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Vom Winter

Auch der Winter weckt Erinnerungen an die schönen Jahre der Kindheit! -

War er mit Eis und Schnee ins Land gezogen, so dass die alten Fachwerkhäuser ringsum eine hohe, weiße Zipfelmütze auf ihren Dächern trugen und lange Eiszapfen von den Rennen und den Fenstersimsen herunterhingen, so wurde der Schlitten von dem Boden heruntergeholt und es ging hinaus in die weiße, weite Herrlichkeit. Vor den Toren der Stadt, in Wald und Feld, wurden von der Jugend Rodelbahnen und "Glissecken" angelegt. Es ging hinauf zum Elm, der in seiner weißen, verschneiten Pracht einem verwunschenen Märchenwalde glich.

Gute und beliebte Rodelpartien boten die Wege und Stege am Schiefenhang, oberhalb der Springbreite beim Lutterspring; die Hänge des Herzen- und Lutterberges oder nicht minder die steilen Straßen der zweiten Elmchaussee und die des Schoderstedter Holzes. Überall, wo sich nur irgendwie eine Gelegenheit bot, wurde gerodelt.


Wunderschönes Winterporträt des Anstaltsteichs Auf dem Anstaltsteich tummelten sich Jung und Alt beim Schlittschuhlaufen. Es herrschte weit und breit ein ausgelassenes und fröhliches Treiben. Mutter hatte für den Winter gut vorgesorgt. Eine bunte Pudelmütze, Schal und "Hanschen" waren von ihr gestrickt worden. Tief über die Ohren gezogen, wehrten sie gut die Kälte ab. -

Wie viele Schneeballschlachten wurden damals noch zwischen den Oberlutterschen und Unterlutterschen in meiner Vaterstadt geschlagen. Wie viele Jungen und Mädchen wurden überrumpelt und mit Schnee "eingeseift". - Auf den Straßen und den Plätzen der Stadt standen überall in den Ecken und den Winkeln behäbige Schneemänner, die mit ihren langen, roten Mohrrübennasen und ihren schwarzen Kohlenaugen, im Arm den unvermeidlichen Reisigbesen, in keinem Winter fehlen durften. Schneeburgen wurden gebaut und es wurde herumgetollt, so dass die Herzen lachten und die Backen der Kleinen freudig glühten.

Kam dann der Abend herauf und wir hatten den ganzen Nachmittag so recht nach Herzenslust draußen mit dem Schlitten gerodelt und uns müde gestrampelt, dann ging es nach Hause in die warme Stube, wo die Mutter schon auf uns Kinder wartete.

Da scharten wir uns um den warmen Kachelofen. Die schweren Buchenscheite knisterten und prasselten laut und vernehmlich und in der Ofenröhre schmorten ein paar dicke Bratäpfel, die Mutter vorher hier schon hineingelegt hatte.

Nicht selten guckten wir noch durch das Fenster auf die Straße hinaus, die von dem matten Schein der Gaslaterne erleuchtet war, die am Hause der alten Großmutter Schmidt brannte. Hell leuchtete der Schnee und indem wir uns die Nase an der Fensterscheibe platt drückten, "glissecketen" draußen noch einige unentwegte Burschen und Mädchen, um so die Freuden des Winters in vollen Zügen auszukosten. Ab und zu fuhr ein Pferdeschlitten, mit dem feinen Klingeln der Glocken, die das Nahen des Gespannes schon von weitem ankündete. Das war die Stunde der "Schummerijen", die Stunde der Dämmerung, in der der Tag zur Neige geht und die Schatten der Nacht das helle Licht des Tages verdrängen. Der Schein des Feuers griff mit langen, flackernden Fingern weit ins Zimmer hinein und Mutter erzählte nun die alten so oft gehörten Geschichten, Sagen und Mären. Die Zeit blieb stehen und vor uns erwachten die alten Gestalten, die Gespielen ihrer Kindheit. Wir saßen ganz still und lauschten und lauschten den Worten der so guten Mutter....

Mutters Vater war Landbriefträger gewesen. Jahrzehnte hindurch, jahrein, jahraus, hatte er die Briefe und Pakete von Königslutter auf die Dörfer in weiter Runde ausgetragen. Es gab wohl keine Straße, keinen Weg, den er nicht gegangen und den er nicht gekannt hatte. Es gab keinen Hof und keine Kate, die er nicht aufgesucht und mit Post versorgt hatte. Wie viele Begebenheiten, Erlebnisse und Erinnerungen waren da zu erzählen. Natürlich vergaß Mutter auch nicht zu erzählen, dass ihr Vater, wie schon der Urgroßvater, in Braunschweig bei den schwarzen Totenkopfhusaren gedient und als solcher den Krieg gegen die Franzosen 1870/1871 mitgemacht hatte. Der Urgroßvater, Mutters Großvater also, war als junger Freiwilliger 1813 in den Krieg gegen Napoleon gezogen. Als der schwarze Herzog von Braunschweig-Oels 1815 bei Quatrebras sein junges und so hoffnungsvolles Leben lassen musste, war unser Ahn dabei gewesen. Wenige Tage später kämpfte er Seite an Seite mit Engländern, Schotten und Preußen in der großen Schlacht bei Waterloo. Peter Uder, so hieß der Wackere, erhielt dann auch die Waterloo-Medaille auf die noch die Enkel und Urenkel stolz gewesen waren.

So wurzelte Mutter in ihren Erzählungen weit in der Geschichte des 19.Jahrhunderts, und wenn ich heute, nach all den vielen Jahren Abstand, so recht bedenke, befanden sich in den Erinnerungen meiner Mutter Relikte, die bis in die Zopfzeit zurück gingen. Alles hatte sich so aus jener fernen Zeit, von Generation zu Generation fortgesagt, bis in die goldenen zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein. In diesen heimischen Stunden der "winterlichen Schummerijen" wurde auch der Großmutter, Mutters Mutter, gedacht, die aus dem Dorfe Grasleben gebürtig gewesen war. Noch nicht ein Jahr alt, hatte sie den Vater durch einen frühen Tod verloren. Da hat sich die Urahne die Finger blutig gesponnen, um für ihre alte Mutter und ihre kleine Tochter den Lebensunterhalt zu verdienen.

Auch unsere Mittel waren damals sehr eng bemessen. Keine Klage, kein Vorwurf kam aus Mutters Mund. Sie wusste alle die vielen alten Erzählungen aus der Familie, die vielen alten Sagen und Mären, so sicher und fein wiederzugeben, als ob sie alle diese Begebenheiten selbst vor vielen Jahren miterlebt hätte. So waren einem dann im Laufe der Zeit diese alten Geschichten in Fleisch und Blut eingegangen, dass man sie selbst bis in die kleinste Einzelheit hätte nacherzählen können. Nicht selten wurde Mutter dann auch darauf aufmerksam gemacht, wenn sie einmal aus Versehen eine Kleinigkeit in ihren Erzählungen vergessen oder ausgelassen hatte. -

War dann die Stunde vorgerückt, so wurde die Petroleumlampe angezündet und das weiche, warme Licht tauchte die Stube in einen anheimelnden, hellen Schein. Unvergessen und doch so fern sind alle diese Abendstunden jener Kinderjahre, in denen man noch am Rockzipfel der Mutter geborgen war. Wir waren glücklich in unserem kleinen Haus und wussten noch nichts von dem Hasten und dem Jagen nach dem Glück - von den Sorgen und den Nöten kommender Jahrzehnte. -

Heinz-Bruno Krieger