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Der Einmarsch der Amerikanischen Panzerspitze in Königslutter am Elm am 12.April 1945

Einer der denkwürdigsten Tage in der Geschichte der Stadt Königslutter am Elm ist der 12.April 1945, an dem für die kleine Stadt am Elm der II.Weltkrieg sein Ende nahm und die Amerikanischen Panzer die Stadt kampflos einnahmen und besetzten.

Unwiderruflich mit diesen Tagen verbunden ist in Königslutter der Name eines Mannes, der an diesem Tage sein Leben eingesetzt hat, um bei dem Einmarsch der Amerikanischen Panzerspitze jeden weiteren Kampf zu verhindern und jedes weitere Blutvergießen zu vermeiden.

Es war dieses der Arbeiter Otto Schönekäs [1] aus Königslutter, der von seinen Freunden und Bekannten kurz "Servus" genannt und gerufen wurde.

Schon Tage vorher vernahm man in der Stadt das Herannnahen der Front. Seit dem 10.April hörte man auch hier den Geschützdonner und unaufhaltsame Nahen der kämpfenden Truppen. Ununterbrochen grummelte es im Westen und noch wenige Stunden vor dem Einmarsch der Amerikaner hatte man wenige Kilometer im Norden von der Stadt entfernt, zwischen den Dörfern Ochsendorf und Klein Steimke, die Autobahnbrücke gesprengt.

Die 12. US-Armee-Gruppe unter General Bradley war über Kassel und den Harz auf Braunschweig vorgestoßen. Nach örtlichen Gefechten und bald erlahmenden Widerstand hatten die Amerikaner am 11.April Braunschweig erreicht. Gegen Mittag wurden die ersten Amerikanischen Soldaten in der Innenstadt gesehen. Dann überfluten die Panzer mit ihren Fahrzeugkolonnen die ganze Stadt. In den frühen Morgenstunden des 12.April wurde Braunschweig den Amerikanern übergeben.

Die Stadt Königslutter lag am 12.April 1945 voller deutscher Truppen. Viele Soldaten der deutschen Wehrmacht, die zum Teil führungslos und zersprengt, zum Teil mit dem Befehl zur Verteidigung bis zum Letzten versehen sind, bevölkern die Straßen der Stadt und die nähere Umgebung.

In den verschiedensten Häusern im Gebiet der damaligen Landes Heil- und Pflegeanstalt, in Gaststätten und Schulen lagen Hunderte verwundeter deutscher Soldaten. Neben allen diesen Militärpersonen und den Einwohnern der Stadt war diese noch überbelegt mit Evakuierten aus dem Rheinland und Flüchtlingen aus dem schon durch Feindtruppen besetzten und eroberten Gebieten im Osten.

Servus Schönekäs, der sich seit 1924 politisch in der Arbeiterbewegung aktiv betätigt hatte, war 1933 von der damaligen NS-Regierung verhaftet und eingesperrt worden [2]. Er war damals mehrere Monate hindurch als politischer Gefangener schweren Leiden und Schikanen ausgesetzt gewesen.
Die Roto-Werke an der Fallersleber Straße in Königslutter Nachdem er in der Möbelfabrik gearbeitet hatte, war er nun bereits mehrere Jahre hindurch in dem Rotowerk als Arbeiter beschäftigt. Er beobachtete besonders kritisch die Entwicklung des politischen Lebens und das Nähern der Front. Besonders beunruhigte aber Schönekäs die Zusammenstellung militärischer Kräfte (Volkssturm etc.) zu dieser Zeit in seiner Heimatstadt und der näheren Umgebung [3]. Aus allen diesen Gründen hatte es nun Servus verstanden, mit Männern der Stadt, die ihm von früher her gut bekannt waren und die den verschiedensten politischen Richtungen entstammten, noch kurz vor dem Einmarsch der fremden Truppen Kontakt aufzunehmen. Er half so mit diesen zusammen an der Beseitigung der in der Westernstraße, Marktstraße und an anderen Stellen der Stadt errichteten Panzersperren.

Noch kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner, am Morgen des 12.April 1945, verhandelte Schönekäs und noch einige Männer der Stadt mit dem Offizier eines deutschen Stabes, der sich in die Fulst'sche Scheune, am westlichen Eingang der Stadt zur Verteidigung niedergelassen hatte. Sie beeinflussten diesen, mit seinen Leuten, die Stellung zu räumen und somit einen hoffnungslosen Kampf aufzugeben. Diese Kampfgruppe verließ Königslutter in nördlicher Richtung. Als dann gegen 11:30 Uhr in der Stadt Panzeralarm gegeben wurde, waren die Straßen der Stadt plötzlich wie leer gefegt.

Der Zivilist Schönekäs, der politisch als "unzuverlässig", schon längere Zeit "unter Beobachtung" stand [2], nahm sein altes Fahrrad und fuhr allein die Braunschweiger Straße entlang, in Richtung Bornum, der herannahenden Amerikanischen Panzerspitze entgegen. Auf halber Strecke nach Bornum zu bleibt er nun stehen, entfaltet eine weiße Fahne, die er dem ersten Panzer entgegen schwenkte. Der Führungspanzer fuhr nun bis unmittelbar vor Schönekäs heran und der Panzerkommandant fragte auf deutsch, was er von ihnen wolle ? -

Otto Schönekäs, der einfache und unbekannte Mann, der nie in seinem Leben Soldat gewesen war und nie eine Waffe in seiner Hand getragen hatte, dieser einfache Zivilist im zerschlissenen Arbeitsanzug, in der einen Hand die weiße Fahne, in der anderen sein Fahrrad, sagt nun zu dem fremden Offizier auf dem großen, schweren Panzer, unmittelbar vor ihm, im Angesicht des drohend auf ihn gerichteten Rohres und Maschinenpistolen der inzwischen herbeigekommenen Soldaten, dass er hierher gekommen sei, um ihnen mitzuteilen, dass die Stadt Königslutter frei von Militär sei und sich in ihr nur noch verwundete Soldaten in Lazaretten befänden.

Seine Worte sind:
"Ich komme im Auftrage der Stadt und will Ihnen die Stadt Königslutter kampflos übergeben!" -
Weiter sagt er dann:
"Ich soll Ihnen ferner sagen, die Bevölkerung erwartet Sie und ich bitte um Ihre Hilfe und Gnade!" -

Der Panzeroffizier spricht nun ungefähr 10 Minuten mit dem Zivilisten, dann fordert er ihn auf, in der Mitte der Straße, ca. 10 Meter vor dem ersten Panzer einher zu fahren, die weiße Fahne in der rechten Hand haltend.

Als die Panzer nun die Stadt erreichen, hängen überall aus den Häusern weiße Fahnen heraus. Die Straßen sind voller Menschen, meist Frauen und Kinder, die das Herannahen der Amerikaner erwartet haben. Servus Schönekäs schleust nun die Panzer durch die Braunschweiger und Saarstraße, wie die alte Westernstraße damals in der NS-Zeit umgenannt worden war, zum Marktplatz, wo der damalige NS-Bürgermeister Zehring [4] mit noch einigen Männern stand, die die einrückenden, feindlichen Truppen hier erwarteten.

Nach kurzer Unterhaltung mit diesen Männern teilte sich hier der Panzerverband. Schönekäs führte nun die Spitze weiter, über die Fallersleber Straße, Arndtstraße bis zum Ausgang der Stadt nach Rottorf zu. Hier sah er dann in einiger Entfernung noch mehrere versprengte deutsche Soldaten, die er dann, nachdem er die Amerikaner darum gebeten hatte, nicht auf diese zu schießen und ihn vorgehen und verhandeln zu lassen, dazu bewegte, ihre Waffen fortzuwerfen und sich kampflos den Amerikanern zu ergeben. -

Bedenkt man, dass sich die Amerikanischen Panzer ohne weiteres in ein Gefecht mit diesen Versprengten eingelassen hätten, und diese unweigerlich verloren gewesen wären, so ist es auch hier Schönekäs zu verdanken gewesen, dass unnützes Blutvergießen verhütet wurde.

Der Amerikanische Panzerkommandant verabschiedete sich dann hinter der Bahnlinie, nach Rottorf zu, von dem tapferen Zivilisten Schönekäs durch einen Händedruck und sagte bewegt zu diesem:
"Wir danken Ihnen für Ihre Hilfe! Hoffentlich weiß diese Stadt, was Sie für diese getan haben!" -

Als Servus Schönekäs wieder in die Stadt zurückkommt, jubeln ihm überall in den Straßen die Leute zu. Sofort, noch am gleichen Tage, nahm Schönekäs Verbindung mit seinen alten Freunden auf. Es galt nun in der Stadt für Aufrechterhaltung der Ordnung und öffentlichen Sicherheit zu sorgen. Viele Fremdarbeiter, Polen, Russen und Franzosen waren nun befreit worden. Es galt nun in erster Linie dafür zu sorgen, diese ausreichend einzukleiden und zu versorgen, andererseits die aufgestaute Wut und Rachegefühle diese Menschen abzubauen und schwere Übergriffe und Auseinandersetzungen zu vermeiden.

Hier war es dann der ganz persönlich das hohe Verdienst Schönekäs, der unter dem Antifaschisten Alfred Fietkau [5], mit Unterstützung der Männer Albert Gerke [6] und Fritz Taschke [7], um hier nur einige namentlich zu nennen, bis Ende des Jahres 1945, Anfang 1946 in der Polizei- und Stadtverwaltung tätig war, die vielen ausländischen Fremdarbeiter zu einem relativ friedlichen Fortzug von Königslutter zu bewegen.

Als wenige Tage nach dem Einrücken der Amerikanischen Truppen, die inzwischen die Macht übernommene Militärregierung mit einer Liste erscheint, auf denen viele Namen von Nationalsozialisten stehen, die verhaftet werden sollen und aus politischen Gründen in ein Lager gebracht werden sollen, setzt sich Servus Schönekäs persönlich dafür ein, dass so z.B. der Direktor der Roto-Werke Arthur Schorisch [8], u.a. nicht festgenommen und von der Liste gestrichen werden.

Schönekäs begründet sein Verhalten schlicht und einfach mit den Worten: "Ich wusste, dass gerade Schorisch für den wirtschaftlichen Wiederaufbau in unserer Stadt nach dem Kriege von großem Nutzen war und dass er stets ein menschliches Verständnis für seine Arbeiter gezeigt hat." -

Es dürfte für die Stadtgeschichte ferner nicht uninteressant sein, zu hören, wie die Entwicklung und der Aufbau einer demokratischen Ordnung in Königslutter in jenen Tagen weiter gegangen ist. Hierüber berichtete der inzwischen verstorbene Fritz Taschke [7] dem Verfasser dieser Zeilen folgendermaßen:
"Ich war als politischer Häftling im Lager 21 bei Hallendorf, im Salzgittergebiet inhaftiert und wurde hier, infolge der militärischen Ereignisse am 10.April 1945, von den Amerikanischen Truppen befreit. Darauf bin ich zu Fuß in Häftlingskleidung in Richtung Königslutter marschiert, wo ich meine Familie wohnen hatte."

In dem Dorfe Schandelah wurde ich am 12.April von einer Amerikanischen Panzereinheit überholt und von dieser aufgefordert, weil ich total erschöpft und geschwächt war, ich wog noch knapp vierzig Kilo, aufzusitzen und mitzufahren. Somit kam ich mit der Panzerspitze am 12.April nach Königslutter, wo ich in Höhe der Schmiede Schrader ausstieg. Hier habe ich mich dann auch in der Schmiede später umgezogen und bin von hier nach meiner Familie gegangen.
Mir ist bekannt - so berichtet Taschke weiter - dass Herr Ahrens [9] bei der Durchfahrt der Panzer mit seiner Frau vor seiner Haustür gestanden hat. Ich kann mich besonders an diesen Augenblick erinnern, weil Ahrens das erste Haus war, das wir in Königslutter passiert haben. Am anderen Tage, dem 13. April, habe ich mich dann mit Servus Schönekäs, Alfred Fietkau und Albert Gerke in Verbindung gesetzt. Wir haben uns dann zuerst bei Alfred Fietkau in der Wohnstube seiner Wohnung am Stobenberg getroffen und dort vereinbart, uns gemeinsam bei der Militärregierung zu melden, um wieder Ordnung und Demokratie in der Stadt sicherzustellen.
Daraufhin sind wir zusammen in das Rotowerk gegangen, wo zu dieser Zeit die Amerikanische Kommandatur eingerichtet war. Die Amerikaner haben uns erklärt, dass wir einen Ordnungsdienst einrichten sollen, der in der Stadt für Ruhe und Ordnung sorgen sollte. Wir haben uns daraufhin wieder zusammengefunden und beratschlagt, wen wir der Militärregierung als Bürgermeister vorschlagen könnten. Hierauf fiel die Wahl auf den vorzeitig von den NS-Machthabern pensionierten, ehemaligen Gerichtsvollzieher Alfred Ahrens [9], der auf dem Rischbleek, am Eingang der Stadt wohnte. Daraufhin sind wir nach Ahrens in die Wohnung gegangen und haben diesen gefragt, ob er bereit sei, diese Amt zu übernehmen. Ahrens wollte zuerst nicht. Er schlug für das Amt des Bürgermeisters Franz Bolze [10], einen alten Sozialdemokraten vor. Aber es kam dann doch dazu, dass Alfred Ahrens auf mehrfache Zusprache sich bereit erklärte, das Amt des Bürgermeisters anzunehmen. Nun sind wir zur Kommandatur gegangen und haben Ahrens dem Kommandanten als Bürgermeister vorgeschlagen."

Otto Schönekäs erklärte hierzu, unabhängig und ohne Wissen der obigen Aussage Taschkes, folgendes:
"Ich bin sofort, nachdem ich von der Militärregierung zum Ordnungshüter eingesetzt worden war, zu dem Justizinspektor Volkmann [11] gegangen, der auf der Lindenstraße wohnte, um diesem die genaue Situation zu schildern und um Rat zu fragen. Herr Volkmann war krank und lag im Bett. Ich bat ihn, mir doch Vorschläge zu machen, wie wir der Bevölkerung helfen könnten und um wieder Ordnung und Sicherheit herzustellen.
Volkmann war ein alter Nationalsozialist und in der Partei gewesen. Er hatte sich aber immer korrekt benommen und aufgeführt. Wenn er nicht in der Partei gewesen wäre, hätten wir ihn nun 1945 an Stelle von Ahrens zum Bürgermeister vorgeschlagen. Aber aufgrund der Verfügung der Militärregierung war es nicht möglich, einen Mann, der in der Partei ein Amt bekleidet hatte, als Bürgermeister zu wählen. So kam es dann zur Wahl von Ahrens am 22.April 1945. Ab Montag den 23.April 1945 war Ahrens nun der von der Amerikanischen Militärregierung eingesetzte und bestätigte Bürgermeister der Stadt Königslutter am Elm."

In den nun folgenden Wochen und Monaten waren auch hier in Königslutter viele Gerüchte und Parolen herumgegangen, die darin gipfelten, dass die Rote Armee das Gebiet einschließlich Braunschweig noch dazu haben sollte und der Tag des Einmarsches unmittelbar bevorstehen würde.

Hierauf hatten sich Anfang des Monats Juni 1945 des Abends spät im Rathaus Alfred Fietkau, Wilhelm Greve [12], Wilhelm Höpfner [13] aus Lauingen, Servus Schönekäs und Fritz Taschke getroffen, um den Text für ein Flugblatt vorzubereiten und zu besprechen, das man bei einem eventuellen Einmarsch der Roten Armee in der Stadt und in den Dörfern des Amtsbezirkes Königslutter anschlagen und verteilen wollte. Auf diesen Flugblättern stand sinngemäß drauf, dass sich die Bevölkerung ruhig und besonnen benehmen sollte und dass die Rote Armee der UdSSR als Freund und als Befreier in dieses Gebiet einziehen würde.
Diese Flugblätter wurden nun, nachdem der Text festgelegt worden war, in der Wohnung von Wilhelm Greve, der in der Lindenstraße, im Hause der ehemaligen Gärtnerei Hirt wohnte, auf einer Roto-Verfielfältigungsmaschine (Roto 30) abgezogen und gedruckt.

Alfred Fietkau brachte diese Flugblätter daraufhin nach Servus Schönekäs, der sie für den Ernstfall bereithalten und bis dahin verborgen halten sollte. Schönekäs war absprachegemäß hiermit einverstanden und versteckte die Flugblätter in seinem Stall.

Am 1.Juli 1945 marschierten die Russen in Thüringen und Sachsen ein und besetzten das Gebiet bis an die Grenze zwischen dem Freistaat Braunschweig und der ehemaligen preußischen Provinz Sachsen (Altmark). Braunschweig blieb fernerhin Teil der inzwischen Englischen Besatzungszone. Hiermit waren auch die vorbereiteten Flugblätter gegenstandslos geworden.

Inzwischen war ein Jahr ins Land gegangen, als spielende Kinder durch Zufall, im Stall von Servus Schönekäs die alten, längst überholten und in Vergessenheit geratenen Flugblätter fanden. So kam ein Exemplar in die Hände des Hausbesitzers, Dachdeckermeister Otto Rohrbeck senior, der nun erschrocken über den Inhalt, nichts eiligeres tun konnte, als mit demselben zum Rathaus zu eilen, um dieses Flugblatt dem Bürgermeister Ahrens zu übergeben.

Ahrens, nicht wenig erstaunt, gab dieses umgehend an die Englische Militärregierung weiter. -
Da "Der Aufruf zur Ruhe!" - die Unterschrift "Alfred Fietkau" getragen hatte, wurde dieser sofort verhaftet und gegen ihn Anklage wegen Landes- und Hochverrat erhoben. Eine Hausdurchsuchung bei Servus Schönkäs verlief ergebnislos, da Frau Schönekäs inzwischen alle Flugblätter verbrannt hatte. So war außer dem einen Exemplar, das der Militärregierung vorlag, kein weiteres Flugblatt mehr vorhanden. Wenige Tage später jedoch wurde Fietkau wieder aus dem Polizeigewahrsam entlassen und die ganze Angelegenheit totgeschwiegen. -

Dieses war nun der "Tag X" - oder aber auch der Einmarsch der Amerikaner in Königslutter, am 12.April 1945, und die unmittelbar damit zusammenhängenden und folgenden Ereignisse der ersten Tage nach der Kapitulation und dem Ende des II.Weltkrieges.

30 Jahre sind seitdem ins Land gezogen. Es ist dem Verfasser dieser Zeilen eine Verpflichtung, gerade dieses Stück Zeitgeschichte seiner Vaterstadt am Elm, für die Nachwelt wahrheitsgemäß aufzuzeichnen und festzuhalten. Er selbst erlebte die Stunde des Panzeralarms in Königslutter, wo er als Unteroffizier der deutschen Wehrmacht im Lazarett lag.

Der Verfasser hat sich oft und eingehend in der Folgezeit mit den Leuten der ersten Stunde in Königslutter, Schönekäs, Taschke, A., Fietkau, Gereke, Bolze, Lubasch [14] und viele andere unterhalten. Er glaubt, es vor seinem Gewissen verantworten zu können, die vorliegenden Angaben wahrheitsgemäß, nach Aussagen der Beteiligten aufgezeichnet zu haben.

Es ist oft von vielen Leuten, alten Militärs und auch Politikern, darüber diskutiert worden, inwieweit die Tat Schönekäs militärisch oder politisch von Bedeutung gewesen sei. Es ist oft versucht worden, die Person Schönekäs, seine politische Einstellung, seine Herkunft, seine Bildung abzuwerten, ja zu diskriminieren.

Der Verfasser hat hierauf immer wieder geantwortet, dass die Frage, ob diese Tat einen militärischen Nutzen oder Erfolg aufzuweisen hat oder nicht, oder ob anders ausgedrückt, sich die Amerikaner durch Schönekäs in ihrer Entscheidung beeinflussen ließen und hierdurch kampflos in Königslutter einmarschiert sind, dass diese Frage völlig nebensächlich und bedeutungslos ist.

Primär und allein bewunderungswürdig ist die Tatsache, dass dieser schlichte und einfache Mann in einer schweren Stunde der Entscheidung, in der es um Leben oder Tod ging ! - ganz allein aus sich heraus und auf sich gestellt die Verpflichtung und die Verantwortung in sich spürte und auf sich nahm, der Amerikanischen Panzerspitze entgegen zu fahren, um für seine Vaterstadt Königslutter und für seine Heimat um Gnade zu flehen! Er sah nur allein die Gefahren, die der Stadt mit ihren vielen Menschen, in diesem Augenblick der Konfrontation mit den Amerikanern drohte und fragte und wägte nicht lange ab, ob die Aufgabe, die er sich gestellt hatte, sinn- oder nutzlos sei und ob nicht etwa andere Personen für ihn handeln sollten.

Schönekäs war sich gewiss in dieser Stunde der Tragweite seines Handelns auf keinen Fall bewusst gewesen, wie dieses für sein Leben hätte ausgehen können.

Es war durchaus nicht sicher, ob ihn die Amerikaner nicht kurzerhand umlegen würden. Eine Kurzschlusshandlung hätte da genügt, wie wir es ja nur wenige Stunden vorher in dem Dorfe Bodenstedt bei Braunschweig gesehen haben, wo der Landwirt Lauenstein, der ähnlich Schönekäs mit der weißen Fahne den Amerikanern entgegen gegangen war und der trotz dieses Einsatzes für den Frieden noch sinnlos von den Amerikanern niedergeschossen worden war und seinen Mut und seine Heimattreue so mit dem Leben bezahlen musste.

Genauso ungewiss war es aber auch, ob er nicht bei einem eventuellen Rückdrängen der Front von seinen eigenen Landsleuten an den ersten besten Laternenpfahl oder Baum als Landesverräter hätte aufgehängt werden können [16].

Alle diese vielen Überlegungen aber wurden verdrängt durch die Tat, den Einsatz und die Opferbereitschaft dieses Mannes! Er war nur allein beseelt von dem Gedanken, seine Vaterstadt vor Tod und Vernichtung zu bewahren!

Das allein ist ausschlaggebend und wiegt in der Waagschale der Geschichte, die andere Maßstäbe kennt, wie nüchterne Überlegungen oder gar Neid und Missgunst [17].



Anmerkungen

[1]. Otto Friedrich Schönekäs, Arbeiter zu Königslutter, geboren in Königslutter 14.3.1899 als 6.Kind von neun Kindern des Ehepaar Maurergeselle Franz Friedrich Schönekäs und Bertha Luise Anna geb. Köhler.

[2]. Vor 1933 Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschland (KPD). Er ist einer der Mitbegründer der KPD in Königslutter, nach 1945.

[3]. Noch einen Tag vor dem Einmarsch der Amerikaner in das Kreisgebiet Helmstedt, am 11.April 1945 fanden 35 Kinder im Alter von 4 bis 6 Jahren und 2 Gehilfinnen den Tod durch Bordwaffenbeschuss amerikanischer Tiefflieger und Bombenabwürfe, in dem 5 km südlich von Königslutter auf dem Elm gelegenen Weiler Langeleben. Insgesamt fanden bei diesem Angriff 53 Menschen den Tod.

[4] 4. Felix Arno Zehring, Dipl.Kaufmann. Geboren in Leipzig. Mitglied der NSDAP. Vor 1933 Träger des goldenen Parteiabzeichens. Bewirbt sich 1939 um das Amt des Bürgermeisters zu Königslutter. Bei Ausbruch des Krieges Kompaniechef im Westen. Herbst 1940 Berufung zum Bürgermeister von Königslutter. 1942 als Kompaniechef in den Kämpfen am Don und Donez. Wegen erneuter, schwerer Erkrankung vom Wehrdienst beurlaubt, versieht er bis 12.4.1945 das Amt des Bürgermeisters in Königslutter. Wird sofort interniert und ist 1949 wieder in einem größeren Verlage als Kaufmann tätig. Zehring war zugleich Ortsgruppenleiter der N.S.D.A.P. in Königslutter.

[5]. Alfred Fietkau, Tischler, geboren in Braunschweig 10.10.1902, Sohn der Eheleute August Fietkau und Johanna geb. Romlow, zu Braunschweig. Gestorben in Leipzig 5.5.1959. OO Königslutter 20.7.1931 Helene Hedwig Luise Ehlers, geboren in Oberlutter 12.1.1902, Tochter der Eheleute Theodor Wilhelm Hermann Ehlers und Anna Sophie Karoline Henriette geb. Brandes, zu Königslutter. Diese Ehe wurde 14.4.1957 rechtskräftig geschieden und war kinderlos. Fietkau war im August 1929 von Braunschweig nach Königslutter verzogen, wo er als Poliermeister in der Mitteldeutschen Stuhlfabrik beschäftigt war. Er war aktives Mitglied der KPD in Königslutter vor 1933 und wurde nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten , Januar 1933, mehrfach verhaftet und politisch verfolgt. - Fietkau wurde von der Militärregierung 1945 als erster Polizeichef in Königslutter eingesetzt und war somit Chef der Ordnungsgruppe. Er ist einer der Mitbegründer der KPD in Königslutter nach 1945. Am 20.1.1956 verzog Fietkau von Königslutter nach Leipzig, Dessauer Str. 19, wo er sich dann nach seiner Ehescheidung wieder verheiratet hat.

[6]. Wilhelm Hugo Albert Gerke, Schachtmeister, geboren in Königslutter 3.10.1900, gestorben in Göttingen 31.1.1953. Gerke war vor 1933 aktives Mitglied der KPD in Königslutter. Er zählt nach 1945 zu den Mitbegründern der KPD in Königslutter. Albert Gerke war ein sehr beliebter Mann und bis zu seinem Tode 1953 als städtischer Angestellter bei der Stadtverwaltung tätig.

[7]. Friedrich Wilhelm Taschke, Walzer, später Bauarbeiter. Geboren in Bochum 31.8.1902, gestorben in Helmstedt 12.8.1972. Fritz Taschke trat 1920 der sozialistischen Jugend (SAJ) bei. 1924 aktives Mitglied der KPD. 1933 in Bochum verhaftet und in der Folgezeit mehrfach politisch verfolgt. 1938 nach Königslutter. Dezember 1944 verhaftet und in Lager 21 bei Salzgitter-Hallendorf untergebracht, dort von den Amerikanern 11.4.1945 befreit. Er stellt sich sofort der Militärregierung zur Verfügung und wird mit Fietkau und Schönekäs zum Aufbau des Polizeischutzes der Zivilbevölkerung in Königslutter beauftragt. Mitbegründer der neuen Ortsgruppe der KPD in Königslutter nach 1945. Maßgeblich am Wiederaufbau der Gewerkschaft in Königslutter und im Kreise Helmstedt tätig. Vorsitzender der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN) in Königslutter und Vorstandsmitglied derselben im Kreise Helmstedt.

[8]. Adolf Emil Arthur Schorisch, Fabrikdirektor (Rotowerke) in Königslutter. Geboren in Bitterfeld. Maßgeblich am Aufbau der Rotowerke in Königslutter beteiligt. Er tritt 16.11.1934 als Stadtverordneter der N.S.D.A.P. in das Stadtparlament Königslutter ein und gehört diesem bis zum Einmarsch der Amerikaner 12.4.1945 an. Als Abgeordneter der CDU trat er am 5.12.1952 wieder in das Stadtverordnetenkollegium ein, aus dem er auf eigenen Wunsch 17.5.1955 wieder ausscheidet. Schorisch ist einer der ersten, der wegen seiner Verdienste um den wirtschaftlichen Wiederaufbau nach 1945 - mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde.

[9]. Hermann Wilhelm Alfred Ahrens, Gerichtsvollzieher i.R. zu Königslutter. Geboren in Vechelde. Ahrens war bei dem sozialschwachen Bevölkerungsteil wegen seiner humanen und menschlichen Dienstauffassung sehr beliebt und wurde aufgrund dieser großzügigen Dienstauffassung von der Justizbehörde vorzeitig entlassen. Er wird nach der Kapitulation 1945 von den Amerikanern zum provisorischen Bürgermeister von Königslutter eingesetzt und im Januar 1946 zum Stadtdirektor ernannt. Am 15.8.1947 wird er von den Stadtverordneten in geheimer Wahl zum Stadtdirektor geeignet befunden und auf 12 Jahre wiedergewählt. Er wird am 24.6.1948 durch das Stadtverordnetenkollegium beurlaubt und scheidet hiermit aus.

[10]. Otto Franz Heinrich Bolze, Geschäftsführer des Konsum-Vereins Königslutter. Geboren in Königslutter 15.1.1893, gestorben in Braunschweig 13.12.1960. Franz Bolze gehörte seit seiner frühen Jugend der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Er wird von der Militärregierung am 21.1.1946 zum Gemeindebeirat vorgeschlagen und an diesem Tage eingeführt und verpflichtet. Gleichzeitig wird er zum Stellvertreter des Bürgermeisters Ahrens gewählt. In der Sitzung vom 13.2.1946 wird Franz Bolze einstimmig zum ehrenamtlichen Bürgermeister der Stadt Königslutter gewählt. Am 29.7.1947 legt Bürgermeister Franz Bolze sein Amt als Bürgermeister auf eigenen Wunsch aus Gesundheitsgründen nieder, bleibt aber noch bis zum Ende der Legislaturperiode Mitglied der SPD-Fraktion im Stadtparlament.

[11]. Wilhelm Volkmann, Justizinspektor zu Königslutter, geboren in Hamburg 16.5.1890, gestorben in Braunschweig 19.9.1961. Volkmann hatte zuletzt als Deckoffizier mit Auszeichnung bei der Kaiserlichen Marine den 1.Weltkrieg mitgemacht. Kam Anfang der 20er Jahre in den Justizdienst an das Amtsgericht Königslutter. Er trat früh der N.S.D.A.P. bei und war in dieser Ortsbeauftragter für das Winterhilfswerk (WHW) und Orts-Verbandsleiter des Reichskolonialbundes der Stadt Königslutter. Als Amtsleiter zählte er zum engeren Parteistab des Ortsgruppenleiters der N.S.D.A.P. Volkmann war in der Bevölkerung allgemein wegen seines gerechten und gutwilligen Benehmens sehr beliebt.

[12]. Willi Hermann Karl Greve, Musikant, später Verwaltungsangestellter zu Königslutter. Geboren in Braunschweig 8.10.1899.. Greve wurde nach seiner Ordnungsdienstzeit, in die er von der Militärregierung in Königslutter eingesetzt worden war, in den städtischen Dienst als Stadtangestellter übernommen. Er versah hier u.a. zeitweilig das Amt eines Standesbeamten. Er erfreute sich allgemeiner Beliebtheit und versah viele Jahre hindurch ein Schiedsmanns-Amt in Königslutter. Greve gehörte der SPD an und war als solcher 19.3.1961 in das Stadtparlament gewählt worden.

[13]. Wilhelm Höpfner, Schriftsetzer. Geboren in Hötensleben, gestorben in Helmstedt 3.12.1966. Mitglied der SPD vor 1933. Von 1945-1949 Bürgermeister der Gemeinde Lauingen. 1949-1952 Gemeindedirektor - und von 1952-1956 Bürgermeister und Gemeindedirektor von Lauingen. Ab 1956 bis zu seinem Tode erster Beigeordneter (SPD) im Gemeinderat Lauingen. Kreistagsabgeordneter 1952-1966. Vorsitzender des Kreistagsausschusses der Kreisabteilung Helmstedt, des Niedersächsischen Gemeindetages, dessen Vorsitzender er von 1950-1957 war. Für seine kommunalpolitischen Verdienste wurde Höpfner am 15.9.1964 mit dem Bundesverdienstkreuz 1.Klasse ausgezeichnet.

[14]. Walter Lubasch, Tischlermeister zu Königslutter. Mitglied des Ordnungsdienstes. Er war mit mitentscheidend im Wohnungs- und Beschaffungsamt eingesetzt.

[15]. Die Presse brachte wiederholt Nachrichten über den Einmarsch der Amerikaner am 12.4.1945 in Königslutter, in denen immer "Servus Schönekäs" als "Retter" geschildert worden ist. Am 14.4.1970 erschien in der Braunschweiger Zeitung, Ausgabe für den Kreis Helmstedt, ein Artikel "Katastrophe von Königslutter abgewendet" - in dem geschildert wird, dass Ahrens den Amerikanern entgegen gegangen sei. Hierauf protestierte Schönekäs in einem Schreiben (14.4.70) an die Braunschweiger Zeitung, Abschriften wurden an das Helmstedter Kreisblatt und die Stadtverwaltung gesandt, gegen diese falsche Berichterstattung! Dem Verfasser wurde u.a. von dem Ehrenbürger der Stadt Königslutter, Herrn Otto Klages, mehrfach bestätigt, dass er selbst, wie auch viele andere gesehen haben, wie "Servus Schönekäs" mit dem Fahrrad und der weißen Fahne in der Hand vor dem ersten Amerikanischen Panzer die Westernstraße, dem Markte zu, herunter gefahren sei.

[16]. In Schöningen wurde noch am Abend des 11.April 1945 der Arbeiter Franz Ulitzka durch einen deutschen Offizier erschossen, weil er eine weiße Fahne aus seinem Fenster gehängt hatte.

[17]. Die Bevölkerung der Stadt Königslutter hat in den 30 Jahren, die seit dem 12.4.1945 vergangen sind, diese Heldentat Schönekäs nicht vergessen. In vielen Beweisen - Gedichte - Lieder - Ehrenurkunden - Musikständchen und Zuschriften wurde "Servus" - wie er volkstümlich in Stadt und Land genannt wird, immer wieder geehrt. Dem Vorschlag des Verfassers vom 4.12.1964 an die Stadtverwaltung Königslutter, Schönekäs zu dem 20.Erinnerungstag (12.4.1965) zum Bundesverdienstkreuz vorzuschlagen, wurde leider nicht nachgekommen. Die Stadt ehrte Schönekäs jedoch auf dem Rathaus in einer Feierstunde durch Überreichung eines Merian-Buches.

Heinz-Bruno Krieger 1975