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Erntezeit! -Du schöne Zeit!

Die ganze Stadt war zu meiner Kindheit noch so altväterlich vertraut, so durchsetzt mit vielen, kleinen und großen Gärten, deren dichte, grüne Baumwipfel überall das Straßenbild belebten.

An den Straßenrändern, auf Plätzen und in Winkeln waren Buschwerk, Bäume und Sträucher angepflanzt, deren Blütendolden im Frühjahr das Bild der Stadt verschönten.

Die Lutter mit ihrem silbernen und immer lustig sprudelnden Wasserlauf schlängelte sich durch Gärten, Straßen, Höfe und Felder hindurch und wir Kinder fingen "Stichlinge" und "Stotterböcke" in ihr. Wir setzten diese dann in Einmachgläser und Flaschen hinein, um sie dann, bei der ersten besten Gelegenheit wieder in das Wasser der Lutter zurückzuschütten. In der Lutter aber wohnte auch der Hakemann, ein Wassernix, der die kleinen Jungen und Mädchen in das Wasser hineinzog, wenn sie unvorsichtig waren und entgegen dem Verbot der Eltern sich zu nahe an das Bett der Lutter herangewagt hatten.

Der weite, blaue Himmel spannte sich über Feld und Flur. Im Süden lag der große, die weite Landschaft beherrschende Elm, der größte Buchenwald Norddeutschlands. Im Norden begrenzten die Fuhren mit Heide und Moor die Feldmark unserer Stadt, deren unerschöpfliche Reize die Besucher immer wieder aufs neue in ihren Bann zog.

Die Wolken zogen in die Weite des Raumes und die Gedanken eilten mit ihnen dahin. Die Träume ließen noch nichts ahnen von den vielen wechselvollen Ereignissen und dem vor uns liegenden Erleben, das die Weltgeschichte erschüttern und die tausendjährige Ordnung aus den Angeln heben sollte. -

Ich sehe noch die goldenen, wogenden Kornfelder meiner Heimat vor mir. Ein enger, schmaler Feldweg, an dessen Raine sich Klatschmohn, Kornblumen, Kamille und Hederich und noch viele andere bunte Blumen im leisen Winde bewegten, führte in die Freiheit des Sommermorgens hinein.

Sie alle, diese vielen, lieben Blumenkinder nicken mir, in dem ich diese Zeilen schreibe, in meine Gedanken und Erinnerungen hinein, als wollten sie mir sagen, schreibe nur, schreibe nur immer zu. Wer weiß, wie lange der liebe Herrgott dir hierzu noch seine Zeit eingeräumt hat?


Einfahren der Heuernte auf dem Hof Benecke in Königslutter Rollten dann die ersten Heuwagen über das holprige Kopfsteinpflaster der Straßen in die Stadt hinein, hochbeladen, schwankend - so atmete man den Duft der Wiesen in sich ein, noch nicht ahnend, dass dieses sich immer wiederholende Erlebnis der Kindheit bald der Vergangenheit angehören würde.

Es gab damals noch viele große und kleine Landwirtschaften in unserer Stadt. Daneben unterhielt die Landes Heil- und Pflegeanstalt - das heutige Niedersächsische Landeskrankenhaus (NLK) - eine große, bedeutende Oeconomie, deren viele Pferde- und Ochsengespanne permanent das Bild der Stadt, aber darüber hinaus auch der Feldmark beherrschten. Viele "kleine Leute" verdienten damals durch die Beschäftigung in der Landwirtschaft ihren Lebensunterhalt. Heute findet man hier in der Stadt nur noch einige wenige landwirtschaftliche Betriebe, die ihr Land und ihren Hof noch bearbeiten und besitzen.

Die Erinnerung geht wieder zurück auf die Felder der Jugend.

Damals mussten die Burschen und Mädchen in der Erntezeit schwer arbeiten. Die Selbstbinder klapperten Tag für Tag ihre eintönige und doch so schöne Melodie, und viele Garben wurden zu Stiegen zusammengestellt, die nun in langen Reihen für Wochen das Bild der Landschaft bestimmten.

Waren die Garben dann so richtig ausgetrocknet, so wurden sie von den Burschen mit der Gabel auf die Wagen "gestakt", um hier in schwindelnder Höhe von den Mädchen geschickt geladen zu werden. Auch das war nicht so einfach und verlangte von beiden Seiten eine große Geschicklichkeit und gutes Können.

Damals herrschte dann auch noch bei uns ein alter, heute längst vergessener Brauch.

Die Bauern ließen auf ihren Feldern eine kleine, schräge Ecke Korn stehen, die sie auf Befragen "Wodansroggen" nannten. Es waren oft nur wenige Halme, aber sie gaben Kunde von dem Denken und dem Glauben der Alten.

Alte Leute wussten auch zu sagen, dass diese wenigen Halme dem Hofe und dem Lande im neuen Jahr bei der Ernte Glück bringen würden. Andere wollten auch wissen, dass diese Halme als Futterbeigabe für Hans Hackelberg, dem wilden Jäger bestimmt sei, der des Nachts über Elm und Dorm die wilde Jagd durch die Lüfte führen würde.

Mein Freund, der Hauptmann Detlef Mülter, erzählte mir hierüber aus seiner eigenen Erinnerung folgendes Erlebnis:

"Wir hatten um 1920 herum auf dem Losberge einen Acker, auf dem mein Vater Roggen stehen hatte. Wie nun im Sommer derselbe reif auf dem Halme stand und unser Knecht das Korn mähen sollte, sagte mein Vater zu diesem: "lat mick awer ja den Wodansroggen stahn!" -

Ich konnte mir darunter nichts vorstellen und gab darum auch weiter hierauf nicht acht, was es mit diesen Worten für eine Bewandnis auf sich habe. Wie nun einige Tage später der Acker gemäht war und nur in einer Ecke einige Halme Roggen leicht im Winde hin und her schwankten, machte ich meinen Vater hierauf aufmerksam, dachte ich doch, dass diese Ecke durch die Unachtsamkeit und Gleichgültigkeit des Knechtes stehen geblieben war. Mein Vater erklärte hierauf folgendes: diese kleine Ecke ist bewusst von dem alten Tagelöhner auf Geheiß stehen gelassen. Es ist dieses der "Wodansroggen" und für die "Wilde Jagd" bestimmt, die, von dem wilden Jäger Wode angeführt, durch die Lüfte jagt. So habe es bereits sein Vater vom Großvater gehört und so solle es auch in Zukunft bleiben."

War es dann endlich soweit, dass die vielen, vielen Erntewagen mit der Frucht der Felder schwerbeladen in die Stadt einfuhren, um das Korn in die Scheunen der Höfe aufzunehmen, so war wieder schwere Arbeit zu verrichten. Es dauerte dann auch nicht mehr lange, bis die Dreschmaschinen summten und das Korn aus der Bause in die singenden und dröhnenden Leiber der Maschinen gestopft wurde. Die Körner strömten unermüdlich in die Säcke hinein, um nun von hier auf die Kornböden hinauf geschleppt zu werden. Diese Kornböden waren in der Regel nur über schmale und steile Treppen zu erreichen und lagen nicht selten in den oberen Etagen der alten Brauhäuser. Hier wurde nun das Korn auf dem Boden ausgeschüttet.

Die Dreschmaschinen summten ihr lautes und doch wieder so vertrautes Lied über die Dächer der alten Stadt. Die grünen Wipfel der Büsche und Bäume trugen es weiter, eine Melodie, ein Lied, das heute längst vergessen und nur noch in den Erinnerungen eines Träumers weiterklingt....

Zogen dann die letzten Erntewagen in die Stadt hinein, hochbeladen mit der goldenen Frucht der Felder, so waren sie geschmückt mit einer schönen, kunstvoll geflochtenen, hohen Erntekrone, die mit bunten, wehenden Bändern geschmückt war. Stolz wurde sie dann auf dem Hofe von den Mägden und den Knechten dem Bauern übergeben, und fröhliche Stunden waren dann der Abschluss des Tages. -


Auf dem Hof Benecke in Königslutter Auf den Dälen der Bauernhöfe hingen dann viele dieser schönen Erntekronen noch viele Jahre hindurch. Sie gaben Kunde vom Brauchtum und vom Fleiß der Menschen, die hier, in dieser so schönen und gesegneten Landschaft am Elm zu Hause waren. -


Die Neue Straße mit dem Schwarzbach'schen Haus (heute abgerissen und ein Parkplatz) Die Zeiten sind seit meiner Kindheit andere geworden. Damals, um 1925 herum, waren allein auf unserer Straße (Neuestraße) fünf bäuerliche Landwirtschaften. Daneben hatte auf derselben Straße eine große Kohlen- und Schrotthandlung noch 4 - 6 Gespanne, d.h. 8 - 12 schwere Pferde, die alle mit Heu und Stroh und Hafer versorgt werden mussten. Heute - 1976 - ist auf derselben Straße nur noch ein bäuerlicher Betrieb, der aber kein Pferd mehr besitzt.
Eine Ansicht der Neuen Straße aus den 60er Jahren Die Zeiten sind seit meiner Kindheit andere geworden. Damals, um 1925 herum, waren allein auf unserer Straße (Neuestraße) fünf bäuerliche Landwirtschaften. Daneben hatte auf derselben Straße eine große Kohlen- und Schrotthandlung noch 4 - 6 Gespanne, d.h. 8 - 12 schwere Pferde, die alle mit Heu und Stroh und Hafer versorgt werden mussten. Heute - 1976 - ist auf derselben Straße nur noch ein bäuerlicher Betrieb, der aber kein Pferd mehr besitzt.

Heinz-Bruno Krieger