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Es war in der Johannisnacht. Ein Elmmärchen.

Es war ganz still, die Försterwiese lag im Silberschein des Mondes...
Soweit das Auge reicht, lag ein weißer, hauchdünner Nebelschleier über dem Grün des Bodens. Vereinzelt sah ich Sterne am Himmel, die fast bis auf die dunkel, im Hintergrund stehenden Bäume des Waldes herunterzureichen schienen. Ich saß auf einem Baumstumpf, fast berührten mich die Zweige junger Heister [junger Buchenstamm], die hier dicht den Wiesenpfad säumten.

Heute war Johannisnacht und es geht der Glaube, dass in dieser von Geheimnissen durchwebten Nacht die Elfen auf der Försterwiese im Elm tanzen würden.

Nun war ich gekommen, um mich selbst zu überzeugen, es eigens zu erleben, es zu erfahren, ob der Glaube, die Sage wahr war, ob der Volksmund recht hatte, was er von den Geheimnissen dieser Nacht, vom Tanz der Elfen zu erzählen wusste. - Die Stille legte sich auf Baum und Strauch. Ich war, so schien es mir, eingesponnen, eingewoben in das nächtliche Geschehen, dem Zauber dieser Nacht.

Wie lange hatte ich gewartet, hatten sich meine Gedanken versunken? Ich kann es nicht sagen.

Auf einmal bemerkte ich im Mittelgrund der Wiese Bewegung. Die Nebel wallten auf, nahmen Formen an und plötzlich sah ich, traute meinen Augen kaum, märchenhaft schöne Geschöpfe, grazil und feengleich, im weiten Rund der Wiese dahinschweben....
Der Mond war nun voll hinter den Wolken hervorgetreten, just so, als wolle er keinen Augenblick versäumen, dem herrlichen Schauspiel beizuwohnen. Glühwürmchen schwebten in den Lüften, und leise, leise, schmeichelte sich eine zarte Weise, ungezwungen, fein, in das nächtliche Treiben hinein. Da war er, der Elfentanz! Ein Märchen wurde Wirklichkeit!

Wie grazil, wie schön, drehten und wanden sich die Holden in einem voller feinem Rhythmus geflochtenem, immer freier wehenden Kreis.
Auf ihren Häuptern trugen sie leuchtend goldene Blütgenkränze von Johanniskraut - und da, war das noch zu begreifen, sah ich die Elfenkönigin, die Schönste all der Schönen, auf dem Haupte eine goldene Krone, umwoben von einem langen, silberschimmernden, lang wallenden Schleier.

Ich hielt den Atem an, war berauscht von dem Zauber des Augenblickes. Die Elfenkönigin tanzte, die Nachtigallen sangen und in dem Zauber der Nacht war es mir, als sei ich entrückt, eingetaucht in eine andere, schönere Welt....

Wie lange hatte ich dem seltsamen Schauspiel gelauscht, hatte ich zugesehen? -
Ich kann es nicht sagen. Die Zeit war stehen geblieben, war an mir vorbeigegangen, ohne mich zu berühren.

Was wissen wir denn von den anderen Dimensionen, der Zeit - die uns umgeben, in der wir leben? -

Der Nebel hatte sich verdichtet, ein Käuzchen rief, irgendwo im Gebüsch sein schauriges "Komm mit! - Komm mit!".
War ich eingeschlafen, hatte ich geträumt? -

Fröstelnd, trotz der Wärme der Sommernacht, zog ich meine Jacke fester um die Schulter und eilte nun den schmalen Pfad, der die Wiese seitlich säumt, entlang, dem Felsenkeller zu, um dann auf der Chaussee dem Lutterspring zuzueilen. -

Dunkel war es plötzlich geworden, der Mond hatte sich hinter den Wolken versteckt, die Bäume "Unter den Eichen" hoben sich schemenhaft gegen den nächtlichen Himmel ab. Das Kutschenloch, seitlich des Weges, geheimnisvoll, kaum wahrnehmbar, dunkel glänzendes Wasser...

Ganz benommen noch von dem eben Geschauten eilte ich am Wasserfall vorbei, dessen immer schäumende, gischtige Wogen unermüdlich herabstürzen, als ich vom nahen Stifte laut und vernehmlich die Glocke der Turmuhr schlagen hörte....

Das war der Zauber der Johannisnacht! -

Traum oder Wirklichkeit, Frage und Antwort zugleich!

Man muss es erlebt haben, muss noch an das Wunder glauben können. Ich meine, dann kann man hingehen, schweigen und staunen, um die Schönheit, den Zauber so einer Nacht, die herrliche Natur des Elmwaldes erleben, erlauschen und in sich aufnehmen....! -

Heinz-Bruno Krieger 1983