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Von Wassermühlen und Wassernixen

Eine wichtige Rolle im wirtschaftlichen Leben meiner Vaterstadt Königslutter am Elm spielten in früheren Zeiten die vielen Wassermühlen, die getrieben wurden von dem rast- und ruhelosen Wasser der Lutter, die vom nahen Elm herunter mit ihrem silberklaren Wellenlauf die Stadt in mehreren munteren Armen durcheilte. Zu meiner Zeit gab es noch einige dieser alten, romantischen Wassermühlen, deren Räder sich wie eh und je, bei Tage und bei Nacht, rumpelnd und pumpelnd im steten Spiel der Wellen unermüdlich um die eigene Achse drehten.


Die Herrenmühle in Königslutter In mehreren dieser alten Mühlengebäude, deren Räder damals noch vom Wasser der Lutter getrieben wurden, wohnten Freunde und Bekannte meiner elterlichen Familie. Ich musste hier oft mit meinen Eltern hingehen. Vor den Toren der Stadt, nach dem nahen Dorfe Rottorf zu, wohnte so um 1925 herum in der alten Schaarenmühle eine Familie Beckmann.
Die ehemalige Schaarenmühle - heute die Hotelpension "Alte Wassermühle" Wir weilten hier oft zu Besuch und dann spielten wir Kinder auf dem großen, mit alten Lindenbäumen bestandenen Mühlenhofe. Das Rauschen der dichten, hohen Baumwipfel und das Tosen des sprudelnden Lutterbaches - wie er im schäumenden Sturz das alte, große Mühlrad unermüdlich drehte, mischte sich zu einer unvergessenen, eigenartigen Melodie. Jahre später war ich wieder einmal in dieser alten Wassermühle. Es war lange vor dem großen Kriege, so um 1934 herum. Ein Schulfreund, Kurt Grahn, begleitete mich und wir saßen in der Stube, bei dem alten Ehepaare Wehmeyer.

Wilhelm Wehmeyer hatte die Mühle vor Jahren gekauft. Er war in Stadt und Land ein beliebter und geachteter Mann, der auch als Stadtverordneter der Stadt Jahre hindurch ehrenamtlich gedient hatte. Die alten, freundlichen Leute erzählten uns viele Erlebnisse und Begebenheiten aus ihrem langen Leben. Wir saßen stundenlang, um den Worten der alten Leute zu lauschen.

Eine andere alte Wassermühle, die sogenannte Röversche Mühle, lag in der Arndtstraße. Hier wohnte die alte Mutter Raschka mit ihrer kranken Tochter Anna. Meine Mutter war hier oft und gerne zu Besuch, hatte doch die alte Frau Raschka, als sie vor vielen Jahren geheiratet hatte, in dem kleinen Hause meiner Großeltern ihre erste eigene Wohnung gehabt. Da war die junge Frau so glücklich gewesen, dass sie diese schöne, wunschlose Zeit in ihrem langen Leben nie vergessen konnte. Sie war meiner Mutter und auch mir, noch viele Jahrzehnte später dankbar und sie freute sich jedes Mal, wenn wir sie wieder in der alten Wassermühle, in der sie ihren Lebensabend verbrachte, besuchten.

Dann wurden alte Erinnerungen ausgetauscht. Die Mutter fragte nach diesem und nach jenem, und manche seltsame Geschichte, alter Stadtklatsch und viele Sagen und Spukgeschichten wurden hier von den Frauen erzählt.
Das Wasser rauscht und treibt das Mühlrad an Ich saß dann jedes Mal ganz still in meiner Ecke, der stürzende Wasserfall der Lutter sang eine unermüdliche, brausende Melodie, und es war mir dann oft ganz grulig und seltsam zu Mute, wenn ich den Erzählungen der Alten lauschte. -

In der Niedernmühle - die nach dem Besitzer Erich Reiß - im Volksmunde kurz "Reißmühle" genannt wurde, wohnten in einem Seitengebäude die alten Kargers'. Damals lag auch diese Mühle noch draußen, weit vor dem "Kuhtore" der Stadt. Das Mühlenrad drehte sich zu dieser Zeit noch unermüdlich, getrieben durch die schäumenden Wogen der Lutter. Die Kargers' waren ein hochbetagtes, freundliches Ehepaar, zu denen meine Eltern oft und gern gingen. Sie unterhielten sich dann hier meistens über religiöse Dinge, da diese, wie meine Eltern auch, sehr christlich eingestellte und fromme Leute waren.

An den Wänden hingen hier überall noch alte, seltsame Bilder. Es waren dieses Darstellungen aus alter Zeit, in denen die Männer noch Zylinder auf dem Kopfe trugen und die Frauen in Krinolinen und Schutenhut, zierliche Fächer und Sonnenschirme in ihren Händen hielten. Zwei große, alte Bilder hatten es mir besonders angetan. Sie stellten je einen König und eine Königin dar, beide im bunten Krönungsornat, mit Purpurmantel und Hermelin. Auf den Häuptern trugen sie die mit Edelsteinen dicht besetzten Kronen. -

Auch hier in der alten Niedernmühle, die in alten Zeiten zum Niedernhofe, einem ehemals freien und adligen Hofe gehört hatte, rauschten die Wasser der Lutter ihr seltsames, schwermütiges und ruheloses Lied in die Gespräche der Alten hinein. Die Petroleumlampe warf ihr mildes Licht in das kleine Stübchen und ich hörte gespannt den Erzählungen, die Vater und Mutter mit den damals bereits weit über achtzig Jahre alten Leuten führte. -

Sie waren natürlich noch ganz ausgerichtet im Denken des vorigen Jahrhunderts, hatten sie doch die vielen Jahre ihres Lebens in der Mehrzahl in diesem 19. Jahrhundert gelebt.

In der Lutter, so wussten es die alten Leute zu sagen, wohnte der Hakemann, spielten die Wassernixen mit den schäumenden Wellen des munteren Elmbaches.

Von klein auf wurden wir Kinder davor gewarnt, ja nicht zu dicht am Wasser zu spielen, da Wassermann und Nixen nur darauf warteten, die Kleinen in das kühle Nass - in die dunkle Tiefe hinunterzuziehen.

Vor der Reißmühle dehnte sich damals noch die weite Ackerfläche des Pastorenkampes aus. Eine dicke, niedrige Mauer zog sich an der Straße entlang und es schien so, als sei diese Mauer, die aus großen, schweren Kalksteinen gemauert war, nur dazu errichtet, damit wir Kinder beim Spielen Freude hätten. Die schweren Ackerwagen, die aus dem Hasenwinkel kommend die holprige Straße belebten, waren damals wohl die einzigen Fahrzeuge, die hier, neben wenigen anderen, entlang kamen.
Auch das kam vor: ein Autounfall Nur ganz selten kam hier ein Automobil vorbei, ratternd und knatternd, sodass die Alten sich verwundert umsahen, die Köpfe schüttelten und ein paar Worte vor sich hin murmelten, so, als wollten sie sagen: "wat is ditt nur vorr ne Welt e' worren?"
So geschehen auf dem Markt in Königslutter

Heinz-Bruno Krieger