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Zigarrenmacher Wilhelm Wentzel

Erschienen im "Moosholzmännchen", heimatkundliches Beiblatt des lutterschen Stadtbüttels August 1983

Die Sozialistengesetze (1878 -1890) konnten auch in Königslutter die fortschreitende Entwicklung nicht aufhalten.

In der Reichstagswahl am 20. Februar 1890 hatten aus dem Wahlkreis Wolfenbüttel-Helmstedt 3000 Personen den sozialdemokratischen Kandidaten Wilhelm Blos gewählt.

In Königslutter waren es 95 Wähler, die dem langjährigen Schriftleiter des Braunschweigischen "Vorwärts" ihr Vertrauen ausgesprochen hatten.

Die Organisation, die Gründung der Partei, war natürlich gerade in den kleineren Städten nicht ohne große Schwierigkeiten. Die Anhänger der Sozialdemokratie hatten von der besitzenden Klasse viele Schikanen und Unannehmlichkeiten zu erwarten, die nicht selten mit dem Verlust des Arbeitsplatzes, aber auch der Wohnung und der Versorgung der Familie verbunden waren.

Es gehörte so schon viel Mut und Verantwortungsgefühl dazu, diesbezügliche Schritte zu unternehmen. Die Gründung des Volksvereins im Juli 1893 war, so gesehen, eine mutige Entscheidung gewesen.

Die Gründer waren natürlich einfache, ungebildete Arbeiter und Handwerker, die durchaus der Unterstützung auswärtiger Genossen bedurften. Ein Glück war so der Zuzug des Zigarrenmachergesellen Wilhelm Wentzel, der am 29. August 1893 von Schöningen nach Königslutter gekommen war.

Wilhelm Wentzel war zu Stettin am 27. Juli 1837 geboren. Er erlernte den Beruf eines Zigarrenmachers und war dann, Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts nach Schöningen, in die Zigarrenfabrik von Heinrich Wassermann gekommen, wo er in Wassermann einen hervorragenden Sozialdemokraten fand.

Dieser war es auch, der Wentzel zu einem fähigen Parteiagitator ausbildete, so daß er bereits 1890 und 1892 Parteidelegierter wurde und 1893 und 1898 zum Reichstagskandidaten für den Wahlkreis Braunschweig 2 (Wolfenbüttel-Helmstedt) aufgestellt wurde.

Wentzels Bildung und seiner politischen Aussagekraft war es dann auch zu verdanken, daß die Arbeiterbewegung in der kleinen Elmstadt in der kurzen Zeit einen so gewaltigen Aufschwung erlebte.

Wir wissen leider nur wenig über diese frühe Zeit. Bekannt ist, daß Wentzel 1893 in dem Hause Neue Straße 25, ab 1897 in der Mittelgasse 8 gewohnt hat.

Er wurde 1898 noch einmal zum Reichstagskandidaten aufgestellt, verstarb aber bereits am 3. Juni 1899 zu Braunschweig.

Wilhelm Wentzel ist einer der alten, großen Männer der Sozialdemokratie in Königslutter. Wir wollen sein Andenken in Ehren halten!

Heinz-Bruno Krieger