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Die Begründer der Arbeiterbewegung in Königslutter - Maurer Wilhelm Niemann

Erschienen im "Moosholzmännchen", heimatkundliches Beiblatt des lutterschen Stadtbüttels August 1983

Die Geschichte der Sozialdemokratischen Deutschen Arbeiterpartei (SPD) ist geprägt worden von den Männern und Frauen, die sich in schwerer Zeit für die Belange der Armen und Unterdrückten vorbehaltlos eingesetzt haben und keine Mühe scheuten, trotz "Sozialistengesetze" ihre Vorstellungen und Programme zum Wohle der arbeitenden Bevölkerung durchzusetzen.

In Königslutter war es der Maurer Wilhelm Niemann, der sich dazu bereit fand, mit seinen Freunden und Arbeitskollegen einen "Volksverein" ins Leben zu rufen und zu begründen. Er war es auch, der sich zur Verfügung stellte, die Verhandlungen und die Verantwortung zu übernehmen, die der Behörde gegenüber notwendig waren.

Am 8. Juli 1893 war es dann auch so weit, daß sich in der Gastwirtschaft "Zum Hofjäger" (heute Schützenhof, Kattreppeln) ein "Volksverein für Oberlutter und Umgebung" gründen konnte.

Wilhelm Niemann wurde als Provisorischer Vorsitzender gewählt. Die Personen, die in diesem Verein Mitglieder geworden waren, gehörten in der überwiegenden Mehrzahl den Baugewerben an.

So waren es in der Gründungsversammlung 10 Arbeiter, 23 Maurer, 2 Dachdecker, 2 Fuhrleute und 1 Kaufmann, die hier ihren Beitritt erklärten.

Auch in der folgenden Entwicklung des "Volksvereins" waren es nur Personen, die der arbeitenden Bevölkerung angehörten, auch hier wieder überwiegend Dachdecker, Fuhrleute und Maurer und nicht zuletzt die Vertreter der damals unteren Bevölkerungsschicht, der "Klasse des IV. Standes" - die Arbeiter, die bis dahin ungeschützt, ausgebeutet, schütz- und rechtlos und von den "Bürgern" verachtet wurden.

Hier war nun der Anfang gemacht worden, auch diesen "Mitbürgern" eine menschliche, sozialausgewogene Entwicklung zu ermöglichen.

Wer war nun dieser Wilhelm Niemann, was wissen wir über diesen Mann?

Karl Heinrich Wilhelm Niemann wurde als uneheliches Kind zu Stift Königslutter am 30. April 1860 geboren. Die Mutter, Wilhelmine Karoline Konradine Antoinette Niemann, war die Tochter des Dachdeckergesellen Peter Valentin Niemanns aus Stift Königslutter, der aus Emmerstedt gebürtig, hier 1831 Karoline Helmeke geehelicht hatte.

Hier nun, bei seinen Großeltern, wuchs der junge Wilhelm Niemann auf. Wer sich nun einigermaßen mit der Sozialwissenschaft beschäftigt hat, weiß, wie sehr sich gerade das unehelich geborene Kind gegenüber der "bürgerlichen Gesellschaft" benachteiligt fühlen mußte.

Es war - zumindest in dieser Zeit, für diese Kinder - diese Menschen - ein Makel, der ihnen ein Leben hindurch anhaften sollte. Die Liebe und Geborgenheit der alten Großeltern und der Mutter gaben dem Knaben Halt und so erlernte er das Maurerhandwerk.

Am 27. Dezember 1884 verheiratete er sich zu Oschersleben mit Marie Wilhelmine Weinrich. Der Ehe entsprossen in der Folgezeit mehrere Kinder.

Der Einsatz um seine "Mitbürger", ein Wort, das für damalige Begriffe gesehen "hinkt", die einfachen, besitzlosen Bevölkerungsschichten konnten überhaupt nicht das "Bürgerrecht" erwerben - die Verantwortung gegenüber seinen Mitmenschen veranlaßten Wilhelm Niemann dann, mit seinen Freunden, 1893 den Volksverein zu gründen, aus dem dann, später, der Ortsverein Königslutter der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) hervorgegangen ist!

Wilhelm Niemann wurde dann einige Jahre später von dem Dachdeckergesellen Andree als Vorsitzender abgelöst.

Niemann nahm dann später die Stelle eines Nachtwächters für die Gemeinde Oberlutter an, die er bis zur Eingemeindung in die Stadt Königslutter 1924 bekleidete. Er war somit der letzte "Nachtschutzmann von Oberlutter".

Hochbetagt ist er in seiner Wohnung, Steinfeld 23, am 4. November 1939 verstorben.

Wenn wir uns genau die vorhandenen Unterlagen ansehen, so müssen wir Wilhelm Niemann als den eigentlichen Begründer der SPD in Königslutter bezeichnen!

Der Zigarrenmacher Wilhelm Wentzel kam erst nachher "im Herbst 1893", da war der "Volksverein" bereits gegründet!

Das mindert keinesfalls die hohen Verdienste Wentzels um die Entwicklung der politischen Auseinandersetzung!

Wir müssen allen diesen Männern und Frauen, die sich trotz Feindschaft und Schmähung für eine gerechte Entwicklung und Zukunft einsetzen, hohe Anerkennung zollen! Es ist aber daher auch für die kommenden Generationen Pflicht, diesen Menschen ein ehrendes Angedenken zu bewahren.

Heinz-Bruno Krieger