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Die alten Rammerkamms

Oft gingen meine Eltern mit uns Kindern nach den alten Rammerkamms, einem alten Ehepaar, das unten, auf der Lindenstraße in einem kleinen Hinterhause, der ehemals Freitag'schen Villa wohnte. -

Dieses kleine Kutscherhaus war die Wohnung des Leibkutschers von "Baron Freitag" gewesen, der hier um die Jahrhundertwende (19./20.Jahrhundert) einen großen Fuhrpark für seinen ausgedehnten Kalkbruchbetrieb im Elm unterhalten hatte. Dem alten Freitag, einem behäbigen Herrn, gehörten damals auf dem Elme mehrere große Steinbrüche, in denen viele Arbeiter Nahrung und Brot fanden. Doch diese Zeit lag nun schon Jahre zurück und ich habe ihn nur noch vom Hörensagen aus den Erzählungen und den Erinnerungen der Alten gekannt.

Noch waren die langen Ställe und Scheunen vorhanden und träumten von der Zeit, in der hier die vielen Boxen voller Pferde gestanden und viele geschäftige Hände hier gearbeitet und gewirkt hatten. Damals wurden noch die schweren Steinfuhrwerke in aller Herrgottsfrühe angeschirrt und zum Elm hinaufgefahren, um hier die gesprengten und gehauenen, großen und schweren Kalksteinquader aus den Steinbrüchen des Elmes herunterzuholen. Der "Baron Freitag" hatte es durch Fleiß und Umsicht im Leben zu einem beträchtlichen Wohlstand gebracht. Er war zuletzt ein Lebemann geworden, der mit seinen Damen in der Kutsche oder im Landauer in Stadt und Land umherkutschierte, vor seinem Wagen die besten Rappen oder die stolzesten Schimmelpaare.

Nun, zu meiner Kinderzeit herrschte auf dem großen, weiten Hofe eine unwirkliche Ruhe. Zwischen den großen Pflastersteinen des Hofes sprießte überall das grüne, hohe Gras, neben Klee und Löwenzahn. Ich habe oft, Jahre hindurch, hier für unsere Kaninchen diese Gräser abgepflückt und viele Körbe und Beutel, prall vollgestopft, nach Hause mitgenommen. Auch stand hier auf dem Gelände noch eine alte Schuckepumpe, mit langem, eisernen Schwengel, aus der ich dann im Laufe der zeit viele Eimer voll Wasser geholt habe. Diese Pumpe quietschte so laut, dass ich diesen Ton noch heute, nach all den vielen Jahren, zu vernehmen glaube.

Fritz Rammerkamm nun war der letzte Spross einer alten lutterschen Bürger- und Handwerksfamilie, die in vielen Generationen hier in Königslutter gelebt und gewirkt hatte. Sein Vater war der letzte Handschuhmachermeister unserer Stadt gewesen. Da er die schönsten Bälle in seiner Werkstatt anfertigte, hatte er im Volksmunde den Spitznamen "dä ole Ballmaker" erhalten. Dieser Name wurde später auch auf seinen Sohn übertragen, so dass der alte Fritze Rammerkamm noch nach vielen Jahren von alten Lutterschen kurz "dä ole Ballmaker" gerufen wurde. Er war dann immer mächtig wütend darüber und seine rote Nase funkelte jedes Mal, wenn er so genannt wurde, besonders dunkel in den Tag hinein.

Wir waren, wie gesagt, oft zu Gast bei diesen alten Leuten. Es war für mich immer wieder ein besonderes Erlebnis, denn es verging kein Besuch, an dem die Rammerkamms nicht Erinnerungen aus ihrer Jugendzeit mit meiner Mutter ausgetauscht hätten. Diese Begebenheiten lagen aber alle lange, lange vor der Jahrhundertwende.

Die alte Frau Rammerkamm, von Mutter kurz "Fiechen" (=Sophie) genannt, war eine geborene Schmidtmann. Ihr Vater hatte vor langer Zeit das Amt eines Feldhüters oder wie man bei uns früher auch zu sagen pflegte, eines "Pannemanns", in dem kleinen Dorfe Scheppau, jenseits des Rieseberges, bekleidet. Die alten Schmidtmanns hatten viele Kinder ihr eigen genannt. Eine Schwester von Fiechen Rammerkamm war die Frau vom "olen Kantor Bötel" vom Gänsemarkt gewesen. Ein Bruder, den ich noch genau vor Augen sehe und den ich Zeit meines Lebens nur als den "alten Herrn Schmidtmann" gekannt habe, hatte er doch mehrere Söhne und Enkel in der Stadt wohnen, ist weit über neunzig Jahre alt geworden. Er hat seine ganzen Gespielen, seine ganze Generation, um viele Jahre überlebt. Ich habe mich oft mit ihm unterhalten und er hat mir viele Spukgeschichten und Erlebnisse aus Stadt und Amt Königslutter erzählt.

Aber was schweife ich ab? - Man kommt bei diesen Erinnerungen einfach vom Hundertsten ins Tausendste. Alle diese vielen Menschen, die einem im Laufe der Jahrzehnte begegnet sind, fordern ihr Recht, drängen sich hinzu, um das bunte Bild, das weite Feld der Betrachtung abzurunden und zu ergänzen.

Fiechen und Fritz Rammerkamm wussten viel von all dieser, ihrer weiten Freundschaft zu berichten. Sie erzählten von Freud und Leid, von Sorgen und Nöten der alten Zeit. Viele Menschen dieser großen, weiten Verwandtschaft waren zu ihren Lebtagen mit der Gabe des "zweiten Gesichtes" behaftet gewesen. So oft ich zu den alten Rammerkamms runterkam, hörte ich viele dieser spukhaften Erzählungen und Geschichten, die sich seit Generationen in dem großen Bekannten- und Verwandtenkreise der Alten zugetragen hatten. Sie glaubten selbst ganz fest an alle diese Schilderungen und Sagen, die sie schon von ihren Eltern und Voreltern gehört und gesagt bekommen hatten. Es war mir dann oft gar seltsam und eigenartig zumute, wenn ich wieder einmal in der kleinen Stube, am Fenster saß und die verträumte, altväterliche Atmosphäre, die man eben einfach erlebt haben muss, um sie richtig zu verstehen, auf mich einströmte. -

Der große, eiserne Ofen, der im Winter eine starke Hitze ausstrahlte und dessen Buchenscheite lang anhaltend im Ofen "bullerten", die sauber geputzten Kuppeln der Petroleumlampen, deren heller Schein ein abgegrenztes, zirkelrundes Licht unter die Decke zauberte, diese alles trug gewiss nicht wenig dazu bei, diese Stimmung zu fördern und geheimnisvolle Gespräche herbeizuführen.

Alles, was außerhalb dieses Kreises lag, war in Dämmerschein und Dunkel gehüllt. Da saß ich oft und hörte die gruligsten Geschichten der Alten, sah voller Angst, aber doch nicht ohne eine gewisse Neugier, in die dunkle Ecke des Raumes, - und es war mir dann nicht selten, als habe sich da in der Ecke, hinter dem dunklen, hohen Vorhang lautlos etwas bewegt. -

Vielleicht waren alle diese Begegnungen, diese Gespräche, die ich in meinem Leben haben durfte, Bestimmung, Aufgabe, um mich aufmerksam zu machen, hinzulenken auf die alten Sagen der Ahnen, auf das Streugut am Rande, dass ja von so vielen Menschen mit einer ablehnenden, abwertenden Handbewegung beiseite geschoben und lächerlich gemacht wird. Ich habe viele dieser Erzählungen, die ich gerade hier, bei den alten Rammerkamms gehört habe, später aufgeschrieben und sie dan in meinen "Elmsagen" für die Nachwelt und die Sagenforschung festgehalten.

Unvergessen ist auch in meinem Gedächtnis die Biersuppe, die Mutter Rammerkamm so gut zu kochen verstand, und deren Zubereitung sie wohl noch in der Zeit gelernt haben mochte, in der vor über hundert Jahren in unserer alten Stadt das gute und ehedem weitberühmte Ducksteinbier in über siebzig Brauhäusern gebraut worden war. -

Das luttersche Ducksteinbier war so berühmt gewesen, dass selbst der preußische König Friedrich-Wilhelm I. - der Soldatenkönig - dieses in seinem bekannten Tobakskollegium bevorzugte und trank.

Wie könnte ich aber auch bei diesen Erinnerungen an die lieben, alten Rammerkamms der vielen, guten Happen vergessen, die uns von den jährlichen Schlachtefesten stets so reichlich gegeben wurden. Der gute und vielbegehrte Schlachtermeister Adchen Herrmann, aus Oberlutter vom Steinfeldt, stellte hier Jahr für Jahr seine vorzüglichen Künste beim Hausschlachten unter Beweis.

Viele Jahre sind seitdem dahingeflogen. Längst ruhen alle diese alten Leutchen unter dem kühlen Rasen. Ihr Leben aber hat noch bis auf den heutigen Tag und darüber hinaus seine Spuren hinterlassen. Ich stehe oft vor Efeu umränkten Hügeln und denke zurück an die unvergessenen Stunden meiner Kinderjahre, die ich diesen guten, alten Leuten mitzuverdanken habe...

Heinz-Bruno Krieger