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Von Blumen und Kräutern der Heimat

Wenn der Frühling seine ersten schönen Tage ins Land schickte und der Elm im zarten Grün sein strahlendes Festtagskleid angezogen hatte, dann kam Jahr für Jahr die Tante aus Braunschweig, Mutters Schwester, um mit uns Kindern zum Waldmeisterpflücken in den Elm zu gehen.

Wie freuten wir uns immer wieder auf diese Besuche im Frühling. Wir gingen nun in das nahe Badeholz, oberhalb des Luttersprings, nach Langeleben zu, und pflückten hier dicke Sträuße des duftenden Krautes. Die Tante band diese Sträuße zusammen, um sie später wie einen kostbaren Schatz mit nach Braunschweig in die große Stadt mitzunehmen.

Da erzählte sie uns Kindern dann jedes Mal bei diesen Besuchen, wie sie schon als kleines Mädchen, so um 1890 herum, mit ihrer Mutter - unserer Großmutter - in den Elm gegangen sei, um hier im Frühjahr Waldmeister und später, im Sommer, Himbeeren und Erdbeeren zu pflücken und zu sammeln. Es war aber, so sagte uns immer wieder die Tante, gerade bei dem Waldmeister wichtig, diesen vor der Blüte zu pflücken, da das Kraut mit dieser, oder danach, seine duftende Kraft verloren oder zumindest merklich eingebüßt habe. -

Auch viele andere Pflanzen wurden von uns im Laufe des Sommers - bis in den Herbst hinein- gepflückt und gesammelt, um zu Hause auf dem Hofe oder auch auf dem Hausboden zu Tee getrocknet zu werden. Da lernte man die weite Feldmark und die vielen Forstorte im Elm und in den Fuhren in weiter Runde kennen und man wusste jeden Platz genau, wo immer wiederkehrend, jahrein - jahraus die vielen bunten Blumen am Wiesenraine und am Wegesrande standen und blühten. -

Es begann schon im Frühling mit den gelben, kleinen Blüten des Huflattich, die wir immer an den Hängen des Lutterberges und des Schmiedeberges sammelten. Heute stehen hier ganze, neue Straßenzüge. Im bunten Reigen folgten dann Brennessel, Taubnessel, Lindenblüten, Holunderblüten, Johanniskraut, Kornblumen, Kamille, Schafgarbe - die Mutter immer Reels nannte, Pfefferminz, Wehrmut und Grundheil. Da war das Blasenkraut, das Zinnkraut, der Ehrenpreis und ich weiß nicht mehr, wie diese vielen, heilenden Blumenkinder alle mit Namen gehießen haben, die wir in dicken Sträußen nach Hause holten.


Kornblumen bei Lauingen Am meisten freute sich Mutter aber, wenn ich ihr die weißen Sterne der Margeriten mit nach Hause brachte. Dies Blume war ihre Lieblingsblume, die sie dem schönsten Rosenstrauß vorzog.

Wir holten diese schöne Blume immer von Langeleben, wo sie in dichter Fülle auf den Wiesen vor der alten Burgruine im Sommer blühte. -

Aber nicht nur, dass wir so schon früh von den verschiedensten Heilkräften der Pflanzen erfuhren, sondern darüber hinaus waren es viele liebenswürdige Erzählungen und Legenden, die sich um die Blumen rankten. Sie wurden mir schon früh von der Mutter, aber auch vom Vater und von alten Leuten gesagt und mitgeteilt.

Da war das liebe Johanniskraut, mit den Blättern, die viele, unzählige feine Löcher aufwiesen. In der Johannisnacht hatte diese der neidische Teufel mit einer feinen Nähnadel hineingestochen, um so der Pflanze ihre Heilkraft zu nehmen. Der liebe Gott aber hatte dieses hinterlistige Treiben des Bösen nicht zugelassen. So erinnert heute nur noch das zerstochene Blatt an jene böse Tat des Leibhaftigen. Die Heilkraft aber ist der Pflanze vor wie nach erhalten geblieben.

Auch vom Knöterich, der mit seinen kleinen und feinen roten Blüten im Sommer so bescheiden am Wegesrand blüht, wusste mir ein alter, längst heimgegangener Mann, Herr Balthasar Gliem, folgendes zu erzählen: die dunklen Flecken auf den Blättern der Pflanze rühren daher, dass dieses Kraut auf Golgatha unter dem Kreuze des Herrn gestanden hätte. Die Blutstropfen aus den Wunden des Heilandes seien aber auf diese herabgetropft und haben somit dieses Kraut bis auf den heutigen Tag gekennzeichnet. Im Volksmunde aber, so sagte mir der alte Balthasar Gliem, nenne man diese Pflanze heute noch "das Herzblut Jesukraut".

Von dem lieblichen Maiglöckchen, das so reichlich im Rieseberge, hinter Lauingen, zu finden ist, wusste man zu sagen, dass diese Blume aus den Tränen entstanden sei, die die Mutter Maria um ihren göttlichen Sohn geweint habe.

So waren wir Kinder - meine liebe, unvergessene Schwester Wilma und ich - schon früh mit der heimatlichen Flur verbunden und jedes Kraut am Wegesrand, jede Blume in Wald und Flur, war einem lieb und vertraut. Es gab aber auch noch zu meiner Kindertage in unserer lieben, kleinen Stadt viele alte Kräuterfrauen und alte Männer, die Jahr für Jahr in Elm und Moor hinauszogen, um hier Heilpflanzen zu sammeln, die sie zu Hause trockneten, um sie dann später in Braunschweig als Tee zu verkaufen. Auch kamen viele Leute von nah und fern, um sich hier gute Ratschläge gegen allerlei Gebrechen, heilende Kräuter, Salben und Tee zu holen.

In der Mittelgasse, nur wenige Schritte von meinem Elternhause entfernt, wohnte so eine alte, weise Frau, die alte Mutter Siedentopf, von der die Leute sagten, dass sie mehr könne, wie andere, gewöhnliche Menschen. Kam man an ihr kleines Haus vorbei, so spürte man schon einige Meter vorher einen starken, herben Duft, der, ging man in das Haus hinein, sich noch erheblich verstärkte.

Es waren die vielen, verschiedenen Kräuter und Heilpflanzen, die die alte Frau zu Tee getrocknet und die sie vielen Menschen mitgegeben und verabreicht hat. -

Seitdem sind viele Jahre ins Land gegangen. Viele Menschen kamen und gingen. Noch immer aber blühen in Frühling, Sommer und Herbst die vielen Blumen, Kräuter und Sträuche in Wald und Flur. Nur die Menschen sind andere geworden. Man muss dankbar sein, wenn sich hin und wieder einer findet, der es versteht, den feinen Stimmen der Blumenkinder draußen am Wegesrain zu lauschen...

Heinz-Bruno Krieger