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Erinnerungen an die Endzeit der Weimarer Republik in Königslutter am Elm

Die kritische Entwicklung der Weltwirtschaft in den Krisen Jahren 1929 - 1932 mit ihrem Millionenheer von Arbeitslosen im Gefolge war auch an unserer kleinen Elmstadt Königslutter nicht spurlos vorüber gegangen. Viele Arbeitnehmer mussten ihren Arbeitsplatz aufgeben und verloren so ihre bis dahin mehr oder weniger gesicherte Existenz. Lange Schlangen Erwerbsloser standen nun an den Stempeltagen vor der Baracke an der Driebe, die gegen Ende der zwanziger Jahre hier aufgestellt und in der sich die Zweigstelle des Arbeitsamtes Helmstedt befand.

Überall an den Straßenecken bildeten sich Tag für Tag große Ansammlungen vieler Männer und Jugendlicher, die hier miteinander diskutierten, um so gegenseitig ihren politischen Meinungen Gehör zu verschaffen. Es herrschte damals in Königslutter im Allgemeinen eine rege, politische Aktivität, die die Einwohner der Stadt in die verschiedensten politischen und weltanschaulichsten Lager drängte.

Die SPD mit ihren vielen "proletarischen Vereinen und Gruppen" - war zweifellos die am stärksten vertretene politische Organisation. Ihr gegenüber stand der bürgerliche Block der "Deutschnationalen", verbunden mit dem "Stahlhelm - Bund der Frontsoldaten", dem sich viele Bürger der Stadt solidarisch fühlten.

Die Zentrumspartei war hier nur in einer sehr kleinen, fast ausschließlich katholischen Gruppe vertreten, die von dem Oeconomieverwalter der Landes Heil- und Pflegeanstalt Karl Hoßbach, ein aus dem katholischen Eichsfeld stammender aktiver Katholik, geleitet wurde. Sie trat aus diesem Grunde in Königslutter kaum in irgendeiner Form aktiv hervor, da ja gerade in dieser Zeit die kleine, katholische Diaspora-Gemeinde nur wenige Seelen zählte. Unterstützt wurde Hoßbach allerdings in seinen politischen Bestrebungen durch den jeweiligen katholischen Pfarrer, der damals noch in Süpplingen wohnte und Königslutter nur als Filial seelsorgerisch betreute.

Ganz anders war die Situation hingegen in den evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden der Stadt. In der Stadtkirche amtierte der sehr liberale, politisch aber völlig uninteressierte Pastor Johannes Lehnecke, der Mitte der zwanziger Jahre, aus einer kleine Harzgemeinde kommend, als Nachfolger des ebenso unpolitischen Kirchenrates Ernst Schütze, nach hier versetzt worden war.

In der Stiftskirchengemeinde amtierte der Pastor Schomburg, der sich schon früh zu den Idealen des "Jungdeutschen Ordens" einsetzte und bekannte, der ja 1920 von Artur Mahraun gegründet und sich als eine "politische Mitte" fühlte. Diese Organisation war in die "Kreisbruderschaft Helmstedt" gegliedert, dem die "Gefolgschaft Königslutter" unter dem Gefolgschaftsmeister Pastor Schomburg und die "Jungdeutsche Schwesternschaft" unter Leitung der Frau Schomburg unterstand.

Diese "Gefolgschaft Königslutter" bestand aber nur aus einer kleinen Gruppe, die keinerlei politisches Gewicht, zumindestens hier, aufweisen konnte. Sie erregten jedoch immer wieder aufs neue Aufsehen, wenn sie mit ihren weißen Mänteln angetan, auf dem sich das eingezackte Ordenskreuz befand, und ihren großen "Wagnermützen" oder besser gesagt Baretten, die sie seitlich tief herunter hängen ließen, mit Landsknechtstrommeln und Fanfaren, wohl verstärkt durch auswärtige Mitglieder, durch die engen Straßen unserer alten Stadt zogen. Sie wurden dann von allen Seiten begafft und nicht selten belächelt, ohne dass sich die Bevölkerung über Aufgaben und Ziele dieser kleinen Gruppe im Klaren war.

Nach dem Fortgang des Pastors Schomburg, der übrigens nicht minder wie sein Amtsbruder in der Stadtkirchengemeinde, bei den Frauen sehr beliebt war, ist diese Gruppe des Jungdeutschen Ordens bald aufgelöst worden.

Ich möchte es hier nicht versäumen einzuflechten, dass gerade in dieser Zeit der "Los von Gott"-Bewegung innerhalb der SPD und der KPD und der mit dieser eng verwandten Freidenkerbewegung viele, im Grunde ihres Herzens christlich denkende Menschen - aller Berufsschichten - vor einer engeren Verbindung und Unterstützung dieser "Arbeiterparteien" zurückschreckten, da sie sich immer noch der Kirche verbunden fühlten und sich daher lieber den bürgerlichen Parteien und hier besonders den "Deutschnationalen" anschlossen und diesen ihre Stimme bei den Wahlen gaben, als einer sich weiter ausbreitenden Gottlosenbewegung die Steigbügel zu halten.

Hätte damals die Sozialdemokratie sich in Bezug der Glaubensfreiheit liberaler und toleranter gegenüber der Kirche gezeigt, wie sie es z.B. nach 1945 weitgehend getan hat, ich glaube, dass man damals schon viele bürgerliche Kreise, die ja in Wirklichkeit dem Arbeiterstande angehörten, für die demokratischen Parteien hätte gewinnen können, ohne dass sie ihre konservative Grundhaltung gegenüber Staat und Kirche verraten mussten.

Es lag aber zumindest hier örtlich gesehen mit an den beiden in dieser Beziehung völlig ungeeigneten Pastoren, die es einfach nicht verstanden, mit den führenden Leuten der Gegenseite Gespräche aufzunehmen, um somit zumindest zu versuchen, die immer breiter werdende Kluft zwischen den Parteien zu verringern oder gar zu verhindern.

Die Kommunisten in Königslutter waren eine relativ kleine Gruppe von Leuten, die aber dem ungeachtet, sehr aktiven Beistand aus den umliegenden Ortschaften und besonders stark aus Braunschweig und Helmstedt zu ihren Veranstaltungen erhielten. Ihr Führer war der Arbeiter Otto Scherf, der neben Wilhelm Eckhardt von der Bevölkerung mehrere Legislaturperioden hindurch in die Stadtverordnetenversammlung als Stadtverordneter gewählt worden war.

In dieser KPD waren damals, Ende der zwanziger Jahre und bis 1933, viele junge Männer aktiv tätig, von denen hier besonders Albert Gerke, Felix Adfeldt, Zühlke, Reckel, Fietkau, Schönekäs, Thiele, Weber, Hahn und Röddecke namentlich genannt seien. Die KPD konnte aber damals in Königslutter nicht den genügenden und notwendigen Rückhalt finden, weil sie gerade in der SPD einem unversöhnlichen, auf demokratischen Boden stehenden Gegner innerhalb der Arbeiterschaft gegenüberstand, der sich zwar damals bewusst als marxistische Partei verstand, aber nichts von einer Verschmelzung mit den Kommunisten wissen wollte.

Die Kommunisten hatten darüber hinaus auch hier der SPD nie vergessen und verziehen, dass diese 1923 unter Noske, die in Braunschweig gebildete Räteregierung zerschlagen und nach ihrer Meinung verraten hatten. So war der linke Flügel des politischen Lebens in der Stadt trotz vieler Gemeinsamkeiten in sich befeindet und uneinig.

Erst gegen Ende der zwanziger Jahre bildete sich in Königslutter eine kleine Gruppe von Nationalsozialisten, die aber ungebunden und keine eigene Ortsgruppe war, sich oft kaum untereinander kannten und darüber hinaus ständische Vorurteile vertraten, die einer später propagierten "Volksgemeinschaft" noch weit abgelegen war. Wie unbedeutend damals die NS-Bewegung in Königslutter war, ersieht man am besten daran, dass vor der Machtübernahme 1933 die N.S.D.A.P. hier nicht einen Sitz in dem Stadtparlament - der damaligen Stadtverordnetenversammlung - innegehabt hat.

Diese Situation änderte sich aber im Laufe des Jahres 1930 grundlegend. Waren bereits in den Jahren vorher vereinzelte Versammlungen der NS-Bewegung in Königslutter gewesen, ohne dass es möglich gewesen war, hier eine eigene Ortsgruppe der N.S.D.A.P. zu gründen, so war es durch den aktiven Einsatz mehrerer ortsfremder Nationalsozialisten, unter denen sich besonders der spätere Gauleiterstellvertreter Kurt Schmalz auszeichnete, gelungen, im Frühjahr 1930 eine eigene Ortsgruppe der N.S.D.A.P. in Königslutter zu gründen.

Als erster Ortsgruppenleiter wurde der damals noch sehr junge Karl-Heinz Köhler, Sohn des Zimmerei- und Sägewerkbesitzers Otto Köhler von der Arndtstraße, gewählt. Zu den Mitbegründern zählten damals neben Köhler, der Drogist Ernst Schultz, der Friseur Adolf Rölike, Gustav Seidler, Kurt Tesch, Richard Jerzik, Emil Ludwig, Karl Schumann und der sehr aktive Karl Arndt, der mit der Tochter des alten Philipp Weyer verheiratet war. Arndt wurde, nachdem Köhler bald hierauf Königslutter vorübergehend verließ, bis Mitte des Jahres 1931 Ortsgruppenleiter in Königslutter

Nach der Gründung der N.S.D.A.P. in Königslutter stießen dann aus der Bevölkerung Heinrich Mülter vom Zollplatz und sein Oheim, der Eisenwaren- und Kohlenhändler Curt Mülter, der dann Nachfolger von Arndt als Ortsgruppenleiter wurde, hinzu, denen sich dann immer mehr Männer und Frauen anschlossen. Hier dürften wohl vor allem die Leute namentlich von Interesse sein, die in der Folgezeit die Führung in der Partei und der aus dieser hervorgegangenen Gruppen übernahmen.

Es waren dieses vor allem der Dreher Karl Brahe, der Papiermacher Johan Lukesch, ein Schlesier aus Giersdorf im Riesengebirge, der neben dem Schuhmacher Kleinmann u.a. aktiv in der SA tätig waren. Der Kraftfahrzeugmeister Otto Kreusel, der sich 1935 an dem Spitzenkampe an der Helmstedter Straße neben seiner Tankstelle und Reparaturwerkstatt neu angesiedelt hat und der hier um 1928 seinen Betrieb eröffnet hatte, führte die schwarze SS.

Die SA wurde von dem fremd hier zugezogenen SA-Führer Emil Ludwig im Anfang geleitet, der auch wenig später die Geschäftsstelle in der Westernstraße übernahm.

Die Hitlerjugend (H.J.) führte Walter Neisecke, dessen Vater langjähriger Beamter in der Heil- und Pflegeanstalt war. Ihm zur Seite, in der Führung der H.J. stand der Tischlergeselle Erwin Baumbach, Karl Schumann, Hermann Osterloh u.a.

Die ganz kleinen Pimpfe - das Jungvolk - führte 1931 der aus Lauingen gebürtige SA-Mann Karl Gottwaldt, ein Schmiedegeselle, der wohl wie alle damals, arbeitslos geworden war und der später im II.Weltkriege in Russland gefallen ist.

Daneben gab es auch eine sehr rührige und aktive Frauengruppe. Der "Bund deutscher Mädchen" (= BDM) wurde von Waltraud Kreusel, der Tochter des oben bereits genannten Otto Kreusel geführt. Ihr zur Seite standen Gerda Schmidt, Tochter des Bäckermeisters August Schmidt, vom Steinfeld, Ilse Benecke, Tochter des verstorbenen Landwirts Otto Benecke, Gertrud Lukesch und andere mehr.

Im Sommer des Jahres 1931 hatte sich nun die doch inzwischen immer mehr gewachsene N.S.D.A.P. einen leerstehenden Laden in dem Grundstück des Landwirts Bischof auf der Westernstraße gemietet, in dem sie nun eine "Geschäftsstelle" - verbunden mit einem Verkaufsladen für Partei- und Parteigruppenabzeichen, Zeitungen und Zeitschriften, Fahnen und dergleichen mehr - einrichtete.

Der Laden bzw. ein Hinterraum war zugleich Wohnraum für den SA-Führer Emil Ludwig, der auch mit der Ausübung eines Geschäftsstellenleiters beauftragt worden war. In dieser Geschäftsstelle waren nun in der Folgezeit immer sehr viele Anhänger der NS-Bewegung anzutreffen. Sie saßen dann auf der langen Bank, die die eine Seite des Raumes ausfüllte, standen in den Ecken oder saßen auf Stühlen, rauchten und tranken und schmiedeten hier allerlei Pläne, wie sie ihre Bewegung und die Parteiarbeit in Königslutter weiter erfolgreich ausbauen könnten.

Hier wurden dann auch die Einsätze für die vielen Wahlkämpfe, Versammlungen und andere Veranstaltungen besprochen und festgelegt und viele Arbeitslose waren so hier geworben worden, die sich von den zuversichtlichen Prognosen dieser Leute überreden ließen. Von dieser "Geschäftsstelle" aus wurden in der Woche mehrere Schuljungen in die Stadt herumgeschickt, die die verschiedensten Parteizeitungen, den "Völkischen Beobachter", den "SA-Mann" und den "Stürmer", um hier nur einige zu nennen, verkaufen sollten.

Abends trafen sich hier die SA-Männer mit ihren Freundinnen. Da der SA-Führer Ludwig ein Verhältnis mit der Frau eines in der Nachbarschaft wohnenden arbeitlosen Arbeiters angefangen hatte, das nicht ohne Folgen bleiben sollte, waren diese abendlichen Zusammenkünfte irgendwie in der Stadt in einen anrüchigen Ruf geraten.

Eine Gaststätte, die speziell als Parteilokal für die N.S.D.A.P. diente, gab es zu dieser Zeit, vor 1933, in Königslutter nicht.
Jagdausbeute vor dem Gasthof Zum Amtsgericht Die Veranstaltungen fanden aber in der Regel bei dem Gastwirt Hermann Osterloh, dem Besitzer des Gasthauses "Zum Amtsgericht" in der Marktstraße statt.

Hier wurde auch auf dem Saale "Zum deutschen Tanz" eingeladen, an dem dann alle Mitglieder und Freunde der N.S.D.A.P. teilnahmen. Der Wirt Hermann Osterloh sympathisierte schon sehr früh mit den Nazis.

Seine beiden Schwiegersöhne Nagel und Heiser waren beide in der SS und sein Sohn Hermann war nach der Machtübernahme höherer HJ- und Jungvolkführer in Königslutter.

Die nationalsozialistische Bewegung war so in Königslutter erst sehr spät und langsam angelaufen. Gehemmt wurde sie durch innere Führungskämpfe, die die Mitglieder in verschiedene Lager spaltete. Aber sie hatte dann trotzdem in der Bevölkerung einen unter der Oberfläche schwelenden Erfolg zu verbuchen, der zum Teil daher kam, dass viele Einwohner durch die große Arbeitslosigkeit unzufrieden geworden waren, andererseits auch eine gewisse Menge Deutschnationaler vom Stahlhelm absprangen, um in der SA und der SS neu anzufangen.

Die Fronten hatten sich für den Nichteingeweihten vielleicht seit dem Treffen der Deutschnationalen mit den Nationalsozialisten im Herbst 1931 in Harzburg verwischt, doch war zumindest hier ein Zusammenrücken beider Organisationen nicht zu verzeichnen. Viele konservative Bürger, im Grunde ihres Herzens monarchistisch und noch aus der ehemals welfischen "Braunschweigischen Rechtspartei" kommend, gehörten damals dem Stahlhelm an.

Ihr Führer war lange Jahre hindurch Kaufmann Willeke vom Zollplatz, dem zur Seite der Volksschullehrer Hermann Schünemann stand, der Jahre hindurch, zeitweilig als Vorsteher, dem hiesigen Stadtverordnetengremium angehörte. Erst später, wohl nach 1930, war der in der Bevölkerung sehr beliebte, damals neu nach Königslutter gezogene Tierarzt Dr. Hans Kersting von der Driebe, Führer des Stahlhelms geworden. Als Stahlhelmführer standen ihnen die Gebrüder Otto und Julius Schwarzbach von der Neuen Straße, Söhne des Kohlen- und Schrotthändlers Julius Schwarzbach, Inhaber der Fa. Otto Meiners, deren Schwager, der Kaufmann und Landwirt Hans Eckhardt, Rechtsanwalt Hermann [??] und mehrere seiner Söhne, Kaufmann Fritz Pistorius und viele andere mehr zur Seite.

Der "Jung-Stahlhelm" wurde von dem jungen Kaufmann Fritz Pistorius jun. und dem damaligen Schüler Detlef Mülter geführt. Da diese viele Geländeübungen, Wanderungen und Appelle, auch viele Fahrten zu größeren Treffen des Stahlhelms an anderen Orten veranstalteten, hatten sie von der Jugend einen großen Zulauf.


Umzug des Spielmannzuges Der Stahlhelm zog so oft mit feldmarschmäßigem Gepäck, voran die schwarz-weiß-rote Fahne, mit Begleitung eines schneidigen Spielmannzuges, der unter Leitung des zackigen Tambourmajors Wilhem Spelly stand, durch die Straßen der Stadt. Der Stahlhelm hatte auf dem Gelände der stillgelegten Zuckerfabrik, an der Bahnhofstraße, ein leerstehendes Gebäude gemietet, in dem ein "Heim" ausgebaut worden war. Hier trafen sich des Abends die Mitglieder zu ihrem Schulungs- und Heimabenden, aber auch um auf dem alten Fabrikenhofe zu exerzieren und zu turnen.


Aufmarsch des Stahlhelmbundes Wenn gerade hier in Königslutter der Stahlhelm sehr stark Fuß fassen konnte, so war dieses nicht zuletzt mit dem Einfluss des aus dem nahen Dorfe Rottorf gebürtigen Landesführer des Stahlhelms, Werner Schrader, zuzuschreiben, jenes unbeugsamen Gegners der Nationalsozialisten, dessen Feindschaft diesen gegenüber soweit ging, dass er noch nach der Machtübernahme im Januar 1933 gegen die Gleichschaltung und gegen das Regime aufstand.

Werner Schrader, dessen Mutter ein kleines Milchgeschäft unterhielt, war in der Elmstadt Jahrzehnte hindurch seit seiner frühsten Kindheit her bekannt und beliebt. Er hatte hier auch die Bürgerschule besucht und somit einen großen Freundeskreis, der ihm auch später, als er nach dem 1.Weltkriege Landesführer des Stahlhelms im damaligen Freistaat Braunschweig geworden war, in denselben gefolgt war.

Werner Schrader gehörte ja dann später mit zu dem engsten Kreise der Verschwörer des 20.Juli 1944 und beendete wenig später sein so hoffnungsvolles Leben, um hierdurch dem Tod am Fleischerhaken in Plötzensee zu entgehen.

Die Wahlkämpfe jener Jahre wurden auch hier mit einer erbitterten Heftigkeit von allen Seiten geführt. Eine Flut von Flugblättern und Plakaten überschwemmten die Haushaltungen, um hierdurch Die Wähler für sich zu gewinnen. Diesem oben, so eingehend beschriebenen rechten Flügel des politischen Lebens in Königslutter stand nun jedoch ein großer, in sich gut organisierter und gefestigter Block Sozialdemokraten gegenüber.

Der Führungskern der SPD bestand aus alten, seit Jahrzehnten in der Arbeiterbewegung bewährten Männern und Frauen, die sich bereits in der Zeit der Sozialistengesetze auf der politischen Reitbahn ihre Sporen verdient hatten.

An der Spitze der Partei stand Jahre hindurch Otto Steinhäuser, langjähriger Vorsitzender der SPD und zeitweilig der USPD, vieljähriger Landtags- und Kreistagsabgeordneter in Braunschweig und Helmstedt. Steinhäuser, der einer sehr alten "lutterschen Familie" entstammte, dessen Vorfahren bis um die Mitte des 17.Jahrhunderts zurückzuverfolgen sind, war bereits vor 1918 als Vertreter der III.Wahlklasse in den Gemeinderat von Oberlutter gewählt worden. Er hatte sich auch 1923 sehr dafür eingesetzt, dass Oberlutter und Stift Königslutter durch Gesetz in die Stadt Königslutter eingemeindet wurden.

Ihm zur Seite standen führend Karl Köhler, Franz Bolze, Karl Kühne, um hier nur einige Namen zu nennen.

Die Jugendbewegung - die Sozialistische Arbeiter Jugend - SAJ, war sehr stark und wurde vorbildlich von Werner Stautmeister, Walter Ernst, den Geschwistern Vollenschaar und Wendts geführt. Es war immer eine große Schar von Kindern und Jugendlichen, die sich zu den Heimabenden in dem Gasthaus "Zur guten Quelle" auf der Neuen Straße zusammenfanden.

Der Wirt Theodor Grotefendt hatte schon früh den Sozialdemokraten und Kommunisten das Lokal und den Saal zur Verfügung gestellt, sodass gerade hier viele Veranstaltungen, Versammlungen und Theatervorstellungen etc. der "Linken" stattfanden. Hier trafen sich auch die Mitglieder des "Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold", die ebenfalls eine gute Musikkapelle ihr eigen nannten und für die SPD eine ähnliche Funktion einnahmen wie die Stahlhelmer für die DNVP.

Viel wäre gewiss noch aus dieser "Endzeit der Weimarer Republik" in Königslutter zu berichten. Ich weiß noch genau, wie unten in der Schule an der Stadtkirche der damalige Schulpedell Uhde am 30.Januar 1933 gegen Mittag die roten Fahnen mit dem Hakenkreuz und eine Schwarz-Weiß-Rote vor den Gebäuden aufzog und wie alle Kinder mit ihren Lehrern aus den Klassen herausgeströmt kamen und zum größten Teil laut jubelten und ihre Freude zum Ausdruck brachte! Unser Lehrer und viele, viele Bürger der Stadt glaubten, dass nun ein goldenes Zeitalter anbrechen würde und dass der greise Generalfeldmarschall und Reichspräsident von Hindenburg die richtige Wahl getroffen hatte. Es gibt für uns in dieser Stunde nur eine Alternative, Hitler oder Thälmann - und ehe wir den Kommunismus wählen, wollen wir lieber ein Nationalsozialistisches Deutschland unter Hitler - so sagte unser damaliger Geschichtslehrer, der langjährige Stahlhelmführer Hermann Schünemann, der wenig später in Königslutter SA-Führer wurde und viele alte Stahlhelmer mit sich in Partei und SA nahm.

Die Frage ist, ob diese Männer und Frauen damals, in der Endzeit der Weimarer Republik, nicht geahnt haben, was es hier zu verteidigen galt.

Große Fackelzüge mit klingendem Spiel feierten auch hier den Sieg der Stunde - und es waren nur wenige Wochen später, als auf dem Markte vor der Apotheke ein großer Scheiterhaufen Bücher und Fahnen in Flammen aufgehen ließ.

Viele Jahrzehnte sind nun bereits über alle diese Ereignisse dahin gegangen. Viele Menschen von damals leben nicht mehr und viele junge Männer, die jene Zeit bewusst miterlebt haben, liegen irgendwo im Osten, Süden oder Westen und haben ihr junges Leben dahingeben müssen.

Ein Stück Zeitgeschichte unserer braunschweigischen Heimat - Erinnerungen aus der Endzeit der Weimarer Republik in Königslutter am Elm.

Ich glaube, dass es auch ein Stück Geschichte, ein Kapitel Stadtgeschichte ist, dieses hier festzuhalten, um es ferneren Geschlechtern mahnend weiterzugeben.

Heinz-Bruno Krieger 1975