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Der alte Landsknecht

Auf der Neuenstraße, an der nordwestlichen Ecke zur Westernstraße hin, lag zu meiner Kindheit das Wirtshaus "Zum Landsknecht".


Gasthaus Zum Landsknecht - Dieses Gasthaus war eine uralte Sehenswürdigkeit unserer kleinen Elmstadt. Ein Fachwerkhaus mit großer Däleneinfahrt und hohem Giebel, charakteristisch für die Bauart der Brauhäuser unserer Stadt, aus dem Anfang des 17.Jahrhunderts.

Der beschnitzte Schwellbalken kündete mit seinem Segenspruch von dem frommen Sinn des Erbauers und ein bemalter Fächerfries gab Kunde von den Baustilelementen jener fernen Zeit.

In diesem Hause verlebte ich viele glückliche Stunden meiner Kindheit, wohnte doch hier ein Freund und Gespiele jener Jahre. Männe Strube's Großvater, der alte Hermann Lübeck, war der Besitzer des Hauses und betrieb in diesem die Gastwirtschaft "Zum Landsknecht".

Ich sehe noch heute die Gaststube mit ihrer niedrigen Balkendecke und ihrer dunklen Holztäfelung genau vor mir. Immer waren die vielen, kleinen Tische sauber und frisch gedeckt. Entweder spielten die Gäste Karten oder erhitzten sich an politischen Gesprächen die ja gerade damals - in jenen "goldenen zwanziger Jahren" - mit ihren vielen, wechselhaften Tagesereignissen gang und gäbe waren.

Neben dieser Gaststube nun, deren altertümliche Atmosphäre mir noch heute vor Augen schwebt, lag linkerhand von der Haustür ein separater Raum, eine Art Clubzimmer, wie man heute wohl hierzu sagen würde. Dieses Zimmer war eine Sehenswürdigkeit für sich. Die Wände waren ringsherum mit einer Paneele umgeben über der sich, bis unter die niedrige Balkendecke, viele schmalgerahmte Bilder befanden, die kunstvoll auf Leinwand gemalt waren.

Es war eine lustige und bunt zusammengewürfelte Gesellschaft, die sich hier dem Betrachter präsentierte. Da waren muntere Landsknechte in buntem Rock, das Barett keck auf den Köpfen. Dicke, pausbäckige Mönche, in dunkler Kutte und verschmitzten, rotnäsigen Gesichtern.

Da waren Offiziere in der blauen Montur der Friederizianischen Zeit, auf dem Haupte der Dreispitz, unter dem die weißgepuderte Perücke hervorlugte. Dazwischen befanden sich Bildnisse von netten Mädchen, Marketenderinnen, auch Damen im Stil einer längst vergangener Zeit, alle in den Händen den großen Bierkrug, sich lustig zuprostend und zublinzelnd.

Diese Bilder hatten viele Jahrzehnte hindurch hier an den Wänden gehangen und waren dadurch sehr dunkel geworden. Oft war es mir, als schauten mich die vielen fremdartig anmutenden Personen aus dem dunkelguldenen Rahmen gar seltsam und schelmisch an und es hätte mich gewiss nicht sonderbar verwundert, wenn die alten Landsknechte und Mönche sich in der Geisterstunde aus der Leinwand herausgelöst, um sich in der Gaststätte nebenan an Bier und Branntwein gütlich zu tun. -

Wie ich erst viel später von der Mutter meines Freundes erfuhr, waren alle diese Zecher, vor nun wohl über hundert Jahren von dem damals sich gerade hier in der kleinen Elmstadt "etablierten" jungen Malermeister Peter Blohm, der hier als Wandergeselle ein "luttersches" Mädchen kennengelernt und geheiratet hatte, gemalt worden. -

Der Rauch vieler Tobackspfeifen und vieler Zigarren, aber nicht minder der Zahn der Zeit, waren nicht spurlos an diese originellen Bildern vorbeigegangen. Sie waren so sehr nachgedunkelt, dass sie bei den uneingeweihten Betrachtern den Eindruck erweckten, einer viel älteren und weiter zurückliegenden Zeit zu entstammen.

Im Sommer saßen wir oft, wenn über Stadt und Land eine drückende Schwüle lag, unter dem dämmerigen, kühlen "Schuer" - wie man damals im Volksmunde noch hier bei uns die großen Däleneinfahrten nannte und wir spielten oder heckten allerlei Schabernack und Pläne aus, für Spiel und Spaß in Wald und Flur.

Der alte Herr Lübeck las damals, neben den üblichen braunschweigischen Zeitungen, den "Braunschweiger Neuesten Nachrichten" (=BNN) und der "Braunschweigischen Landeszeitung" (=BL) noch den "Magdeburger General Anzeiger", ein Blatt, das nicht nur wegen seiner besonderen Größe, sondern auch der vielen heimatkundlichen Artikel damals schon meine besondere Beachtung gefunden hatte. Ich durfte mir dann aus dem hohen Stapel der abgelegten Zeitungen jedes Mal die Seiten herausnehmen, die mich besonders interessierten. Diese Seiten nahm ich dann alle mit nach Hause, schnitt mir die Bilder und Artikel heraus und sammelte sie alle in einen Karton, um sie mir so aufzubewahren.

Dann stellte ich an Vater und Mutter allerlei Fragen, wollte wissen, wer dieser oder jener der dargestellten sei, bis ich schließlich die alte Queen Viktoria von der Königin Luise, den Reichspräsidenten Ebert von Hindenburg unterscheiden konnte.

Einmal war dieser Pappkarton mit allem, was ich mir so fein säuberlich ausgeschnitten hatte, spurlos verschwunden. Ich suchte Haus und Stall vom Keller bis zu den obersten Hahnebalken des Bodens ab, aber es war alles vergebens gewesen. Ich suchte immer wieder - aber der Kasten mit meinem "Schatz" war und blieb verschwunden. Dieses Ereignis war, so glaube ich heute, eine meiner ersten Enttäuschungen in meinem damaligen jungen Leben gewesen. Heute möchte ich behaupten, dass die gute Mutter den ganzen Kram kurzer Hand in den Ofen gesteckt hat, um somit Platz zu schaffen für neue Bilder und neue Ideen und Interessen. -

Die Gedanken schweifen ab. Viele Erinnerungen werden vor dem geistigen Auge lebendig. Die Kindheit steht wieder auf und man tollt durch längst vergangene Zeiten. Ich sehe noch den großen, weiten Hausboden dieses alten Gasthauses vor mir, voll mit Urväterhausrat. Auf dem Fußboden standen viele, unzählige alte Bier- und Branntweingläser, alte Schoppen, alte Flaschen - alles Dinge, für die heute die Antiquitätenhändler ein Vermögen einhandeln würden.

Unvergessen auch der Spaziergang mit dem alten Herrn Lübeck und seinem Enkel zum Wilhelmsblick auf dem Elm. Was wusste der alte Mann uns Kindern nicht alles zu erzählen? - Ich spüre noch den feinen Duft der Heckenrosen, die hier ringsherum den Bergweg säumten, und hier, auf diesem Wege zum Elm entstand dann auch viele Jahre später mein Gedicht "Jugend", in dem ich von dem Rosenbusch am Wegesrand spreche und von der Zeit, die so schnell, so sehr schnell dahineilt...

Viele Jahre später, die Gastwirtschaft war längst geschlossen und das staatliche Straßenbauamt hatte das alte Haus zum Abbruch gekauft, um hier später die hier durchgehende, damalige Reichsstraße 1 (heutige Bundesstraße 1) zu verbreitern, wohnte hier in diesem hause noch mehrere Jahre hindurch eine uns eng befreundete Familie Mispelhorn. Ich bin hier, im "alten Landsknecht" mit meinem Freunde Ernst-August Mispelhorn, dem Sohn der guten Leute, auf einem Fronturlaub noch einmal kurze Tage zusammengetroffen. Wir haben es wohl beide geahnt, dass es das letzte Mal sein sollte, dass wir uns hier in der Heimat und in diesem Leben wiedersehen sollten.

Wenige Monate später bekam ich die Nachricht, dass der liebe, große Junge irgendwo im weiten Osten gefallen ist. -

Ich werde ihm immer ein ehrendes Angedenken bewahren! -

Ein anderer alter Freund war der alte Herr Georg Willeke in dem nahen Dorfe Beienrode. Er war vor vielen Jahren hier im Landsknecht geboren worden. Seine Eltern und Voreltern hatten das Haus Generationen hindurch in Besitz gehabt. Ich habe diesen verdienstvollen Mann, der die Geschichte des Kirchspiels Ochsendorf geschrieben hat und der auch sonst sehr versiert in der Heimatgeschichte und der Genealogie war, des öfteren in seiner Wohnung in Beienrode besucht. Dann standen wir vor der Tür des Hauses, seitlich hinter uns die hohen Bäume des schönen Dorm-Waldes und vor uns die unvergleichlich herrliche Aussicht auf die alte Stadt Königslutter, hinter der sich am Horizont, soweit das Auge reicht, der Elm, der größte Buchenwald Norddeutschlands ausstreckte.

Er war ein stiller, in sich gekehrter alter Mann, der im Laufe seines Lebens viele Menschen kennengelernt hatte, aber wenn man erst einmal sein Vertrauen gewonnen hatte, so war man seiner Freundschaft gewiss!

In seiner Wohnung hing noch das große Bild des letzten Kronprinzen von Hannover, Ernst-August von Cumberland, und er machte keinen Hehl daraus, dass er noch immer ein großer Verehrer des Welfenhauses war.

In der Wohnung Willekes in Beienrode stand auch ein schönes, kunstvoll gefertigtes Modell seines Geburtshauses in Königslutter. Wir haben uns oft über viele genealogische Probleme und allgemeine Interessen heimatlicher Art stundenlang unterhalten, und so erfuhr ich auch von Georg Willeke, dass der alte Pfannkuch in Braunschweig im Kriege (1939-45) große Bestände seines Antiquariats von dort nach Willeke am Dorm ausgelagert hatte. Auch dieses war für mich eine Verbindung, eine Erinnerung an den alten Landsknecht.

Ja, ich glaube, es hier ruhig sagen zu können, dass ich dieses schöne, alte Haus sehr, sehr gerne gemocht habe. Ich sehe es noch genau vor mir. Den großen, wuchtigen Hausgiebel mit der hohen Ladeluke und dem hohen, breiten Ziegeldach darüber. Entziffere in Gedanken die Inschrift am Balken über Tür und Fenster. Denke an meinen Kampf um die Erhaltung dieses schönen, alten Baudenkmals unserer Stadt, an die vielen Aufsätze und Leserbriefe, Besprechungen und Unterredungen mit Männern, die sich wie ich darum bemühten, das Haus der Nachwelt zu erhalten. Ich schrieb damals nach Braunschweig, schaltete den Landesverein für Heimatschutz ein. War in dieser Angelegenheit beim Stadtdirektor etc etc. Aber alle Mühe und jeder Einsatz war vergebens. Es war einfach am Reißtischblatt entschieden und die Stunden bis zum Abbruch des alten Hauses waren gezählt.

Dort, wo Jahrhunderte hindurch viele Menschen gelebt und gewirkt haben, pfeift heute der Wind um die Straßenecke und verwischt die Spur. Nur in der Erinnerung lebt der "Landsknecht" noch immer in mir als ein Stück Geschichte meiner Heimatstadt Königslutter am Elm - aber auch als ein kleines Kapitel meiner Lebenserinnerungen an viele Stunden, die lange, lange dahingegangen sind...

Heinz-Bruno Krieger