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Weihnachten in einer kleinen Stadt


Wenn die ersten Schneeflocken vom Himmel herunter tanzen, erst leise, leise - einzeln, und wie es scheint, verschämt - wenn sie die ganze Welt des Himmels ausfüllen und in dichten Wolken Stadt und Land mit einem weißen, flaumigen Laken zudecken, dann ist es nicht mehr weit und das heilige Christfest steht vor der Tür! -

Diese Zeit der Geheimnisse zählt gewiss zu den schönsten Erinnerungen, an die jeder Mensch mit Freuden gerne zurückdenkt.

Für uns Kinder in der kleinen Elmstadt waren diese Tage und Wochen vor Weihnachten unvergleichlich schön. Die Vorbereitungen auf das Fest erfüllten Alt und Jung. Viele Wünsche wurden leise besprochen, die Augen glänzten, die Bäckchen glühten, und die Hoffnung auf die kommenden Weihnachtstage war bei allen ganz groß. -

Die Vorweihnachtszeit schenkte uns Kindern lange Abende. Die Petroleumlampe wurde erst später angezündet und wir guckten durch die Fensterscheiben hinaus auf die dunkle Straße, deren weiße Schneedecke hell das Licht der Gaslaterne widerspiegelte.

Im Ofen lagen die Äpfel in der Röhre und ihr Bratenduft erfüllte die kleine Stube. Mutter schenkte uns auch hin und wieder einen Lebkuchen, der für uns Kinder ein Vorgeschmack der zu erwartenden Herrlichkeiten war.
Der Markt in Königslutter in den 30er Jahren Oft fingen wir an den heranbrechenden Abenden noch durch die Straßen der Stadt, rund um den Markt herum. Da sahen wir dann in den hellerleuchteten Schaufenstern der Kaufleute ein wunderschönes, begehrenswertes Zauberreich, das unsere Kinderherzen Jahr für Jahr immer wieder höher schlagen ließ.


Der Markt in Königslutter nach einem Verkehrsunfall Bei Kahl's, an der Ecke Neuestraße - Westernstraße, fing der Rundgang an. Es folgten die vielen Schaufenster der Westernstraße Eilers, Klages, Dreier, Lüders, und an der Ecke zum Markte, Helmig, der wieder eine neue Menge Spielsachen ausgestellt hatte. Bei Friseur Herweg, der als Puppendoktor einen weitbekannten Namen hatte, waren viele Puppen in allen Größen ausgestellt.

Da waren die vielen, vielen hell erleuchteten Geschäfte der Marktstraße, Steinfeld mit seinen vielen Spielsachen, Pistorius an der Ecke zum Gänsemarkte, schräg gegenüber, Lutterstraße 1, waren die beiden Schaufenster der Witwe Rittgerodt, die diese Fenster ihres Schreibwarengeschäftes immer recht feierlich und schön ausgestattet hatte. Dasselbe galt auch für die Fenster von Carl Conrad am Markte, der viele Puppen und Spielwaren neben neuen Jahreskalendern, Schreibpapier und vielem Anderen für Geschenke zu den Feiertagen feilzubieten hatte.

Vergessen darf ich hierbei nicht die Fenster von Carl Osterwald auf dem Kattreppeln, der hier viele schöne Spielsachen ausgestellt hatte. -

Was gab es aber auch nicht alles für viele, ungeahnte Kostbarkeiten, hinter den dicken, zum Teil halb zugefrorenen Fensterscheiben zu bewundern? -

Da waren ganze Eisenbahnen aufgebaut, die durch Tunnel hindurch fuhren. Kompanien von Soldaten waren aufmarschiert, der Hauptmann, hoch zu Ross, den Säbel in der erhobenen Rechten schwingend voran. Die mit den roten Hosen und den blauen Jacken waren die Franzosen, das hatte uns die Mutter schon von klein auf gelernt. Ganze Berge von Bauklötzen, Brummküseln, Ritterburgen standen neben großen Mammapuppen, Puppenwagen, Puppenstuben, Küchen, Teddybären, Schaukelpferden, Bären und Elefanten.

Bei Conrad's auf dem Markte, bei Buchdrucker Lüders und bei Frau Rittgerodt waren überall die schönsten Bücher ausgestellt. Überall vor den vielen, hell erleuchteten Schaufenstern standen dichtgedrängt die Kinder, aber auch die Großen schauten und staunten, ob all der vielen Herrlichkeiten. -

Aber, wie es nun eben einmal so im Leben oft zugeht, die vielen Kinderwünsche kamen meist mit dem elterlichen Geldbeutel nicht übereins. So war denn hier auch die Vorfreude und die Hoffnung auf all die vielen Freuden das Schönste an diesen vorweihnachtlichen Abendspaziergängen.

Ein Kinderherz jedoch ist bald gestillt. Ich weiß noch, ich muss damals noch sehr klein gewesen sein, wie ich das eine Jahr einen großen Soldaten, neben Pfeffernüssen und Honigkuchen, unter dem Weihnachtsbaum gefunden habe. Wie habe ich mich dann über diesen "Spielgefährten" gefreut. Es war übrigens ein Franzose und ich spielte mit ihm den ganzen Abend. Als ich dann später zu Bett ging, habe ich ihn mitgenommen und er hat unter meinem Kopfkissen die ganze Nacht hindurch mit mir zusammen geschlafen. Neben alten Puppen meiner Schwester hat er später von mir das ABC gelernt und ich vergaß in dieser Puppenschule bald, dass er eigentlich zum Kriegsspiel bestimmt gewesen war.

Wir waren bescheiden, Vater war lange krank und arbeitslos gewesen, aber wir Kinder waren darum nicht weniger glücklich. Das eine Jahr bekamen wir zu Weihnachten eine Laterna Magica - ach was war dieses nun für uns alle eine große, ungeahnte Freude! -

Viele bunte Bilder wurden nun vom Vater auf eine große Leinwand gezaubert und wir fühlten uns hinausgeführt in die weite, ferne Welt. -

Die Jahre sind dahingegangen. Viele Menschen von damals, den "goldenen zwanziger Jahren" leben nun nicht mehr und haben anderen, neuen und jungen Menschen Platz machen müssen.

Längst fragt man nicht mehr nach den roten Weihnachtsmännern und den Reitern, die, mit weißem Zuckerguss abgesetzt, bei den Bäckern schon früh im Advent in den Schaufenstern zu sehen waren.

Sie kündeten immer für uns Kinder die Weihnachtszeit an, und wie gerne holten wir sie für fünf oder zehn Pfennige das Stück aus dem Bäckerladen heraus. -

Die Zeiten sind andere geworden. Eine leise Wehmut erfüllt das Herz und ich gedenke der fernen Tage meiner unvergessen schönen Kindheit....

Heinz-Bruno Krieger