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Die Wassermaid. Ein Elmmärchen.

Wann es gewesen ist, ich weiß es nicht. Es muss aber schon eine Reihe von Jahren her sein, denn Mutter hatte es von ihrem Vater gehört und dieser wieder von seiner Mutter. Ihr Vater aber stammte aus einem der vielen, kleinen Elmdörfer, in dem der alte Bauernhof steht, in dem die Ahnen seit undenklichen Zeiten lebten. -
Da war auf dem Hofe, im Winkel, dort wo der alte Holunderbusch stand, ein alter, uralter Brunnen.

Die Urahne, als sie noch ein junges Mädchengewesen, hatte sich hier oft heimlich, des Abends spät, mit der Wassernixe unterhalten, die, wollte sie Wasser aus dem Brunnen holen, auf dem Brunnenrand saß und ihr langes, goldenes Haar mit einem großen, silbernen Kamm kämmte. -

Die Jungfer war dann jedes Mal ganz verzaubert gewesen, hatte mit ihren großen, blauen Augen die schöne Wassermaid angestaunt.
Lag sie dann später in ihrer kleinen Kammer, im väterlichen Hofe, der Mond sah durch das kleine Fenster mit den Butzenscheiben in das Zimmer hinein, dann träumte sie noch lange von der schönen Wasserfrau, die ihr so viele sonderbare Begebenheiten gesagt und erzählt hatte.

Der Holderstrauch hatte einen starken Duft verströmt, die Nachtigallen im nahen Garten sangen geheimnisvolle Weisen und der ganze Zauber jenes späten Abends war eingefangen in die kleine, ach so begrenzte Welt des jungen, längst, längst dahingegangenen Mädchens.

Die Zeit, sie eilt. Ungreifbar gehen die Jahre, ziehen die Generationen vorbei.
Wie viele Menschen sind seitdem auf jenem Hofe, in jenem Dorf am Elm geboren und gestorben?

Ob wohl der alte Brunnen im Mauereck noch vorhanden ist -
der Holderstrauch noch seinen herben Duft verströmt?

Man müsste einmal hingehen, nachsehen, ob die Wassermaid auch heute noch des Abends spät ihr goldenes Haar im Mondenscheine kämmt....?
Wer weiß! -

Heinz-Bruno Krieger 1983