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Der Scharfrichter als Kurpfuscher

War so der Scharfrichter im Laufe der Zeit ein dem Stande der damaligen Wissenschaft entsprechender gut aus- und vorgebildeter Arzt, der, wie wir bereits sahen, selbst mit obrigkeitlicher Genehmigung praktizieren durfte, so änderte sich dieses jedoch zusehends.

Die Zeit war nicht stehengeblieben. Mit ihr war die Wissenschaft Schritt für Schritt vorangegangen. Besonders war es für den niedersächsischen Raum die von Herzog Julius 1576 errichtete Universität Helmstedt, die wesentlich zur Bildung auch des Medizinalwesens beitrug.

Dieser "Große" unter den Welfenfürsten, der von sich zu sagen pflegte, daß er sich mit dem Gedanken an seine Hochschule des Abends hinlege und mit demselben des Morgens wieder aufstehe, setzte sich über die Vorurteile seiner Zeit weit hinweg.

Er befahl, die Leichen der Hingerichteten an die Anatomie seiner Hochschule abzuliefern, ließ ein Krankenhaus errichten und kaufte anatomische und chirurgische Instrumente aus Nürnberg, Skelette aus Paris. Es war ein hartes und mutiges Angehen, und erst viele Jahre sollten vergehen, bis über die riesige Kluft des Aberglaubens die Brücke der Aufklärung gebaut war.

Die Scharfrichter, gebildet durch langjährigen Umgang mit menschlichen Körpern, waren, wenn auch gute Ärzte für Mensch und Vieh, doch zu sehr mit dem Nimbus des Geheimnisvollen umgeben. Sie waren den Physikern, studierten Männern, und daher mit dem Stand der Wissenschaft vertraut, schon längst ein Dorn im Auge.

Auch die Chirurgen, die sich aus ehemaligen Feldschern, Badern und Barbieren rekrutierten, hatten nicht ohne Neid dem guten Zuspruch und dem Können der unehrlichen Sippschaft zugesehen.

So blieb es nicht aus, da sich auch viele andere Menschen, wie fahrende Leute, Schäfer, alte ausgediente Soldaten, Weiber und dergleichen mehr, ebenfalls mit "Segensprechen, Bäuten und Curpfuscherey" beschäftigten, daß sich landesherrliche Verordnungen gegen diese zauberischen Kuren, Quacksalbereien u. ä. wendeten.

Wie sehr jedoch die Lehrer an den Hochschulen selbst im Wust des Aberglaubens steckten, ersieht man an dem Beispiel des Medizinalprofessors Hermann Neuwald in Helmstedt, der, um die Person zu entdecken, die einer anderen eine Krankheit angehext hatte, sich des sog. Sieblaufens bediente und so in drei Fällen glücklich zum Ziel gekommen sei.

Er sagt aber selbst, gleichsam zu seiner Entschuldigung, "nach dieser Zeit bin ich davon abgestanden aus Besorgnis, der Teufel habe mir nur die Wahrheit entdeckt und suche mir das Maul zu schmieren, um mich weiter in sein Netz zu ziehen".

Beachtenswert dagegen ist die Schrift des Peiner Arztes Loges, der 1708 in seiner Schrift wider den Aberglauben in der Medizin sagt, daß die Kranken, statt nun bei Ärzten vernünftigen Rat zu holen, "sintemahl Gott nicht allein die Artzeneyen, sondern auch die Personen, welche sie verordnen sollen, auerlesen und dazu berufen hat", sich erkundigen, "ob nicht hie und da eine super-kluge Frau oder weiser Mann zu finden, so in diesen Sachen guten Rath und Hülfe geben könne. Da laufft und schickt man offt weit nach dieser oder jener Segensprecherin, Scharfrichterin, einem Pferde-, Kühe- oder Schweinearzt etc." und wie Dr. Loges zum Schluß sagt: "versuchet also den Teuffel durch Beelzebub zu vertreiben."

Die Sanktionierung der Scharfrichter als Ärzte war somit in Gefahr geraten. Noch 1710 kuriert der Meister Curd Albrecht Dreyfing in Königslutter unter obrigkeitlicher Genehmigung.

Als Dorotea Grünter aus "Foßfelde" mit einem zerbrochenen Bein vor dem Scharfrichter liegt, wird ihr sogar noch aus der städtischen Armenkasse eine Spende von 2 Mgr. gegeben.

Doch die Tage dieses als Arzt berühmten und beliebten Mannes sind gezählt. Am 30. November 1710 wird er beerdigt und in dem Kirchenbuche von Oberlutter finden wir die Bemerkung, dass "ein über alles großes Gefolge, sowohl von Einheimischen, alß auch von denen Dorffschaften", seinem Sarge gefolgt sind.

Einen interessanten Einblick in die Verhältnisse und den Streit zwischen Bader, Chirurgen und Scharfrichter gibt uns ein Schriftstück von 1718, in dem sich der Bürger und Chirurgus Christian Ernst Vogel in Königslutter an den Herzog August-Wilhelm mit der Bitte wendet, "daß außer mir kein Feldscher sich hieselbst mehr setzen dürfte". Er betont, daß er "mehrere Jahre unter den 'Trouppen' und zwar bey Ihr. Durchl. Herzog Ferdinand Albrecht glorwürdigsten Andenken Regiment, insonderheit aber bey dero Leib-Compagnie 42 Monath als Feldscherer gestanden, und meine Function also verrichtet".

Nicht ohne Bitterkeit fährt er in seinem Schreiben fort, "Wann nun nachgehends mich allhier in Königs-Lutter häußlich niedergelaßen um meine erlernte Profession zu exerciren und mich mit den Meinigen ferner davon redlich zu ernehren, so fället doch die Nahrung so knapp, daß öfters mein Auskommen nicht sehr, noch weniger aber, wo die so schuldig als willigst zu gebende onera zu Zeiten soll hernehmen, weiln die Nahrung merentheils dadurch mir entzogen wird, daß allhier Schinder, Weiber, Kuh- und andere Hirten sowohl innerlich als äußerliche Curen verrichten und die Patienten betrogen."

Nun wendet sich die Geheime Ratsstube an den Gerichtsschultheißen, Bürgermeister und Rat zu Königslutter, um einen genauen Bericht. Schon unter dem 30. Mai 1718 antworten diese "das in des Amts jurisdiction im Oberndorffe, vor Lutter verschiedene Leute: als der Sch.-R. Mstr. Hans Fahner, der alten Sch. Richterinn ihrer Tochter Tochter und deren Mann, Nahmens Straßburg, der Kuh-Hirte im Oberndorf nebst der daselbst wohnenden und communicierte sogn. Doctor unterschiedlich befinden, welche äußerliche und innerliche Curen sich bedienen auch dergleichen sich vormahls in der Stadt befunden, aber selbigen nach dem Sie davon nichts den Publico zum besten gegeben, auf beschehene Anmelden von hiesigen Lasttragenden Apotheker und in der Raths-Bader Stube wohnenden Bader, ihr Handwerk sofort geleget worden. Und da der Ort klein und wenig Nahrung für die Bader und Barbiere sey-, bitten Sie Exellenc, daß hinfüro kein Feldscher mehr hieselbst sich niederlassen und hierherum in der Nähe, wohin sein Absicht und Meinung gehet, sich bedienen dürfe."

Wenig später kommt der Bescheid an den Amtskammerrath sowie die städtischen Behörden "zu Königs-Lutter hinfort jegliches andere curiren bey Strafe zu untersagen".

Doch es hat seltsamerweise anscheinend wenig genützt. Die scharfrichterliche Sippschaft in der Meisterei kümmerte dieses genau so wenig, wie die Patienten, die die heimlich abseits liegende Schinderei aufsuchten. Wer konnte auch den Nimbus zerstören, der seit Generationen auf Ort und Menschen dieses Hauses ruhte?

Ja wir wissen, daß der junge Scharfrichter Christian Straßburger, dessen Gattin, die Enkeltochter des alten Meister Dreyfing war, sich vor dem Kloster, auf der sog. Stiftsfreiheit, ein Haus erwarb, in dem viele Menschen Hilfe suchten und fanden. Er, der Scharfrichtersohn aus Görlitz, hat dem ungeachtet noch 1722 "eine frembde vornehme Frau in der Cur", die hier ein totgeborenes Kind zur Welt bringt.

Noch 1723 ist bei einer Beerdigung eines Soldaten die Bemerkung angegeben, daß er "bey Straßburger in der Cur gelegen".

Wie sehr sich aber dieser "unehrliche Mann" die Achtung und Freundschaft gebildeter Kreise erworben hat, ersieht man daran, daß bei seinen zahlreichen Kindern Akademiker und hohe Militärs zu Gevatter stehen.

So ist z. B. bei dem Sohne Maximilian Ernst 1723 der Capitain-Leutnant von Langeleben, Maximilian Nicolai, und der Advokat Matthias aus Helmstedt Pate. Als Meister Straßburger 1737 stirbt, seziert man seine Leiche, um sie dann am 13. März in der Stille zu begraben.

Es war stille geworden, die Medizinalordnung vom 21. Februar 1721 hatte zu wirken begonnen.

Mit den Zeiten änderten sich auch die Menschen. Die Hinrichtungen wurden seltener und der Scharfrichter sah sich um seine Haupteinkunftsquelle betrogen. Wie sehr fühlte er gerade deshalb den Schlag der erlassenen Verordnungen, die ihm, dem einst begehrten Arzt jegliches Kurieren verbot.

In einem Bittgesuch des Scharfrichters Johan Conrad Scheermesser aus Helmstedt, 1748, sagt dieser "doch gnädig geruhen zu wollen, ihn mit den Gerechtsamen im Amte Bahrdorf zu belehnen, da zu dem Bezirk der Stadt Helmdtedt nur noch 9 Dörfer, zu Königslutter aber 28 gehören".

Als Begründung seines Gesuches sagt der Helmstedter Meister: "daß ihm viele Vorrechte im Laufe der Zeit verloren gegangen sind und er nicht mehr weiß, zu dem das Justificieren der armen Sünder sehr selten geworden, wovon er seine Familie recht ernähren soll."

Wörtlich sagt er dann weiter "daß ihm auf der hiesigen Barbier Beschwerde, das Curieren der Menschen, womit dann und wann noch etwas zu verdienen stünde, bey namhaft hoher Straffe verboten sey.

Was blieb da dem Scharfrichter anderes über, als im Schutze seines unehrlichen Makels lustig weiter zu kurieren. Ungeachtet des Befehls vom 29. August 1744, in der "alle und jede Obrigkeit" befohlen wurde, "über die Medicinal-Ordnung (vom 21. Februar 1721) genau und sträcklich zu halten, ob derselben gebührlich nachgelebt, oder in ein und anderen Stücken dagegen gehandelt werde? ex officio fleißig zu erforschen, und darum, auch ohne einige Erinnerung, pflichtmäßig bekümmert zu seyn, bey den vorkommenden Contraventions-Fällen durchaus keine Schrift-Wechselung zu verstatten, sondern alles durch mündliche Verhöre summariter zu untersuchen, und die schuldig befundene ohne Verzug mit nahmhafter Strafe zu belegen."

Daß aber trotzdem gerade auch in jenen Jahren weiter Medicinalpfuschereien verübt wurden, ersieht man an dem Repertorium der Geh. Rats-Registratur (L. Alt, Abt. 2) des Landeshauptarchives in Wolfenbüttel, wo wir z. B. die Akte "Curen des Nachrichters Matthias, Königslutter 1747-97" (VI. 1543) aufgezeichnet finden, die aber selbst leider nicht mehr vorhanden ist.

Daneben finden wir angeführte Archivalien über verbotene Kuren der Scharfrichter Kratzer (1759-1801 und Sch. Friedrichs (1794).

Wie sehr jedoch der "gestrenge Herr", wie der Scharfrichter auch oft angesprochen wurde, bestrebt war, seine Söhne aus dem Gewerbe der Wasenmeisterei herauszuhalten, ersieht man daran, daß gerade in jener Zeit viele Scharfrichtersöhne die Hochschulen besuchten, um hier den ungeheuerlichen Sprung in die "ehrliche", bürgerliche Gesellschaft zu wagen. Ginge man der Genealogie verschiedener Ärztefamilien nach, so fänden wir bestimmt als Stammvater einen "unehrlichen" Scharfrichter oder Halbmeister.

Ein extremes Beispiel zeigt uns jedoch, wie der gute Wille der Eltern durchaus nicht immer genügte, um aus dem Sprößling einen studierten Mediziner zu machen. Der Nachrichter in Lüneburg, Meister Holdorf, Glied einer alten niedersächsischen Schelmensippe, hatte einen Sohn, den er seiner Fähigkeit halber und weil er vor allen Dingen denselben in eine gesicherte bürgerliche Existenz zurücklassen wollte, auf die Schule schickte.

Der Knabe hatte somit bereits in Hamburg eine höhere Schule absolviert. Nun besuchte er die entfernt liegende Universität in Helmdtedt, die es ihm gestattete, seine Herkunft gänzlich zu verbergen. Der junge Holdorf hatte ein gewandtes, sicheres Auftreten, und seine Begabung gab Hoffnung auf ein gutes Studium und Examen.

Doch wie Storm in seiner Novelle Carsten Curator sagt: "Ein jeder Mensch bringt sein Leben fertig mit sich auf die Welt und alle, in die Jahrhunderte hinauf, die einen Tropfen Blut dazu gegeben, haben ihren Anteil an ihm", so war es auch bei unserem Holdorf.

In Wolfenbüttel war Holdorfs Vatersbruder Scharfrichter, und aus dem schriftlichen Verkehr wurde bald ein persönlicher. Hier in der Meisterei des Oheims lernte der junge Student eine Jungfrau kennen, die, eine entfernte Verwandte des Hauses, ihn durch ihre Schönheit und Herzensgüte fest in ihren Bann zog.

Überhaupt, was war diese Umgebung, dieses Geheimnisvolle, welches über dem stillen Anwesen des Verwandten lag, für eine Abwechslung gegenüber dem geräuschvollen Treiben an der "Alma mater Julia".

War es nun die Sehnsucht nach dem Glück, welches ihm der Besitz des schönen Mädchens zu sein schien, war es das Geheimnisvolle, welches ihn in diesem Hause auf Schritt und Tritt begegnete, es erwachte in ihm der Drang nach dem furchtbaren Gewerbe der Ahnen, in seinen Adern rauschte und hämmerte wild das Blut.

So kam es dann, daß er seine Bücher beiseite legte, in seinem Träumen selbst als Meister auf dem Blutgerüst stehend richtete, und ihn dieses somit Tag und Nacht vollständig einnahm.

Er hatte im Haufe des Oheims gesehen, daß man dort Lederfiguren zurichtete, denen man dann mit scharfgeschliffener Klinge die Köpfe herunterschlug. Dieses erweckte in ihm denselben Gedanken. Er verstand es bald, genau wie die Vettern in Wolfenbüttel den ledernen Jungens die Häupter abzusetzen. Es war für ihn ein gefährliches Spiel. Trat er bei der Mensur einem Kommilitonen entgegen, so schlug er "als hacke er Fleisch".

Der Vater im fernen Lüneburg ahnte nichts non alledem. Der junge Holdorf führte einen schweren Kampf. Er konnte nicht zurück, denn es war ihm ein Bedürfnis Blut zu sehen.

Da kam ihm ein Ereignis zur Hilfe, welches sein ferneres Leben entscheidend bestimmen sollte. Aus Wolfenbüttel kam die Nachricht, daß in einigen Tagen drei Verbrecher gerichtet werden sollten. Wenn es ihm Vergnügen machen würde, sollte er kommen und dem grausigen Schauspiel zusehen.

Da stand es in dem Jüngling fest, die Execution mußte er vollziehen. Der Oheim mahnte entsetzt, er möge an seine braven Eltern denken, doch ihn hinderte nichts.

Es waren viele Menschen nach Wolfenbüttel geeilt, um dieser Hinrichtung beizuwohnen. Auch aus der Universitätsstadt Helmstedt waren viele Studenten herzugeeilt. Dichte Volksmengen umlagerten das Blutgerüst, als die drei Delinquenten unter dem Läuten der Armesünderglocke sich nahten.

Neugierig drängte das Volk und schob die absperrenden Truppen immer näher und näher an das Schaffott. Auf diesem stand der Meister mit seinen Knechten bereit, die Opfer der Gerechtigkeit zu empfangen.

Am Blutgerüst, fast unbemerkt, lehnte ein bleicher, junger Mann. Seine Augen sahen funkelnd und erwartungsvoll in den frühen Morgen. Der erste arme Sünder war auf den Sitz geschnallt. Der Meister prüfte noch einmal das schwere Richtschwert, da - ein junger Mann in der Tracht der Helmstedter Studenten schwingt sich auf das Gerüst, entreißt dem alten Meister das Schwert und ehe auch nur ein Gedanke gefasst ist, trennt er dem Delinquenten mit einem Hieb den Kopf vom Rumpfe.

Versteinert steht die Menge, steht der Meister selbst da. Er kann es nicht hindern, auch die zweite und dritte Exekution führt der Jüngling durch.

Hier steht kein Fremder, sondern an dem Beifallssturm, der dem Studenten entgegenschallt, erkennt der Alte, daß sein Neffe ein Meisterstück vollbrachte. In dem jungen Holdorf aber ist ein Rauschen und Singen, er weiß nun, nichts wird ihn in der Welt mehr trennen von dem Beruf seiner Ahnen. Der furchtbare Drang des Blutes hat sein Recht bekommen.

Mit dem Studium war es für alle Zeit vorbei. Die Universität tat den in den ehrlosen Beruf der Väter Zurückgefallenen für immer in den Bann. Er war ausgestoßen aus der bürgerlichen Gesellschaft, aber in seinem Innern fühlte er, daß er seine Zufriedenheit wiedergefunden hatte. Er wurde Scharfrichter wie sein Vater, Großvater und Urgroßvater gewesen waren und fühlte sich wohl dabei.

Friedrich Grütter, Bürgermeister von Walsrode (1820-1899), der diese Begebenheit in seinem Buche "Allerlei Leute" erzählt, sagt noch, daß dieses der alte Scharfrichter Holdorf in Walsrode war, der die seltsame Laufbahn durchgemacht hat.

"Wir haben ihn oft gesehen, und immer ist er uns als ein besonderer Mann vorgekommen, der vor den Leuten seines Standes sich ganz und gar auszeichnete. Er konnte den früheren Studenten nicht verleugnen. Selbst unter dem Drucke der Abgeschlossenheit und dem Umgange mit dem Auswurf der Menschheit blieb an ihm eine gewisse Zurückhaltung bemerkbar, die ihn von dem ihn umgebenden Gelichter vorteilhaft unterschied."

Hatte der Scharfrichter bei der Tortur reichlich Gelegenheit gehabt, Knochenbrüche und Verrenkungen kennenzulernen, "so daß einige darinnen recht geschickt seyn und Handgriffe wissen, die oft anderen fehlen", so war die Anwendung der Folter mit der Zeit sehr selten geworden. Friedrich II. hatte sie für Preußen bereits 1754, Baden 1767, Mecklenburg 1769, Sachsen 1770 und das Fürstentum Osnabrück 1788 abgeschafft.

In Braunschweig kam sie durch die Usurpationsperiode gänzlich außer Kraft. Nach Wiederherstellung der alten Souveränität war sie theoretisch wieder eingeführt, kam aber praktisch nie wieder zur Anwendung. Durch die Einführung der Strafprozeßordnung für das Herzogtum Braunschweig 1849 wurde sie gänzlich aufgehoben.

Die letzte bekannt gewordene Anwendung der Tortur war bei uns 1771 gegen den bekannten Einbrecher Riechers durch den Scharfrichter Benignus Fuchs vollzogen (siehe Görges-Spehr, l., 430 ff.). 1783 wurde die "peinliche Befragung" vom Rate der Stadt Braunschweig gegen die Ehefrau des Chirurgen Spies nochmals erkannt, jedoch nicht in Vollzug gesetzt, da Herzog Karl Wilhelm Ferdinand die erforderliche Genehmigung versagte (Br. Mag. 1903, S. 49).

Der Scharfrichter war so zum Kurpfuscher degradiert. Schon 1705 entschuldigte sich der Nachrichter von Dannenberg gegen die Vorwürfe, daß er innerliche Kuren ausübe, "wenn man nicht sicher wäre wegen geronnenen Bluts inwendig oder wenn der Schaden mit äußerlichen Mitteln allein nicht curiert werden könne, auch wohl innerlich etwas anwende." Er hatte einem Bauern für einen Heiltrank 3 Taler abgefordert.

Der Halbmeister Peter Schrieven im Lande Hadeln muß ein recht übler Wunderdoktor gewesen sein. Von ihm ist bekannt, daß er ein grober Kerl war, der oft betrunken, trotzdem das blinde Vertrauen der Bevölkerung und darüber hinaus selbst das angesehener Leute, die sonst Verstand und Einsicht haben wollten, besaß.

In dem braunschweigischen Amte Ottenstein, welches jenseits der Weser liegt, wurden in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts große Klagen über dort vorkommende Quacksalber geführt.

1785 berichtet Pastor Zerbst aus Ottenstein an das "Fürstliche Ober-Sanitäts-Collegium" in Braunschweig:

"Keine Gegend ist wohl reichlicher mit jener menschentödtenden Race (Rasse) von Quacksalbern versehen als sie unsrige. Wir wonen auf der Gränze, verschiedene Länder stoßen hier zusammen, und jedes liefert uns dieses schädliche Insegt, das eine in der Gestalt eines verdorbenen, halbgeleerten Apothekers, das andere in der Gestalt eines verunglückten Candidaten, das dritte in der Gestalt eines Abdeckers und wer kann sie alle nennen? Die Ausgeburten der medicinischen Wissenschaft. Zu diesen Leuten läuft nun der Bauer hin und lieber als zu einem geschickten Arzt, denn er bezahlt weniger Geld und erhält doch dafür Medizin, die ihn angreift, obgleich auch gewöhnlich Ursache des Todes wird, wenn er nicht eine erstaunende starke Natur hat. Das angreifende Wülen im Körper liebt aber der Bauer und weil jene Leute gewoniglich Pferdekuren zu machen pflegen, die entweder helfen oder brechen müßen, so hat der Quacksalber eher sein Zutrauen als der Arzt. Der Arzt versucht es auch bei der Kur des Bauern oft darin, daß er seinen starcken eisernen Körper ebenso behandelt als den sicher weichlichen Körper des Städters. Wenn auf letztere 1 Quentgen Rabarber wirkt, so verträgt der Körper des Bauern eine 2 bis 3fache Dosis, ehe sie Wirkung tut. Dadurch versehen es die Ärzte oft in der Kur des Bauern und geben ihn Anlaß an der Kunst des Arztes zu zweifeln."

"Nun", so sagt der geistliche Herr erklärend weiter, "gehen sie zum Afterarzt, der gibt ihnen Pferdemedizin, die wirkt nun gewaltig - zuweilen durch einen glücklichen Zufall zum Leben, gewöhnlich aber zum Tode. Traurig ist es doch, daß der Bauer sich so muß zu Tode kuren laßen. Bei einigen vernünftigen und begüterten richtet der Prediger wol zuweilen durch sein Zureden es aus, daß sie zu einem ordentlichen Arzt gehen - aber es gibt doch immer mehrere, und es sind die Mehrsten, die zwar von einem Tage zum anderen ihr Auskommen haben, aber nicht so viel dazu gehört, einen Arzt kommen zu lassen. - Diese sind nun ohne Hülfe. Ein trauriger Anblick für den, der mit ihnen umgeht, gerne helfen will, aber nicht immer kann."

Jetzt kommt ein Vorschlag aus gutem Herzen.

"Wenn doch je 5. und 5. oder auch 6. Dörfer unter die Aufsicht eines geschickten Chirurges sowie bei Regimentern es ist, getan würden. Zwar fehlt es auf dem Lande nicht an sogenannte Chirurgis, aber was helfen die? Männer müßten es sein, von der Geschicklichkeit als man von Regimentschirurgen fordert.
K. Zerbst, Pastor zu Ottenstein, Grave, Lichtenhagen und Glose. 1785."

Wo waren die Zeiten geblieben, in denen man den Scharfrichter als Arzt suchte, wo selbst Fürsten und hochgestellte Personen sich für ihn einsetzten? Dem Bader und Barbier, den das Mittelalter als unehrlich und somit fast ebenbürtig neben die Henkersleute stellte, war es möglich, das chirurgieren zu erlernen und durch ein Examen vor dem Ober-Sanitäts-Collegium zu beweisen. Der Nachrichter war aber gezwungen, wollte er das eine ausüben, das andere zu verleugnen.

In einem Berichte des Ober-Sanitäts-Collegium an den Herzog von 1786 heißt es: "daß es wohl solange unmöglich seyn werde, den Keim derselben (Quacksalberei) auszurotten, solange es noch Dummheit und Aberglauben auf einer, und Gewinnsucht auf der anderen Seite unter den Menschen gibt".

Man beklagt sich ferner darüber, daß dem Ober-Sanitäts-Collegium zu wenig Möglichkeiten gegeben sei, den Pfuschern, die meistens "Vagabunden, Marktschreyer u. ä. Gesindel" wären, das Handwerk zu legen.

"Ew. Herzgl. Durchl. geben wir daher unterthänigst anheim, ob Höchst derselbe gnädigst geruhen zu wollen, von neuem eine höchste Landesverordnung gegen alle Quacksalbereien und Pfuschereien, mit Bedrohung schwerer besonders öffentlicher Leibes-Straffen ergehen zu laßen und mittelst derselben allen Ortsobrigkeiten anzubefehlen, auf alle und jede in ihren Bezirken sich finden lassende Quacksalber und Pfuscher wohl Acht zu haben, sie im Betreffungsfall ins Gefängnis bringen, das Factum uns anzuzeigen und nach eingeholter unserer Erkenntniß sie mit der höchst verordneten Strafe zu belegen, und zur Warnung anderer, sothane vollzogene Strafe in den Brschwg. Anzeigen bekanntzumachen."

Doch immer wieder wechselt wirkliches Können mit Pfuschereien ab. Der Kotsasse Niemeyer zu Deensen bittet 1798 um Erlaubnis, seiner Ehefrau zerbrochenes Bein von dem Nachrichter Foerster kurieren zu lassen. Er gibt dieser Bitte die Begründung, "weil die Chirurgi in Stadtoldendorf und Holzminden die hierzu erforderliche Geschicklichkeit nicht besäßen, als zu welchem Falle von ihm mehrere Fälle nahmhaft geworden sind, wogegen aber der Nachrichter Foerster aus Stadtoldendorf, durch manche Curen der Art, sich das Zutrauen der dortigen Gegend erworben habe."

Es war nicht mehr der ehrlose Geselle, der Jahrhunderte hindurch verfemt abseits der menschlichen Gesellschaft wohnen mußte, sondern es war der durch die Reichsgesetze und Landesverordnungen ehrlich gewordene freie Bürger, der im Kampfe um den Aeskulapstab zum freien Wettbewerb auftrat.

Auch der Scharfrichter bewies in diesen Zeiten seinen Stolz. Die ganze gebildete Welt drohte durch dieses Ansinnen der Scharfrichter zusammenzubrechen.

Ein fast salomonisches Urteil gab Friedrich der Große von Preußen auf die Beschwerde der Berliner Wundärzte. Er verfügte:

"Da aber Se. Königliche Majestät nicht indistinctement allen Scharfrichtern, sondern nur denen habilen solch Kurieren erlaubt haben, so lassen Höchst dieselben es auch dabei fernerhin bewenden, massen das Publikum in nötigen Fällen Hilfe haben will. Wann die Chirurgi so habil seynd, als sie sich in ermeldeten ihrer Vorstellung gerühmt haben, jedermann sich ihnen lieber anvertrauen als bei einem Scharfrichter in die Kur gehen wird: wohingegen aber, wenn unter den Chirurgen Ignoranten seind, das Publikum darunter nicht leiden kann, sondern jene sich gefallen lassen müssen, daß sich jemand lieber durch einen Scharfrichter kurieren und helfen lasse, als ihnen zu gefallen lahm und ein Krüppel bleibe. Und also sollen sich die Chirurgi nur alle recht geschickt machen und habilitieren, so werden die Kuren der Scharfrichter von selbsten und ohne Verbot aufhören."

Die Rinderpest, jene furchtbar um sich greifende Seuche mit ihren für die Volksernährung so verderblichen Nachteilen, war das Problem des 18. Jahrhunderts. Die Wissenschaft stand vor einem Rätsel und versuchte vergebens mit ihr fertig zu werden.

Überall im Lande Braunschweig und weit darüber hinaus ging das Vieh elendig zugrunde. Auf Anraten des Collegium Medicum in Braunschweig setzte Herzog Karl l. 1764 eine Prämie von 500 Talern aus, um weiteste Kreise für die Suche nach einem brauchbaren Heilmittel zu interessieren.

Unter den zahlreichen Bewerbern und deren Eingaben findet sich auch die des Nachrichters Nikolaus Löwe aus Vorsfelde, der unter dem 18. Dez. 1777 als probates Mittel vorschlug, "den Fuß eines ungeborenen Fohlen, Betonien-Blätter, rote Rosenblätter, die Krone von einem Pferdefuß und das Herz von einem gefallenen Stück Vieh zu pulverisieren und davon jedem Tiere drei Messerspitzen voll einzugeben", wahrlich ein Mittel, das durch das Collegium Medicum als "abergläubisch und verworren" treffend gekennzeichnet wurde.

Der Scharfrichter Vogel, Eigentümer der Meisterei zu Gandersheim, bittet 1800 um die Erlaubnis zur Ausübung der Chirurgie. Das herzogl. Ober-Sanitäts-Collegium, dem dieses Schreiben zur Prüfung übergeben wird, berichtet nun an den Herzog Karl Wilhelm Ferdinand, daß es "nach unserm unterthänigsten Dafürhalten nicht rathsam, ihm die gesuchte Erlaubniß, als Nachrichter chirurgische Praxis treiben zu dürfen, zu ertheilen und dem auf der einen Seite beide Arten von Geschäfften und Bürgerlichen Verhältnissen zu unverträglich mit einander sind, um eine Vereinigung in einer Person zu verstatten, auf der andern Seite aber durch ein solches Beispiel die schon so häufigen Pfuschereien der Nachrichter (die bei dem großen Haufen in dem Rufe, als besäßen sie geheime Wundermittel zu stehen pflegen) gar sehr begünstigt werden, und es nicht fehlen würde, daß mehrere Nachrichter auf dieß Beispiel sich berufen und eine gleiche Koncession suchen würden. Wenn der Supplikant aber am Ende seines Gesuches sich erbietet, sich allenfalls von der Meisterei gänzlich los zu sagen, so müssen Ew. Herzgl. Durchl. Höchster Entscheidung wir es gänzlich überlassen, ob Höchstdieselben gewähren wollen ihm unter dieser Bedingung die Koncession zur chirurgischen Praxis in Gandersheim zu ertheilen, worunter doch die daselbst bereits angestellten priviligirten Wundärzte sehr leiden und villeicht ganz außer Brodt gesetzt werden würden."

Doch nicht alle Ärzte dachten so. Der Doktor Heine in Sulingen sagt von dem Scharfrichter 1801 folgendes:

"Der Halbmeister Stahl übernimmt, was nicht zu leugnen, mit viel Glück und Beifall chirurgische Kuren, wie er z. B. Knochenbrüche als die häufigsten chirurgischen Krankheiten 'recht sehr gut' behandelt."

Ja Dr. Lux schreibt noch 1813 vom "Scharfrichter nach allen seinen Beziehungen zum Dessert für Landespolizey, Behörden, Stadtmagisträte und landräthliche Officia, Stadt- und Kreisphysikos, Thierärzte und Scharfrichter", daß "der honette teutsche Scharfrichter" jetzt nur noch enthauptet.

Hängen, rädern usw. läßt er durch Halbmeister und Knechte. Wem das Schwert anvertraut ist, der ledert nicht ab. Darum begnügen sie sich als "tierärztliche Polizei-Offizianten" damit, das Amt der "Landpflege" durch ihre Knechte verstehen zu lassen. Dr. Lux geht soweit, daß er nahezu fordert, "jeder Kreisscharfrichter und Nachrichter muß examinierter Thierarzt seyn."

Er sagt weiter, "keine Wasenmeisterei darf an einen andern verkauft, verpachtet oder durch Verheirathung gebracht werden, als an einen examinierten Thierarzt. Demzufolge werden alle Scharfrichter-Söhne, die immer einige Bildung haben und viele jetzt schon auf Universitäten gehen, Thierärzte werden."

An anderer Stelle heißt es weiter, "Schon im Amt und Brote stehende Scharfrichter können freylich nicht Thierärzte werden; aber jeder neu angehende .... muß Vieharzt seyn. Wer also Scharfrichter werden will, gehe zuvor 3 Jahre auf eine Thierarzneyschule, dieß sey eine 'Conditio sine qua non'. Jeder Tierarzt, wenn er auch nicht von der Fahrt ist, kann nun Scharfrichter werden."

Aber "kein Scharfrichter und Nachrichter darf sich in die Menschen-Medizinal-Praxis einlassen, er sey denn ein promovirter Arzt oder ein examinirter Chirurgus."

Immer wieder werden Klage und Gegenklage über das Treiben der Scharfrichter laut. 1803 zeigt der Pastor Fischer zu Völkenrode an, daß der Scharfrichter zu Fallersleben fortdauernd durch medizinische Behandlungen in der dortigen Gegend großen Schaden, besonders durch Abtreibungen, stifte.

Auch das fürstl. Amt Seesen berichtet am 5. Dez. 1803 an den Herzog über die Pfuscherei an einem 23jährigen Mann. Es heißt hier wörtlich:

"Sollten Ew. Herzgl. Durchl. auf die Zukunft dieses Verfahren zu genehmigen, auf zu verordnen gn. geruhen, daß der Tierarzt, welcher irgend eine Kur an Menschen unternimmt, außer der Strafe, seine Kunst in den hiesigen Landen nicht ferner betreiben dürfe, dahingegen der Scharfrichter und Halbmeister, welcher der gleichen Kuren übernehmen, wenn selbige Eigenthümer der Meisterey sind, solche nicht ferner betreiben dürfen, sondern solche binnen einer gewissen Frist verpachten müßen und wenn sie Pächter sind, solche binnen einer zu bestimmenden Frist, ohne irgend eine Begnadigung erwarten zu dürfen, verlassen müssen."

Wie selbst gebildete Kreise sich den Kurpfuschern anvertrauten, ersieht man aus der Bemerkung, "daß der Oberforstmeister von Campen zu Kirchberg, selbst schwach genug sei, um sich mit den Kuren verbundenen Kreuzen und Murmeln gewisser geheimnisvoller Worte zu unterwerfen, auch dessen Justitiarius Justiz-Amtmann Brinkmeier sich unter diesen Umständen nicht unterstehen dürfen eine diesbezügliche Untersuchung gegen die Curpfuscher zu unternehmen."

Wenn so Mathilde Bösefeld geb. Uhder (geb. 1848, gest.1909), die Großtochter des Scharfrichters Georg Uhder, aus der Familienüberlieferung zu erzählen wußte, daß bei ihren Großeltern und auch bei ihrem Oheim oft vornehme Herrschaften um Rat und Hilfe baten; wenn man bedenkt, daß noch bis kurz vor dem ersten Weltkrieg Landleute nach Königslutter kamen, und hier nach dem alten Scharfrichter Uter frugen, "dä mehr konne as alle Dokters in'n bronswikschen Lanne", so kann man ermessen, wie unendlich lange es dauerte, bis der Nimbus verloren ging, der sich im Laufe eines halben Jahrtausend um die Scharfrichter und Henkersleute gelegt hatte.

Heinz-Bruno Krieger