig.

Kam man dann in die Stadt hinein und fuhr am Plane vorbei, über die Schöppenstedter Straße hinweg, den Kattreppeln hinunter, dann guckten die Leute hinter einem her und man war ordentlich stolz, wenn man den Eindruck gewonnen hatte, dass das Fuder Holz anerkennende Blicke fand. -

Zu Hause angekommen wurde das Fuder abgeladen und Knüppel für Knüppel die schmale Hausdiele hindurch auf den Hof geschleppt.
Foto: J.Thiele Da lag es nun, ein hoher Stapel, und man war stolz und glücklich, wieder einmal etwas geleistet zu haben. Meistens ging ich dann noch am selben Tage dabei, das Holz in "Trulen" zu sägen, die dann noch einmal aufgehackt wurden, um dadurch besser im Diemen zu trocknen.

So einen Holzdiemen zu bauen war eine nicht mindere Kunst. Es gab wohl keinen Hof in weiter Runde, wo nicht selten gleich mehrere dieser runden Holzstapel hoch aufgerichtet standen.
Holzdiemen auf einem Hof in der Neuen Straße Das so aufgeschichtete Holz sollte in der Luft, in Wind und Wetter austrocknen und hart werden, Fuder auf Fuder wurde im Laufe des Jahres vom Elm heruntergeholt. Scheit kam auf Scheit und die Diemen wuchsen höher und höher. Da war die Freude groß und alle Mühe und Arbeit wurde reich belohnt.

Eine immer wieder zu vernehmende Redensart, die sich wohl schon die Großeltern zugerufen haben mochten, war:

"dä Holtsammler hätte gaut. Sei bruket nich tau freeren. Sei könnt sick drei mal an dat Brennholt opwarmen.
Dat erstemal, wenn se et Holt sammelt von Elme runnerhalt. -
dat tweite mal, wenn se et rinnslepen un kaputt maket,
un dat dritte mal, wenn se in' Winter an warmen Owen sitten daut, unne Bratäppels inne Röhre smoren daut."

["die Holzsammler haben es gut. Sie brauchen nicht zu frieren. Sie können sich dreimal an dem Brennholz aufwärmen.
Das erste Mal, wenn sie das gesammelte Holz vom Elm herunterholen,
das zweite Mal, wenn sie es reinschleppen und kaputt machen,
und das dritte Mal, wenn sie im Winter am warmen Ofen sitzen und die Bratäpfel in der Röhre schmoren."]


Wurden dann die Tage kürzer und die Nächte länger und der Winter zog mit Eis und Schnee ins weite Land, so war man in der warmen Stube sicher vor der Kälte und gedachte mit Freuden der viele Fahrten in den Elm, die sich nun so sichtbar lohnten und bezahlt machten.

Erinnerungen an die so lange zurückliegende Jugendzeit, Gedanken um ein Stück Volksleben unserer Heimat am Elm.

Für viele, viele Menschen war dieses Brennholzholen einfach lebensnotwendig.

Ich aber bin heute noch dankbar, dass auch ich damals viele Jahre hindurch als junger Mensch Holz aus dem Elm habe holen dürfen ...

Heinz-Bruno Krieger