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Das Landwehr Verbandsfest in Königslutter am Elm, 1933


Das Prinzenpaar besucht 1933 Königslutter Herzog Ernst-August von Braunschweig und Lüneburg und seine Frau Herzogin Viktoria-Luise kommen nach Königslutter!

Das war 1932 schon bekannt gewesen, meine Mutter freute sich sehr, denn sie war von Kindheit an sehr herzoglich erzogen worden. Ihr Vater, mein Großvater, hatte in der Landeshauptstadt Braunschweig bei den Totenkopf Husaren (Husaren Regiment 17) gedient und sie erzählte, aus der Tradition ihrer Familie, dass ihr Großvater bereits in den Befreiungskriegen unter dem schwarzen Herzog gedient und als Teilnehmer an der Schlacht von Waterloo die Waterloomedaille bekommen habe.

Diese alt-braunschweigische Verbundenheit hatte meine Mutter immer treu in ihrem Herzen gehabt und nun meinte sie, der Führer würde bestimmt in Deutschland die Monarchie wieder einführen.-

In der Schule hatte ich als Klassenlehrer Erich Saffe, dessen Bruder Ferdinand Saffe in Wolfenbüttel den Titel eines Herzoglichen Musikdirektors führte, auf den mein Lehrer sehr stolz war. Bei irgend einer passenden Gelegenheit hatte ich Lehrer Saffe mal gefragt, wie er darüber dächte, dass der Herzog abgesetzt sei und nun in Blankenburg leben musste. Da hatte Saffe mir geantwortet, sein größter Wunsch wäre, wenn der Herzog wieder kommen würde.

So war nun die Einstellung vieler Menschen. Auch in meiner Klasse, in der Volksschule, die damals noch "Bürgerschule" genannt wurde, dachten viele Jungen und Mädchen so und ich weiß noch, wie wir uns gegenseitig zum Teil auszankten, wenn einige wenige anders dachten.

Unser Symbol, der Volksheld, war unumstritten Friedrich-Wilhelm, der Schwarze Herzog! Daneben Andreas Hofer - und so waren wir noch ganz im Andenken der Helden des 19.Jahrhunderts eingestellt.

Nun war es also soweit! - Meine Mutter hatte mit meiner Schwester zusammen Girlanden und Kränze aus Tannengrün geflochten. Das kleine Haus, in der Neuenstraße, mein Elternhaus, wurde bunt und feierlich geschmückt. Eine neue Fahne wurde gekauft, natürlich gab es in den Geschäften nur Hakenkreuzfahnen, Mutter wollte eine Blau-Gelbe, aber die war nicht zu bekommen.

"Frau Krieger, wie wollen Sie nur?" - hatte der Kaufmann gesagt - und da war es dann eine Hakenkreuzfahne, die wie fast alle in den Straßen, die neue Zeit, den neuen Gang, dokumentieren sollte. - Die Straßen waren alle mit vielem Grün, bunten Girlanden, wehenden Fahnen geschmückt und in der Stadt herrschte eine frohe Vorfreude.

Die Landwehrvereine hatten damals noch eine große Anhängerschaft. Ich weiß noch, wenn auf den Kirchhöfen der Stadt ein alter Invalide oder Veteran von 1870/71 oder aus dem Weltkriege begraben wurde und die Ehrenbegleitung über das offene Grab eine Ehrensalve dreimal abschoss, wie die Leute Anteil nahmen, die Hinterbliebenen sich geehrt fühlten; alles dieses dokumentierte die Verbundenheit der Menschen mit den ehrenvollen Soldatentugenden und Traditionen.

Am Sonnabend fand abends auf dem Markt ein Großer Zapfenstreich statt, an dem viele Menschen teilnahmen. Ein Fackelzug bewegte sich dann zum "Deutschen Haus", wo ein festlicher Abend statt fand. Am Sonntag morgen sollte das Herzogspaar an der Stadtgrenze vor Königslutter, dort wo die Seilbahn die Reichsstraße 1 überquert, von einer Abordnung empfangen werden.

Als ich des morgens die Neuestraße runter ging, sah ich vor dem Hause von Kaufmann Apel mehrere Frauen stehen, die sich lebhaft unterhielten. Auf einmal drehten sie sich alle der Westernstraße zu und riefen: "Hoch, Hoch, Hoch!" - um die Ecke kam, in aufgeputzter Husarenuniform, ein Offizier, um und hinter ihm mehrere Herren, aber das Herzogspaar war nicht dabei.

Es war der Major Walter-Weißbeck, mit Begleitung. Er winkte natürlich ab und die Frauen waren sehr enttäuscht. Ich hörte, dass das Herzogspaar sofort zum Kaiserdom herauf gefahren sei, wo ein feierlicher Festgottesdienst statt finden sollte. Wie ich dann oben vor der Stiftskirche war, befanden sich vor der Kirche eine dichtgedrängte, viel hundertköpfige Menge Menschen, die alle den Herzog sehen wollten.

Mir ist noch lebhaft in Erinnerung, dass die Tochter von dem Kraftfahrzeugmeister K., der vor dem Helmstedter Tore eine Tankstelle und Werkstatt eröffnet hatte und in der Partei und in der SS eine große Rolle spielte, für irgendeine Sache kleine, künstliche Margeriten verkaufte und sie dem Herzog auch eine angeboten hatte und sie ihm diese an den Revers gesteckt hat.
Herzog und Herzogin beim Bad in der Menge Diese Szene wurde auch fotographiert und ich kam so, wenn auch im Hintergrund, mit auf das Bild, das ich mir dann später gekauft habe.

Das Herzogspaar ging dann zum Stadtkeller, wo der Kellerwirt Dohrmann persönlich ein Festmenü vorbereitet hatte. Immer waren viele Menschen vor den Gebäuden, in denn sich die hohen Herrschaften aufhielten, um sie beim raus treten mit "Hoch"-Rufen zu begrüßen.

Am Nachmittag war dann für uns Kinder und für die vielen, vielen Zuschauer, der Höhepunkt des Tages. Ein langer, langer Festumzug, mit vielen, buntbekränzten Wagen und vielen Gruppen, schlängelte sich langsam, von vielen Musikkapellen begleitet, durch die Straßen der alten Stadt. - Besonders begeisterte mich die Gruppe der schwarzen Husaren, die hoch zu Ross daher geritten kam.

Man hatte damals als Kind noch viele Illusionen, die sich dann später, im Laufe der Zeit, wie Seifenblasen in Luft auflösten. Nach dem Festumzug, das Herzogspaar hatte auf der Lindenstraße, vor dem Behrend'schen Garten, auf einer Ehrentribüne den Festzug an sich vorbeiziehen lassen. Es war auf dem Zollplatz, der damals, wenige Wochen nach der "Machtübernahme" in "Adolf Hitler Platz" umbenannt worden war, ein großes "Fest- und Bierzelt" aufgebaut, in dem dann auch das Herzogspaar an einem der langen Tische Platz nahm, dicht umringt von vielen, vielen Menschen.

Es waren diese Tage doch für Königslutter ein großes Ereignis, eine große Abwechselung im täglichen Einerlei gewesen. Es war wohl auch das letzte mal, dass offengezeigt wurde, wie sehr das Volk noch an dem welfischen Herzoghaus hing und sich mit diesem verbunden fühlte.

Die "Seifenblase" aber platzte bald! - trotz "Treuegelöbnis" des Braunschweiger Landwehrverbandes an den Reichspräsidenten von Hindenburg und Telegramms an dem "Herrn Volkskanzler Adolf Hitler".

Inzwischen sind viele Jahre vergangen. Nur noch wenige Menschen erinnern sich an das große Fest, Juni 1933 in Königslutter. Ich habe mehrere Leute gefragt und mit Erstaunen festgestellt, dass in den Erinnerungen der Menschen sich diese Veranstaltung eng mit der 800. Jahrfeier der Grundsteinlegung des Kaiserdomes, die Sommer 1935 war, vermischt hat.

Der II.Weltkrieg hat die Einstellung der Bürger zu soldatischen Organisationen wesentlich verändert. Die vielen Gefallenen, die Kriegsopfer und die große Not nach 1945 haben wenig Illusionen wach gehalten. Hier soll aber festgehalten werden, was damals geschah. Ein Volksfest, das in diesem Rahmen wenig später unmöglich gewesen wäre.....

Nach Heinz-Bruno Krieger 1985