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Mein letztes Kriegsjahr 1944 / 1945

Gehe ich in Gedanken die vielen Stationen, die ich in meinem Leben durchwandert habe, hindurch, so ist es besonders die zweite Hälfte des Kriegsjahres 1944 und die Folgezeit bis zur Kapitulation Mai 1945, die für mich und meine ganze Entwicklung von einschneidender und herausragender Bedeutung gewesen ist.

Ich lag mit meinem alten Regiment seit dem Sommer 1943 auf dem Truppenübungsplatz Groß Born-Linde, Kreis Neustettin in Hinterpommern. Die Artillerieschule Jüterbog bei Berlin hatte zu dieser Zeit mehrere Abteilungen ihrer Lehrregimenter nach hier verlegt. Die große Nähe der Reichshauptstadt und die gerade in dieser Zeit verstärkte Zunahme der feindlichen Luftbeherrschung verbunden mit pausenlosen Angriffen auf Berlin ließen auch eine gezielte Angriffswelle auf militärische Anlagen in näherer und weiterer Umgebung vorausahnen.

So war es dann gekommen, dass wir damals, Sommer 1943, von Jüterbog, Altes Lager, nach dem oben genannten Truppenübungsplatz in Pommern verlegt wurden. Waren die Monate in der Mark Brandenburg schon für mich unvergleichlich schön gewesen, zumal ich hier nach der harten Winterschlacht im Osten 1941/42, in der wir fast aufgerieben wurden, wieder neu aufleben konnte, so war das schöne, seenreiche Hinterpommern für uns alle nicht minder schön und tiefbeeindruckend. Hier jedoch näher auf diese Zeit in Pommern einzugehen soll nicht meine Absicht sein. -

Anfang Juni 1944 erhielt die Artillerieschule von dem OHK den Befehl, aus ihren Beständen wesentliche Teile bereitzustellen, die zusammen mit anderen, neu aufgestellten verbänden umgehend an die Ostfront im Mittelabschnitt zum Einsatz kommen sollten.

Unser neues Frontregiment war nun ein mit leichten Feldhaubitzen (LFH 18, bespannt) und leichten Panzerabwehrgeschützen (7,5 cm. mot.) gemischt versehene Einheit. Als Zugmaschinen hatten wir für die Panzerabwehrgeschütze Raupenschlepper (RS0), sonst war unsere Einheit neben nur wenigen motorisierten Fahrzeugen überwiegend bespannt und mit Pferden ausgerüstet. Für die Offiziere und Unteroffiziere, insofern sie für die Butelle und die Feuerstellung, sowie für besondere Einsätze beweglich im Gelände sein mussten, waren ebenfalls Pferde bereitgestellt.

Da nun die Bereitstellung und Einsatzmeldung sehr zeitlich begrenzt war, befanden wir uns in einer gewissen Hektik. Viele neue Leute mussten von uns übernommen werden, andererseits kam unser alter Batteriechef, ein Oberleutnant Gatzke und mehrere Unteroffiziere zu einer neuen Einheit. Wir bekamen hingegen einen neuen Batteriechef, behielten aber unseren Spieß, der sich auch selbst dafür eingesetzt hatte, dass ich entgegen den Bestrebungen des Oberleutnant Gatzke, der mich unbedingt als Richtkreisunteroffizier (R I und R II) mit zu seiner neuen Einheit nehmen wollte, in meiner alten Batterie, die sich in der Mehrzahl noch aus dem alten Stamm der früheren, noch aus Jüterbog stammenden 11.Batterie des Artillerieregiments zusammensetzte, verbleiben durfte.

Da ich diesen oben mehrfach genannten Oberleutnant Gatzke, der als Nachfolger unseres früheren Chef, Hauptmann Götz, zu uns gekommen war, gerade nicht sonderlich leiden mochte, freute ich mich umso mehr, dass ich bei meiner alten Einheit, die nun jedoch unter einer neuen Feldpostnummer ins Feld rückte, und bei meinem alten Spieß bleiben durfte.

Am Morgen des 20.Juli 1944 wurden nun unsere neu aufgestellten Einheiten auf dem Bahnhof von Groß Born-Linde in Waggons verladen, um nun noch am selben Tage in Richtung Osten in Marsch gesetzt zu werden. Stunden später, am Nachmittag desselben Tages, erfuhren wir bei einem kurzen Aufenthalt auf dem Hauptbahnhof in Posen, dass in der Wolfsschanze, dem Führerhauptquartier in Ostpreußen, ein Attentat auf den "Führer" und Obersten Befehlshaber der Wehrmacht, Adolf Hitler, verübt worden sei.

Wenn ich der Wahrheit die Ehre geben soll, dann muss ich hier heute (1977), nach all den vielen Jahren, die inzwischen vergangen sind, und die uns die Ereignisse der damaligen Zeit mit ganz anderen Augen sehen lassen, wie wir sie damals als Frontsoldaten, aus unserer kleinen, begrenzten, nur auf unsere unmittelbare Umgebung ausgerichteten Perspektive heraus erkennen konnten, bekennen, dass wir alle, ohne Ausnahme, über diese Nachricht sehr entsetzt und empört waren.

Wir befanden uns wieder auf dem Wege zur Front, die meisten von uns waren bereits mehrfach im Fronteinsatz gewesen und kamen nun wieder in Einsatz und nun hatte eine Hand voll Verräter, so sahen wir es jedenfalls in dem Moment der Bekanntgabe, und so wurde es auch damals offiziell von der Reichsleitung und dem OKH bekannt gegeben, dem Führer und Obersten Befehlshaber, nach dem Leben getrachtet und waren somit der Front in den Rücken gefallen. Wir waren alle hierüber aufs Äußerste empört, angefangen von unserem Batteriechef, der uns dann einige Zeit später, nachdem wir aus dem Zuge ausgeladen worden waren, hierüber offiziell berichtete. Er wies uns hierbei erneut auf unseren Fahneneid hin, der uns zur Treue für Führer und Reich verpflichtete. -

Aber noch war es nicht soweit. Von Posen ging die fahrt weiter in Richtung Osten. Als wir mit unserem Truppentransport durch die alte polnische Hauptstadt Warschau kamen, waren alle paar Meter neben der Bahnlinie Posten mit Maschinengewehren eingegraben, die bereitgestellt waren, die Zugverbindung nach Osten und somit zur Front sicherzustellen.

In Warschau war gerade zu dieser Zeit der große, in seinen ungeheuerlichen Ausmaßen für die polnische Bevölkerung so heldenmütige Aufstand ausgebrochen. Wir kamen hier nur sehr langsam und vorsichtig vorwärts. Es wurde uns wiederholt von den überall an den Bahnkörpern sich aufhaltenden Soldaten gesagt, dass in Warschau selbst sich schon seit geraumer Zeit kein einzelner deutscher Soldat mehr allein auf der Straße habe sehen lassen dürfen und dass man darum nur in Trupps gegangen sei. Seit einigen Tagen herrsche aber in Warschau offener Kampf.

Am 21. Juli 1944 wurden wir dann gegen Abend nordostwärts von Warschau ausgeladen und gingen von hier aus sofort an die Front in Einsatz. Ich selbst wurde von meinem Chef mit den Funktionen eines Richtkreisunteroffizier (R I und R II) und Scherenfernrohrunteroffizier betraut. Durch diese vielfältigen Aufgaben war ich in der Folgezeit sehr eng mit meinem Batteriechef verbunden, der mich zur Einrichtung und Vermessung der Feuerstellung als R II und, nachdem die Batterie stand, sofort weiter zur Erkundung und Vermessung der Beobachtungsstelle (B-Stelle) als R I mit nach vorn nahm. Hier wurde ich dann später, nachdem wir uns eingegraben hatten, als Scherenunteroffizier verwendet.

In diese Zeit fällt auch mein mehrfacher Einsatz als Vorgeschobener Beobachter (VB), der mich nicht selten in Stellungen beorderte, die in Sandmulden oder in Berghängen lagen, die sich noch vor der Hauptkampflinie (HKL) befanden. Ich habe auch in dieser Zeit, in der wir uns in heftigen Abwehrkämpfen ostwärts des Bugs befanden, an mehreren Spähtruppunternehmen hinter den feindlichen Linien teilgenommen. Es erscheint mir heute fast wie ein Wunder, dass ich immer wieder heile und unverwundet aus diesen gewiss nicht leichten und gefahrlosen Unternehmen herausgekommen bin.

Dem ungeachtet hatten wir jedoch in diesen Tagen am Bug hohe Verluste und ich habe manchen Kameraden fallen sehen. Viele Birkenkreuze säumten unseren Weg und ich habe mir gearde damals oft die Frage gestellt, was dieses Leben, eingespannt in der dauernden Gefahr, in Angst und Überforderung überhaupt für einen Sinn haben würde. Wir alle wohl, die wir uns irgendwie geistig miteinander verbunden fühlten, haben über diese Frage nach dem Sinn des Lebens, nach dem Sinn des Krieges oft nachgedacht, gedeutelt und diskutiert, aber die Antwort letzthin blieben wir uns doch gegenseitig schuldig.

Damals, gerade in jenen Tagen und Wochen vorn in der HKL [Hauptkampflinie], habe ich oft meinen Meldeblock zur Hand genommen und viele Verse und Gedanken darauf geschrieben. Ich hielt so meine innersten Gedanken und Regungen, die mich innerlich bewegten, fest.

Wir lernten damals die Mutter Erde so recht von Herzen kennen und lieben, war sie es doch immer wieder von Neuem, die uns Tag für Tag Schutz bot gegen die Splitterhagel der Granaten und Geschosse. Kamen wir wieder in eine neue Stellung, so wurde zuerst zum Spaten gegriffen und ein tiefes Schützenloch in die Erde gegraben. Je tiefer, je besser - und dankbar waren wir, wenn wir uns tief in dieses Loch hinunter ducken konnten, wenn wieder einmal der Feind angriff und wir hier in der Erde Schutz fanden.

Es war wohl in der ersten oder zweiten Augustwoche 44, als wir über den Bug in westlicher Richtung gingen. Was war das für uns ein trauriger Rückmarsch, der von uns von mal zu mal daran erinnerte, wie wir 1941 unaufhaltsam die selben Straßen, die selben Stationen gegen Osten marschiert waren.

Wir bekamen den Befehl, unsere B-Stelle [Beobachtungsstelle] sofort in das westliche Ufer einzubauen. Heir nun bauten wir uns einen tiefen Bunker tief in die Uferböschung hinein, den wir mit einer mehrfach von dicken Balken und Baumstämmen geschichteten Decke abdeckten. Ein tief in die Erde gezogenes Grabensystem verband unseren breiten Abschnitt mit unseren Nachbareinheiten der Infanterie, die mit uns auf gleicher Höhe liegend, die HKL bildeten. Vor uns floss der Bug und auf der ostwärtigen Seite befanden sich die Streitkräfte der Roten Armee.

Hier an der Schere (Fernrohr) entstand so mancher Vers, geboren aus den Gedanken an Heimat, Frau und Kind. Aber auch diese, nach unserer Meinung uneinnehmbare Stellung, mussten wir bald wieder aufgeben. Ich wurde wieder als VB [Vorgeschobener Beobachter] eingesetzt und in eine dem Feind zugekehrte, große Sandgrube eingewiesen, in die ich mich bereits sehr früh im Morgengrauen mit meinem Funker eingraben musste. Nur wenige Kilometer vor uns lag ein kleines, polnisches Dorf und links, seitlich von diesem, im Hintergrund, war ein vorgeschobenes Waldstück, in dem ich dann am Spätnachmittag eine feindliche Panzerbereitstellung ausmachen konnte. Wir wurden vom Feinde hart unter Feuer genommen, ein Zeichen, dass man uns doch irgendwie erkannt haben musste.

Ich hatte dann endlich noch die Gelegenheit bekommen, mit der ganzen Abteilung ein gezieltes, gut liegendes Artilleriefeuer auf diese Panzerbereitschaftsstellung zu leiten, ehe sich die Nacht mit ihren langen, dunklen Schatten hindernd zwischen die Fronten nieder senkte.

Ein besonderes, wenn auch grausames Erlebnis hatte ich noch an jenem Abend auf dem Heimweg zu unserer Einheit, den ich mit meinem Funker wieder zu Fuß zurücklegen musste. Die feindliche Artillerie schoss mit der Stalinorgel über uns hinweg, in das vor uns liegende, von unserer Einheit besetzt gehaltene Dorf. Wir hörten das Fauchen und Zischen der über unsere Köpfe hinweg jagenden Geschosse und sahen vor uns im Dunkel des späten Abends das Einschlagen und das Aufblitzen der krachenden, so sehr gefürchteten Stalinorgel.

Plötzlich stand die Ortschaft vor uns, in der wir unsere Kameraden wussten, in hohen, hell lodernden Flammen vor uns und unser Heimweg, der bis dahin in völliger Dunkelheit gelegen hatte, war nun gespenstisch hell erleuchtet. Das Furchtbarste jedoch für mich war, dass mein Funker, der Obergefreite Horvath, ein an und für sich lustiger und vitaler Bursche, alter Soldat und von zu Haus her Oesterreicher, mit dem ich seit langem in derselben Einheit gewesen war, und deshalb auch sehr gut kannte, plötzlich wie wild an zu schreien anfing.

Mit dem schweren Funkgerät auf dem Rücken lief er mit einem Mal seitlich in den inzwischen völlig dunkel gewordenen Kiefernwald hinein und ich hörte sein wildes, zu Herzen gehendes Gebrüll noch lange in meinen Ohren widerhallen, ohne dass ich die Möglichkeit hatte, ihn zurückzuholen und mit mir zu unserer Einheit zurückzubringen. Er war, so wurde mir auch später von meinen Vorgesetzten mehrfach versichert, unter dem Fauchen und dem Krachen der Stalinorgel wahnsinnig geworden....

Nach harten Abwehrkämpfen und Rückzugsgefechten waren wir inzwischen in den Raum um Ostrowlenka, südostwärts der alten, ostpreußischen Reichsgrenze gekommen. Hier hatte ich nun die Gelegenheit, mich noch wenige Stunden, ehe die Sowjets hier einzogen, wohl als einer der letzten Deutschen überhaupt, mit dem katholischen Pfarrer des Ortes zu unterhalten.

Die Einwohner der kleinen Stadt hatten sich in großer Zahl in das Gotteshaus begeben. Es war alles in einer unbeschreiblichen Stille und Ruhe versunken, sodass man fast glauben konnte, die Stadt wäre ausgestorben. Nur die Stimmen der Front, die Abschüsse der Granatwerfer, vereinzeltes Maschinengewehrfeuer und einzelne Gewehrschüsse machten immer wieder darauf aufmerksam, dass die Front in spürbarer Bewegung begriffen, sich unmittelbar auf den Ort bewegte. Es mochte um die erste Mittagssunde herum gewesen sein, als ich meinen Chef darum bat, noch einmal einen kurzen Besuch in die Kirche der Stadt zu machen. Er hatte dieses erlaubt, jedoch auf den Ernst der Stunde hingewiesen und mich gewarnt, keinerlei Risiko einzugehen.

Die große, rote Backsteinkirche hatte schon die ganze Zeit über meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen und ich wollte ihr nun, bevor wir weiterzogen, einen Besuch abstatten. Unterwegs begegnete mir keine Menschenseele.

Plötzlich, wie ich um die Ecke zum Kirchplatz kam, sah ich in einem Vorgarten eines Hauses, das seitlich am Platz lag, stehend einen katholischen Priester, in langer, schwarzer Soutane stehen. Ich ging auf ihn zu und begrüßte ihn. Es war natürlich für uns beide eine ungewöhnliche, dem Ernst der Stunde und der Lage angemessene Situation, die zu meistern und gerecht zu werden wir uns beide ehrlich bemühten.

Ich fragte den Priester, ob er mir wohl erlaube, dass ich das so stattliche und gewiss auch von innen her sehr sehenswerte Gotteshaus einmal kurz betreten und einen Blick hinein werfen dürfte. Meinen Wunsch erklärte ich damit, dass ich schon von meiner frühesten Kindheit an ein großes Interesse an Kirchen und sakraler Kunst überhaupt hätte und daher gewiss auch dieses Gotteshaus gern einmal besichtigt hätte.

Der Geistliche hatte mit großer Ruhe meinen Worten gelauscht, bat dann jedoch von meinem Wunsche Abstand zu nehmen, da in der Kirche der Bischof anwesend sei und viele Gläubige hier die schweren Stunden entgegen harrten, die ihnen allen durch den Frontwechsel und den Einmarsch der Roten Armee bevorstehen würde. Sie alle jedoch vertrauten auf den Herrn und hätten sich voll und ganz dem Schutze seiner heiligen Mutter anbefohlen. -

Auch hätte, so meinte der Priester, die polnischen Bürger gerade in diesen letzten Minuten vor dem Frontwechsel wohl kaum genügende Verständnis für mein Verlangen, war ich doch in ihren Augen ein mit vollen Waffen behangener und ausgestatteter Feind. Es könnte so zu unliebsamen Zwischenfällen kommen, deren Vermeidung, wie er mir versicherte, in unser aller Interesse wären.

Bei dieser kurzen und doch so inhaltsreichen Unterredung erzählte mir der Priester, übrigens in einem fehlerfreien Deutsch, dass sein Bruder als Fremdarbeiter seit Jahren in Deutschland, und zwar in Thüringen, arbeiten musste. Der Einmarsch der Roten Armee stand unmittelbar bevor und die Ungewissheit über das, was nun kommen sollte, stand dem Priester auf der Stirn geschrieben.

Auch ich machte mir genauso meine Sorgen und meine Gedanken. War ich auch sonst nicht politisch interessiert und ehrlich zugegeben, mit meinen damaligen dreiundzwanzigeinhalb Jahren noch viel zu ungegoren, die große Strategie des Weltgeschehens zu erkennen, so war ich doch mit meinem ganzen Herzen von Anfang meiner Einberufung an darum bemüht gewesen, ein guter, deutscher Soldat zu sein, der es als seine Selbstverständlichkeit und Pflicht auf sich genommen hatte, seinem Gewissen und seinem Eide treu zu sein.

Doch waren mir nun in der Zwischenzeit nicht selten Zweifel gekommen und ich machte mir schon meine Gedanken darüber, was wir durch den steten Rückzug noch vor uns und zu erwarten hatten. Wir wünschten uns gegenseitig Gottes Segen, der Priester schlug ein Kreuzzeichen über mich und ich ging zurück zu meiner Truppe, die bald darauf von hier abrückte.

Es waren damals viele Stunden und Tage des Kampfes, aber auch des Grauens. Wie viele fröhliche und junge Menschen mussten damals ihr Leben lassen und unsere Reihen lichteten sich immer mehr.

Am 31.August 1944 wurde ich bei einem Einsatz, der gegen Partisanen geführt wurde, von meiner Einheit als Zugführer eingesetzt. Zu diesem Unternehmen waren von dem gesamten Armeekorps Kommandos abkommandiert, um endlich einen großen Unruheherd, der durch polnische Partisanen gebildet wurde, Herr zu werden. Es war ein glühend heißer Spätsommertag und wir bildeten eine lange, umfassende Kette, mit der wir nun einen weitläufigen Kiefernwald, durchsetzt mit dichtem Kuschelgelände, durchkämmen sollten.

Ich befand mich nun mit meinen Leuten inmitten dieser Kette, als wir von vorn plötzlich heftiges Maschinengewehrfeuer erhielten. Ich war instinktiv vorgelaufen und befand mich nur ca. 8 bis 10 Meter vor der Linie, als ich von einem polnischen Partisan, der eine blaue Schlosserjacke trug, mit einem deutschen MG 34 beschossen und schwer verwundet wurde. Mir wurde das rechte Schultergelenk zertrümmert und der Hals und der Kiefer durchschossen.

In diesem Moment, in dem ich zwischen den Linien, auf dem von meinem Blute durchtränkten, kiefernnadelbesäten Waldboden lag, da stellte ich an Gott die eine Frage: "Herrgott, soll dieses nun das Ende sein? - soll mein Leben nun zu Ende gehen?" -
Ja, ich weiß es noch ganz genau, ich war völlig bei klarem Verstande, und keine Minute ohne Besinnung - und ich stellte die Frage an Gott: Soll dieses das Ende sein? -

Ich glaube, diesen Moment, diesen Augenblick gänzlich in seiner Tiefe ermessen zu können, kann nur derjenige, der sich selbst einmal in einer solchen Situation befunden hat.

Nach einer mir wie eine Ewigkeit erscheinende Zeit, in der sich beide Seiten heftige Gegenwehr geleistet hatten, wurde ich endlich von meinen Kameraden geborgen und auf eine Panjewagen gelegt. Ich gab einem Gefreiten Reschauer, einem Bayern, der von meiner Einheit stammte, den Befehl, hinter dem Wagen herzugehen und meinen Kopf in seinen Händen zu Halten, da ich durch den Halsdurchschuss und die Kieferverletzung wahnsinnige Schmerzen durch die Erschütterungen, durch den unebenen Waldboden, im Kopf verspürte.

Vom Hauptverbandsplatz kam ich dann endlich gegen Abend in ein kleines Feldlazarett, wo ich dann einem erstklassigen Chirurgen in die Hände gefallen bin, dem ich letzthin zu verdanken habe, dass ich meinen so schwer verletzten rechten Arm nicht verloren habe. Auch schnitt man mir hier in meine Luftröhre eine Öffnung, in die man eine Kanüle hineinsteckte, durch die ich dann endlich mit frischem kalten Brunnenwasser meinen so angespeicherten Durst löschen konnte. -

Damals, in jenem unbekannten Feldlazarett, hatte ich nur einen Wunsch, zu Hause unter den Eichen an der Lutterquelle zu liegen und mit meinem Munde das frische Lutterwasser aus dem Quellbach heraus zu trinken, immer nur zu trinken und weiter nichts. Hunger tut weh, aber noch viel schlimmer ist der Durst ! -

Die Front war inzwischen immer näher gerückt und wir hörten das Infanteriefeuer in unmittelbarer Nähe unseres Hauses, als ich buchstäblich in letzter Minute noch weiter zurück gebracht wurde. Die weiteren Stationen erlebte ich nur im Dämmern und ohne gute Erinnerungen, bis ich endlich in Posen, im Luftwaffenlazarett eine gute Aufnahme fand.

Gedenke ich nun, im Abstand vieler Jahre, meiner schweren Verwundung damals, so muss ich der Wahrheit die Ehre gebend gestehen, dass ich trotz Angst und Schmerzen und dass ich durch jene schweren Verletzungen Zeit meines Lebens ein Krüppel geblieben bin, doch niemals dem polnischen Volke, vor wie nach, meine Hochachtung für ihren heldenmütigen Kampf gegen ihre vielseitigen Feinde versagt habe. Es ist und war eine große Tragik, dass gerade dieses so stolze und national denkende Volk im Laufe des Krieges und seiner Geschichte so viele, unsagbar viele Opfer und Nöte durchmachen und bringen musste. -

Ich lag lange Zeit mit hohem Fieber in Posen im Lazarett und hatte meinen rechten Arm in einem sogenannten "Gipsstucka", in einem seitlich im rechten Winkel zu meinem Oberkörper gerichteten Gipsverband. Mein Oberkiefer und mein Unterkiefer waren miteinander durch Draht verschnürt und ich konnte so nur durch eine Zahnlücke dünne Suppen und Flüssigkeiten zu mir nehmen. Hierdurch war ich abgemagert und bestand fast nur noch aus Haut und Knochen.

Aber auch diese Zeit ging vorüber. Ich erlebte zwar noch lange Zeit nach meiner Verwundung in vielen Träumen die Schrecken und Ängste der hinter mir liegenden Fronterlebnisse und war doch darüber hinaus glücklich, dass ich noch einmal mit dem Leben davongekommen war.

In jene Zeit fällt auch der 14.Oktober 1944, an dem in der Heimat meine noch so junge Frau unser zweites Kind, ein kleines Töchterlein zur Welt gebar. Das Kind war des morgens zur Welt gekommen und des nachts schon musste die junge Mutter mit ihrem Säugling in den feuchten Keller eines Nachbarhauses in Süpplingen, weil ein Großangriff auf Braunschweig die Bevölkerungin Angst und Schrecken versetzte. -

In jener Nacht, von dem 14. zum 15.Oktober 1944 versank das alte Braunschweig in Schutt und Asche. Ich habe damals, als ich diese Nachricht von meiner Mutter ins Lazarett geschrieben bekam, meinen Kopf, der so zerschossen war, zur Seite gelegt und habe bitterlich weinen müssen. Ich habe oft für meine Lieben in der Heimat gebetet, aber ich habe die Nacht, in der das alte Braunschweig sinnlos sterben musste, nie vergessen und nie verstehen können.

Es waren in der letzten Zeit so viele Gedanken auf mich eingestürmt, dass ich nun so langsam versuchte, mit der linken Hand zu schreiben, was aber gar nicht so recht gelingen wollte. So war ich dann überaus dankbar, als ich endlich nach vielen Wochen meinen "Stucks" wieder abgenommen bekam.

Zuerst war ich hilflos wie ein kleines Kind, als ich den Gips los bekam. Ich bekenne, dass mir die Tränen die Backe heruntergelaufen sind, weil ich in diesem Moment gar nicht begreifen konnte, was ich mit diesem schweren, hilflosen Stück Fleisch, das mein rechter Arm war, in Zukunft anfangen sollte. Steif und schmerzhaft hing es nun an meiner rechten Seite herunter und es sollten erst viele Wochen vergehen, bis alles wieder besser wurde.

Nun kam ich aber wieder so nach und nach dazu, meine Gedanken und Verse aufzuschreiben. In diesen Wochen entstand dann auch mein "Nobiskrug", eine Vision auf mein Erlebnis an der Front, dem mir beinahe mein letztes Stündlein geschlagen hätte.

Ich glaube, ich machte mir gerade in jenen Tagen und Wochen in Posen ernsthafte Gedanken über das Hereinragen einer transzendenten Welt in unser Leben. Wohl kaum habe ich es in meinem Dasein früher oder später so bewusst in meinem Denken erfahren, wie hilflos und ausgeliefert wir doch letzthin alle, dem großen Ungewissen, ja sagen wir doch ruhig dem allmächtigen Gott, gegenüber sind, dessen Daseinsbeweis ein jeder Mensch letzthin nur persönlich in sich und in seinem Leben spüren und erfahren kann. -

Aber auch viele andere Verse und Gedichte entstanden hier, nicht dass ich dabei irgendwelche Absichten gehegt hätte, nein, einfach aus der Freude heraus zu reimen und etwas zu tun, die Zeit festzuhalten und nicht einfach zu vergeuden. So blieb es dann auch nicht verborgen, dass ich Verse schrieb und man sich mit mir über allerlei hintergründige Dinge unterhalten konnte.

Das veranlasste nun meinen Stabsarzt Dr.Riel, der für unsere Krankenbaracke zuständig war, sich besonders gern und häufig mit mir zu unterhalten. Es war ein gutes, ja ich möchte sagen, kameradschaftliches Verhältnis, das mich mit dem Arzt verband. Er sagte mir offen seine Ansicht und vertrat diese auch, wenn ich auch oft eine andere Meinung hatte.

Eines Tages nun war ich offiziell zu Stabsarzt Dr.Riel auf sein Dienstzimmer bestellt worden. Er teilte mir mit, dass er mich zum Langemark Studium vorgeschlagen habe. Auf meinen Einwand, ich habe doch kein Abitur, machte der Arzt eine wegwerfende Handbewegung und erklärte, das sei kein Hindernis, das würde ich seiner Meinung nach spielend erreichen. Ich war dankbar und bin es bis auf den heutigen Tag, denn dieser Mann hatte sich bemüht, mir eine Chance zu geben. -

Dieser Plan zerschlug sich jedoch bald wieder durch die folgenden Zeitgeschehen und den für uns so unglücklichen Ausgang des unseligen Krieges. Seit Herbst 1944 hatte sich an den Weichselbrückenköpfen ein gewaltiger Aufmarsch sowjetischer Truppen vollzogen. Mit einer entsprechenden einsatzstarken Offensive musste alsbald gerechnet werden. Schon im Sommer war die deutsche Ostfront durch Abzug zahlreicher Divisionen zur Unterstützung der Ardennen-Offensive hoffnungslos geschwächt worden. -

Am 13.Januar 1945 begann die 1.Weißrussische Front unter Marschall Schukow ihren blitzschnellen Stoß aus den Weichselbrückenköpfen über Lodz und Kalisch bis hin zur mittleren Oder in Richtung Berlin. Unter Verwendung von überwältigendem Materialeinsatz hatte die Rote Armee zum Schlagen ausgeholt. Die Front rückte immer näher, und wir hörten in Posen das Grummeln und Dröhnen der heranrückenden Armeen.

Lodz, das damals Litzmannstadt genannt wurde, war eingenommen und die Rote Armee rückte, ohne auf wesentlichen Widerstand zu stoßen, immer näher auf Posen zu. Es war an einem Spätnachmittag Mitte Januar, als wir ganz unverhofft unsere Krankenpapiere, Röntgenbilder und Fieberkurven von dem Sanitätsfeldwebel in die Hand gedrückt bekamen und uns mitgeteilt wurde, wir sollten sehen, wie wir noch aus Posen herauskämen, da die Stadt zur Festung erklärt sei und langes Zögern ein Fortkommen nur erschwere oder gar verhindere.

Da das Lazarett, in dem ich mich an der Tannenbergstraße in Posen seit Anfang September 1944 befunden hatte, ein Luftwaffenlazarett war, in das ich nur aus dem Grunde aufgenommen war, weil ich kieferverletzt und dieses Haus eine Spezialkieferchirurgische Abteilung besaß, so hatten wir alle darauf gehofft, mit der Luftwaffe aus Posen herausgeflogen zu werden. Es wurde uns auch schon Kolberg in Pommern als Ausweichort genannt.

Wir hatten immer wieder in den letzten Tagen davon gehört, dass viele Dienststellen und Behörden, auch andere Lazarette schon Posen verlassen hatten und so war dieser Abend, es war draußen inzwischen stockdunkel geworden, für meine Kameraden und für mich eine kalte Dusche der Ernüchterung. Es hieß nun Hals über Kopf Abschied nehmen.

Ich drückte Hände von Kameraden, mit denen ich viele Wochen und Monate Freud und Leid zusammen geteilt hatte. Mit einem alten Panzerspieß schlug ich mich dann an jenem Abend, in jener Nacht, durch die Straßen und Linien der alten Festung Posen hindurch, schlapp und schwach, meinen rechten Arm in der Binde tragend, und in der linken einen Wäschebeutel, in dem ich neben dem Nötigsten, meine Krankenpapiere und meine Gedichte sorgsam mitführte. Wir erreichten dann buchstäblich, irgendwo, in letzter Minute noch einen Eisenbahnzug, der in Richtung Westen fuhr, glücklich in aller Not, hier noch in letzter Minute fortgekommen zu sein. Wie sagt doch der Dichter? "Nichts auf der Welt ist Zufall, alles ist Bestimmung! - Das Wort Zufall ist Gotteslästerung!"

Von Kreuz, jenem großen Schnittpunkt vieler Bahnlinien, fuhr ich nach Schneidemühl. Es war natürlich, sehe ich heute auf eine Karte, ein großer und unnötiger Umweg, aber ich hoffte doch irgendwie nur weiter zu kommen, und da Schneidemühl unweit meiner alten Garnison Groß Born-Linde lag, hatte ich mir - in Unkenntnis der Gesamtlage, vielleicht auch im Unterbewusstsein, liebe Menschen zu sehen, falsche Hoffnungen und Vorstellungen gemacht, die zu verwirklichen leider nicht mehr möglich waren.

So kam ich über Schneidemühl auf abenteuerliche Art, in überfüllten Zügen, nach vielen durchstandenen Kontrollen etc. über Landsberg an der Warthe, Küstrin nach Berlin, das ich in Schutt und Asche und in einem unbeschreiblichen Zustand wiedersah. Ich kannte das alte, schöne Berlin, war ich doch seit 1936 oft hier bei meinen Verwandten in Charlottenburg, und bei Aufenthalten und Besuchen von Jüterbog aus gewesen. Nun war ich umso mehr erschüttert und beeilte mich, nachdem ich hier eine Nacht verbringen musste, weiter gen Westen zu kommen.

Als ich in Magdeburg, am folgenden Abend, besser gesagt in der Nacht ankam, waren gerade feindliche Bomber dabei, ihren unheilvollen Segen über die so leidgeprüfte Stadt an der Elbe abzuladen. So mussten wir aussteigen und nachdem der Luftangriff beendet war, liefen wir von Magdeburg-Ost, durch die brennende Stadt nach Magdeburg-Neustadt, von wo wir dann Stunden später nach Westen weiterfuhren. -

Was ich in diesen Tagen der Flucht in die Sicherheit als schwerverwundeter Soldat alles erlebt habe, lässt sich unmöglich in jeder Einzelheit in wenige Worte und Sätze fassen. Wievielen Menschen bin ich allein in diesen Tagen begegnet und wieviele Gespräche habe ich allein mit ihnen, auf diesem Wege geführt? Hoffnungen und Sehnsüchte wurden ausgetauscht und ich denke noch heute oft an diese Stunden zurück, die uns alle so sehr verändern sollten.

Der Weg aus der Festung Posen über vereiste Felder und von Flüchtlingen verstopfte Straßen, über Schneidemühl, Berlin und Magdeburg hatten in schonungsloser Offenheit gezeigt, wie sehr die apokalyptischen Reiter ihren Wirkungsgrad und ihren Kampf über das Deutsche Reich verlegt hatten.

Alle, denen ich begegnete, hatten damals nur den einen Wunsch, nur den einen Gedanken, hoffentlich ist dieser Krieg, wie immer auch der Ausgang sein mag, bald zu Ende!

Im Morgengrauen, in aller Herrgottsfrühe kam ich dann an einem schneegrauen, verhangenen Wintermorgen in Süpplingen, jenem kleinen Dorf zwischen Helmstedt und Königslutter an, wo ich meine junge Frau mit unseren kleinen Kindern bei ihren Eltern wusste. Noch am selben Tage machten wir uns dann auf den Weg nach der nahen Elmstadt Königslutter, wo wir dann bei meiner Mutter wohnten.

Ich meldete mich nun unverzüglich in dem in der Landes Heil- und Pflegeanstalt Königslutter untergebrachten Lazarett, wo ich aufgenommen wurde und wo ich nun ambulant versorgt wurde. Dadurch war es mir möglich, die meiste Zeit zu Hause bei meiner Familie zu sein.

In jenen Tagen nun lernte ich im Lazarett, im Haus 8, in dem ich "offiziell" untergebracht war, u.a. einen Mann kennen, mit dem mich seitdem eine lange Freundschaft verbindet. Es war der Volksschullehrer Wilhelm Osterloh aus Braunschweig, ein großer Botaniker und Orchideen-Spezialist und darüber hinaus ein heimattreuer, lieber und anständiger Mensch, der aus seiner Einstellung, die immer treu-deutsch gewesen ist, nie einen Hehl gemacht.

Wir unterhielten uns damals viel über unsere große braunschweigische Geschichte und ich schrieb in diesen Tagen zu Hause mein "Niedersachsens Heldenmut" und "Sternschnuppe" und hörte von vielen Leuten, dass in der Steinmetzschule der Lutteraner Walter Thomas einen Vortrag gehalten habe, in dem er alle Anwesenden dahingehend beschworen habe, dass "der Führer sein Volk niemals im Stich lassen würde und dass noch eine Wunderwaffe vorhanden sei, die in letzter Minute eingesetzt, dem deutschen Volk den Endsieg bringen würde." -

Von dem Reservelazarett Königslutter wurde ich Anfang März 1945 zu meinem Ersatztruppenteil nach Braunschweig-Rautheim versetzt, wo ich, trotzdem ich nicht mehr kriegsverwendungsfähig geschrieben war, doch von diesem zu einer Offiziersnachwuchs-Abteilung als Ausbilder kommandiert wurde, und in der Roselies-Kaserne noch mehrere Tage als Ausbilder Dienst tun musste.

Inzwischen waren die Fronten nicht stehen geblieben. Die Rote Armee hatte im Osten Berlin eingeschlossen und im Westen näherten sich die Amerikaner immer mehr unserer engeren Heimat.

Am 10.April war die ganze restliche Garnison in Braunschweig in einer heillosen Auflösung begriffen. Das Gros der vorhandenen Truppen marschierte geschlossen nach dem bei Klein Schöppenstedt gelegenen Truppenübungsplatz, wo die Soldaten dann an die heranrückenden amerikanischen Streitkräfte übergeben werden sollten.

Ich selbst hatte einen Marschbefehl an das Lazarett in Königslutter und ging zu Fuß die alte Reichstraße Nr.1, meiner Heimatstadt am Elm entgegen, wo ich dann in den Mittagsstunden, nachdem ich oft von den überall auf Posten stehenden "Kettenhunden", wie die Feldgendarmerie im Soldatenjargon allgemein genannt wurde, angehalten worden war, eintraf.

Hier in meiner Vaterstadt Königslutter erlebte ich dann am 12.April 1945 den Einmarsch der Amerikaner mit ihren Panzern und hörte von dem unerschrockenen Einsatz des Arbeiters "Servus" Schönekäs, der der Panzerspitze mit einem alten Fahrrad und einer weißen Fahne entgegen gefahren war, um die Stadt kampflos zu übergeben. Ich selbst hatte es für erforderlich gehalten, nicht zu Hause bei meiner Familie, sondern im Lazarett nach dem Panzeralarm zu sein.

Hier unterstand ich als Verwundeter dem Roten Kreuz, hingegen ich zu Hause eventuell noch in Zivil als Partisan oder Deserteur eingestuft hätte werden können. Dieses jedoch lag mir umso fern, weil ich die ganzen Kriegsjahre hindurch mich immer bemüht hatte, ein anständiger und ehrlicher, guter deutscher Soldat zu sein.

Die ganze Bevölkerung, meine Kameraden und auch letzthin ich waren froh, dass die furchtbaren, zermürbenden Fliegeralarme des Nachts nun endlich vorbei waren. Wir alle hatten das Kriegsende herbeigesehnt und waren nun gefasst, dass der Krieg nicht mehr lange dauern konnte. Darüber hinaus, das möchte ich hier nicht versäumen zu sagen, waren viele Menschen unsagbar darüber erschüttert, dass dieser Kampf mit seinen vielen, unzähligen Opfern vergebens und sinnlos gewesen sein sollte....

Noch standen uns allen die vielen Gefallenen dieses Krieges sehr nahe in der Erinnerung. Es gab wohl kaum eine Familie, die kein Opfer zu beklagen gehabt hätte, dann ein völlig zerstörtes Land, besetzt von fremden Truppen, wehrlos, ehrlos, zerschlagen, da waren viele, viele, die am Verzweifeln waren.....

Heute, im Abstand von über 30 Jahren sieht man die Situation von damals durch die vielen Erkenntnisse, die man inzwischen erfahren und erworben hat, in vielen Dingen mit ganz anderen Augen.

Wenn man uns damals, 1945, vorwarf, wir hätten alle Mitschuld und von den vielen Greueltaten, die von dem NS-Regime in den Konzentrationslagern begangen wurden, und von den ungeheuerlichen Rassenprogressionen gewusst, so muss ich hierzu sagen, dass das deutsche Volk in seiner Gesamtheit nichts gewusst hat und auch diese nicht gewollt oder gebilligt hat. Das ändert natürlich nichts an der großen Schuld, die so auf unser Volk geladen worden ist. In meiner Umgebung, ob in der Truppe im Reich oder bei den Fronteinheiten, sind keine Verbrechen vorgekommen, das kann ich mit reinem Gewissen bezeugen! - Ich hörte einmal, dass in einer meiner Nachbardivisionen im Osten ein Soldat wegen einer Vergewaltigung erschossen wurde. Sonst ist mit nichts bekannt gewesen.

Natürlich wurde uns ja schon von 1932 an von den Nazis immer wieder eingetrichtert, dass das Unheil, die große Arbeitslosigkeit und der verlorene Krieg 14/18 nur von den Juden herrühren würde. Von "Jüdischen Untermenschen", von den "Jüdischen Bolschewisten" etc. und dass diese Schuld letzten Endes auch Anlass des Ausbruches der Feindseligkeiten von 1939 gewesen seien.

In meiner Vaterstadt Königslutter hatten wir selbst keine Juden wohnen gehabt. Hierdurch war es auch hier nie zu Auseinandersetzungen mit Juden gekommen. Trotzdem waren meine Mutter und meine Verwandten in Braunschweig und in Berlin sehr empört über die Ereignisse der "Kristallnacht" und der folgenden Verfolgungen, ahnten jedoch auf keinen Fall, dass man sich von oben eine "Endlösung" ganz anders vorgestellt hatte. - Diese Verbrechen sind auf keinen Fall gutzuheißen! -

Um den 15.August 1945 herum wurde ich mit noch mehreren meiner Kameraden aus dem Reservelazarett Königslutter auf einem Lastkraftwagen nach Berklingen bei Schöppenstedt gebracht, wo sich ein großes Lager mit deutschen Kriegsgefangenen befand. Wir lagen hier in Scheunen und unter freiem Himmel und wurden aus einer Feldküche verpflegt. Da es ein sehr warmer und trockener Sommer war, hatten wir hier nichts auszustehen. Von den Engländern, die inzwischen von den Amerikanern die Besatzungszone übernommen hatten, sahen wir hier so gut wie nichts. -

Was ich nicht umhin kann, hier besonders zu erwähnen, war die feindliche und verletzende Art, in der uns die einheimische Bevölkerung in jenem kleinen Dorf behandelt hat. Wir hatten uns die ganzen Jahre für sie draußen herumschlagen müssen, hatten unser Leben eingesetzt und uns zum größten Teil zum Krüppel schießen lassen, und nun hier in der Heimat plötzlich diesen Dank. Hier wurden wir behandelt wie der letzte Dreck, als ob wir selbst Schuld an diesem Kriege gehabt hätten, und dabei hatte doch ein jeder von uns nur seine Pflicht tun müssen, wohin ihn eine höhere Gewalt berufen hatte.

Am 20.August 1945 wurde ich dann in dem Dorfe Wittmar an der Asse von den Engländern aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, nachdem ich seit dem 1.April 1939 in den ReichsArbeitsDienst (RAD) und seit dem 11.1.1940 bei der Wehrmacht gedient hatte. - Ein Lebensabschnitt hatte somit sein Ende genommen.

Ich bin dann zu Fuß von Wittmar um die Asse herum, über Remlingen, Schöppenstedt und über den Elm nach Königslutter gelaufen, wo ich dann des Abends gegen 22:30 Uhr bei meiner Familie wieder eingetroffen bin.

Seitdem sind viele, viele Jahre ins Land gezogen. Man ist ruhiger geworden, alt und grau, und ich denke heute über Vieles anders, wie vielleicht vor 30 oder 40 Jahren.

Mein Wunsch ist nur, dass unseren Kindern und Enkelkindern ein solcher Krieg erspart sein möge und dass immer die Vernunft die Ereignisse bestimme!-

Heinz-Bruno Krieger 1977