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Vom Kreuzgang im Kaiserdom

Sonnenstrahlen durchleuchten das zarte Grün der herein neigenden Büsche und Sträucher und ein leiser Windhauch durchwebt Zeit und Raum ...


Kreuzgang im Kaiserdom Ich stehe im Kreuzgang der uralten Stiftskirche zu Königslutter. Allein, eingeschlossen, in dem majestätischen Bau einer fernen, romanischen Zeit. Vor mir die lange Säulenreihe in ihrer vollendeten Schönheit. Dahinter die lange Reihe der durchbrochenen Fensterwand. Alles bezaubernd, in der Vielfalt der Säulen und Kapitelle, Meisterarbeiten der Steinmetze jener frühen Jahre. Alle Ornamente sind beseelt durch die vielen verschlungenen Symbole, Ranken, Maßwerk, Tiere und Pflanzen - Rätsel einer uns so fernen Zeit!

Dort drüben der Meister, gebeugt unter der Last der Schuld, aber nicht minder unter der des schweren Gewölbes, welches er mit seinen Gesellen nun seit vielen Jahren auf den Schultern trägt.
Kreuzgang im Kaiserdom Sonst Stille und Frieden; hin und wieder der verhallende Schlag der Glocke, dumpf, laut, und doch so fern, in der Glockenstube, hoch oben, im Dachstuhl der alten Kirche.

Hier sind Jahrhunderte hindurch Generationen geweihter Brüder entlang geschritten, sind Gespräche geführt worden, haben sich die Geister entfacht. Die Gedanken bildeten sich um zur Tat. Das Werk wurde Frucht für die Menschen, für den Raum, für das Land, in dem wir leben.

Wie fern ist diese Zeit, sind die Jahrhunderte vergangen. Ich stehe und sinne, denke und träume. Es ist mir, als hätte ich viele Stimmen vernommen, viele Gespräche belauscht, in den wenigen Minuten, die ich hier, im Bann der Jahrhunderte meditieren durfte.


Kreuzgang im Kaiserdom Als ich ein Kind war, da bestaunte ich die lange Reihe der alten Leichensteine, die die Wände des westlichen Flügels bedecken. Äbte, Ritter, Edelfrauen und Edelherren. Geistliche und Laien sehen aus der Ferne ihrer Zeit, in die Jahre unseres Lebens. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein und nichts hat sich verändert.

Mein Blick fällt durch das lichtdurchflutete Grün in den "Stillen Garten", dem uralten Begräbnisplatz der Mönche. - Ruhe, Frieden und Besinnung. - Memento mori! -
Was ist der Mensch? - Was sind wir?

Aus dem Kreuzgang trete ich in den großen, hohen Kirchenraum, sehe die starken Säulen, die das riesige Gewölbe tragen, spüre die ungeheuerliche Gewalt dieses Kirchenschiffes, die sich auf einem legt und beeindruckt.

Wie viel Gnade liegt doch in so einer Stunde der Besinnung!

Heinz-Bruno Krieger