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Mein lieber Freund !

Sie fragen mich, was für Erinnerungen ich an die kritischen Situationen zwischen Kirche und Staat in der Zeit des Nationalsozialismus habe und was ich Ihnen hier zu sagen oder mitteilen kann.
Hierzu möchte ich Ihnen folgendes mitteilen:

Meine Eltern waren sehr gläubige Christen, die mich ganz bewusst religiös erzogen. Meine Mutter hörte nun früh von den Revolutionswirren in Russland, dem Kampf zwischen Kommunismus und Kirche - so sah sie natürlich im Atheismus - im Freidenkertum den bösen Antichristen, den zu bekämpfen recht und gut war !

In jener Zeit waren auch die hier in unserer kleinen Stadt führenden Sozialdemokraten in der überwiegenden Mehrzahl aus der Kirche ausgetreten und propagierten die Jugendweihe und das Freidenkertum.

Hierdurch wurden viele religiös denkende Menschen der Arbeiterklasse - ja, ich will hier dieses Wort ruhig einmal gebrauchen - abgewiesen, der SPD beizutreten, weil sie befürchten mussten, von den Genossen wegen ihres Glaubens verhöhnt oder verspottet zu werden. Es war vielleicht eines der größten Fehler jener Zeit, dass man noch nicht die Großzügigkeit und Weitsicht erkannte, die dann später im Godesberger Programm der SPD nach dem II.Weltkrieg aufgenommen wurde und vielen Menschen den Weg in die Partei geöffnet hat.

Ich weiß noch genau, wie vor der Reichspräsidentenwahl 1932 ein in unserer Nachbarschaft wohnender Kommunist - der Schlachter Felix Adfeld aus der Mittelgasse, ein gebürtiger Berliner, der nach hier geheiratet hatte - sich intensiv bemühte, meine Mutter, die aus dem Stubenfenster auf die Straße sah, in einem Gespräch dazu zu gewinnen, den von den Kommunisten aufgestellten Kandidaten Ernst Thälmann ihre Stimme zu geben. Mutter wies dann Adfeld auf den Kirchenkampf in Russland hin und dieser war dann auch, wie oben schon erwähnt, ausschlaggebend für viele, viele Menschen.

Wer war nun Hitler ?

Der einfache, ungebildete Bürger, die Arbeiter, die Armen, lasen das Kleine Amtsblatt, Rundfunk hatten damals nur wenige - was wussten man schon, was in der Welt - in Berlin geschah ? ... Die Zeit war erfüllt voller Arbeitslosigkeit, Armut, Hass und Hoffnungslosigkeit.

Dann zog nach hier eine Familie aus Giersdorf im Riesengebirge. Diese hatte zwei Töchter. Die ältere, Gertrud, war im Alter meiner Schwester und sie hatten sich dann auch kennen gelernt und wurden so miteinander befreundet. Johann L[...], der Vater, war auf der Papierfabrik beschäftigt und ein glühender Verehrer Hitlers !

So hörten wir von der "Bewegung" - von den "braunen Bataillonen", dann sah man Bilder vom "Führer", wie er sich freundlich lächelnd kleinen Kindern zuwandte, die ihm Blumensträuße überreichten; man sah ihn mit gütigem Lächeln, einen Schäferhund streichelnd ... "das konnte doch nur ein guter Mann sein ...".

Ich weiß noch, es muss wohl noch im Frühjahr 1933 gewesen sein, wie die Stadtkirche an einem Sonntag dicht gefüllt voller Menschen war. Im Altarraum standen Parteileute, SA, SS, Hitlerjugend, Jungvolk, Jungmädel (BDM) und alle hielten Fahnen in den Händen, Fahnen und Wimpel, mit dem neuen Zeichen, dem Hakenkreuz - und der Pastor Johannes Lehnecke segnete die Fahnen und alle sangen dann stolz und laut:
"Wach auf du deutsches Land, du hast genug geschlafen ..."
Das war doch was ! - Alle waren begeistert.

Wenn dann auf dem Markte, vor der Apotheke, ein Scheiterhaufen brannte, auf dem viele, viele Bücher und Fahnen verbrannt wurden, da war ich sehr traurig, denn ich dachte mir so in meinem 12jährigen Sinn, wenn du doch nur einige von den schönen Büchern haben dürftest und die schönen Schulfahnen, mit den alten Landesfarben Blau-Gelb und in der Mitte das springende Weiße Ross, auf rotem Grund, und umgeben von einem Eichenkranz, die doch bei unseren Schulfesten immer im Zuge unserer Klassen vorangetragen wurden, dass man diese auch mitverbrannte, das war, nach meiner Meinung nach eine ganz große Gemeinheit.

Wenn einmal der "Stürmer" zu uns ins Haus kam, irgendwie von irgendjemand, zufällig, und meine Mutter sah hinein, dann sagte sie immer zu mir:
"Junge, ich habe als Verkäuferin vor dem I.Weltkrieg in Braunschweig in erstklassigen Häusern gearbeitet, da waren auch jüdische Herren in den Firmen, mir hat nie einer etwas getan, wäre mir zu nahe getreten, ich kann das alles nicht verstehen ...".

Damals - 1934/35 - nahm meine Mutter Fräulein Margarethe Hirsch zu sich ins Haus. Sie war eine Patientin in der Heil- und Pflegeanstalt und Jüdin. -
Ihre Familie hatte in Schöningen ein großes Geschäft und war sehr wohlhabend und angesehen. Meine Mutter, die nur wenig Rente bekam, war dankbar, dass die Oberin Brunner meiner Mutter hierdurch einen kleinen Nebenverdienst ermöglichte.

Fräulein Hirsch war sehr orthodox erzogen und meine Mutter bemühte sich sehr, ihr alle nur erdenklichen Erleichterungen zu ermöglichen, die die kranke Frau gebrauchte. Nach einiger Zeit kam sie aber vom wöchentlichen Baden, von der Anstalt, nicht wieder zurück. Man hatte sie oben behalten ...
Was aus Fräulein Hirsch geworden ist, ist mir unbekannt.

Von einem Kirchenkampf der Nazis in Königslutter war mir nichts bekannt geworden. Der Propst Richard Diestelmann und der Stadtpfarrer Johannes Lehnecke waren der Partei loyal gegenüber. Mir wurde gesagt, sie seien beide der Partei beigetreten? - ich weiß nicht, ob es der Wahrheit entspricht, möglich wäre es gewesen.

Die Gottesdienste wurden nicht behindert, jedenfalls war nichts bekannt. Die Kirchenvorstände waren in der Mehrzahl von Parteigenossen besetzt. So herrschte auch hier Gleichschaltung und "Ruhe und Ordnung" ...

Als ich dann 1940 zur Wehrmacht eingezogen wurde, kam ich von Braunschweig nach Jüterbog - Altes Lager - zum Artillerie-Lehrregiment. Dort ging ich des Sonntagvormittags mehrfach zum Gottesdienst nach Jüterbog, wofür wir uns extra beim Spieß in der Schreibstube abmelden mussten. Ich habe nie erlebt, dass ich an diese Kirchenbesuche jemals gehindert worden wäre !

Ich war ein guter Soldat! So wurde es mir von meinen Vorgesetzten - aber auch von meinen Kameraden versichert!
Politik interessierte uns junge Menschen kaum, wir hatten damals gar keine Gelegenheit Zeitung zu lesen - und war Dienstschluss, so hatten wir andere Gedanken und freuten uns der Freiheit!

Als ich dann 1941 in Russland die vielen sakralen Bauwerke sah, die einmal Gotteshäuser gewesen waren und nun verschmutzt, vom Kot besudelt, leer dastanden, war ich jedes Mal erschüttert, wie der Atheismus toleranzlos alte Kultstätten vernichtete. Ich freute mich dann jedes Mal über die vielen, alten, oft kaum noch erkennbaren und verräucherten Heiligenbilder, Kreuze und Ikonen, die man auf den Dörfern, fast in jeder Kate vorfand.

Im Spätsommer 1943, es war in Groß Born-Linde in Hinterpommern, kam zu uns der Unteroffizier Alois Zengerling. Er war römisch-katholischer Theologe, aber hatte noch nicht die Priesterweihen erhalten, weil sein Bischof ihm gesagt hatte, es wäre so eine schwere Zeit und seine Einberufung zur Wehrmacht würde so viele Versuchungen mit sich bringen, dass er es nicht verantworten könne, die jungen Menschen zu binden und der Gefahr auszusetzen, ihr Gelübde später zu brechen.

So lernten wir uns als gute Kameraden kennen. Alois Zengerling stammte aus einer streng katholischen Familie aus Heyenrode im Eichfeld (heute DDR). Er kam dann auch auf meine Stube und wir hatten viele Gelegenheiten, uns oft und ausgedehnt über alle nur möglichen Dinge und Probleme zu unterhalten. Zengerling trank gerne Rotwein. Er verstand es auch immer, war er einmal über Wochenende zu Kurzurlaub nach Hause gefahren, einige Flaschen Wein mitzubringen.

Hier nun, bei diesen Gesprächen äußerte sich Zengerling ganz offen zu mir und sagte mir wörtlich:
"Heinz-Bruno, glaube mir! So wahr ich hier neben dir sitze ! Wir können und dürfen diesen Krieg nicht gewinnen!! - Wir werden ihn nicht gewinnen!!"

Ich war nicht nur sprachlos - ich war entsetzt!! - Das war Landes- und Hochverrat!
Was sollte ich machen? Ich habe damals schwere, innere Kämpfe durchstehen müssen. Deutschland!! Mein Vaterland, die Heimat, die junge Frau und der kleine Sohn - der "Führer" - und der Fahneneid!!
Was sollte ich tun? - Dann der gute, ernsthafte Kamerad -
"wir können und dürfen diesen Krieg nicht gewinnen! Es wäre auch das Ende der Kirche, des Christentums!!"

Heute, im Nachschauen, freue ich mich, dass ich doch den rechten Weg gegangen bin und habe das, was mir Zengerling damals gesagt hat, in mir verwahrt und niemand anderem weitergegeben. Mir war auch nicht bekannt gewesen, was sich hinter den Kulissen abspielte. Wer wusste denn von Konzentrationslagern, von Judenvernichtung?

In meiner Heimatstadt hatte es nie einen Juden gegeben, ich kannte keinen - Frl. Hirsch ausgenommen, und Gott sei Dank! Hatte ich auch bei meinen Einheiten, mit denen ich an der Front im Osten war, niemals erlebt, dass wir Menschen irgend einer Art, Partisanen, Juden oder Zivilisten erschießen oder aus Häusern vertreiben mussten.

Nach meiner schweren Verwundung, August 1944, kam ich nach Posen in ein Lazarett, wo ich mehrere Monate verblieb. Wir hatten hier regelmäßig Gelegeheit, im Lazarett Gottesdienste beizuwohnen, die hier von Wehrmachtspfarrern versehen wurden. Niemand wurde daran gehindert, an diesen Veranstaltungen beider Konfessionen teilzunehmen.

Unvergessen für mich war die Weihnachtsfeier im Lazarett. In einem besonders feierlich ausgeschmückten Saal waren alle Verwundeten und Kranken, neben vielem Lazarettpersonal, Schwestern und Sanitäter zusammengekommen. Eine Musikkapelle der Polizei hatte auf der Bühne Platz genommen und spielte alte, schöne Weihnachtslieder, die wohl allen, die wir doch fern der Heimat, fern unserer Familien waren, sehr zu Herzen gingen.

Da, auf einmal - die Kapelle spielte wohl gerade "Stille Nacht, heilige Nacht", wurde die Tür aufgerissen, mehrere Männer in braunen Parteiuniformen kamen in den Raum hinein und einer - ich erfuhr es dann später, dass es der Gauleiter Greiser war - brüllte wie wahnsinnig:
"Wer ist der Verantwortliche, Wer ist der Verantwortliche?? - Sie kommen vor ein Kriegsgericht, dafür sorge ich!! - So eine Schweinerei!! Hier vor den verwundeten Frontsoldaten Judenlieder zu spielen und singen zu lassen!! - Das ist für uns das Fest der Sonnenwende, wir wollen nichts wissen und nichts zu tun haben, aber auch gar nichts, mit Verherrlichung von Juden und allem, was daran erinnert!!"

Die festliche Stimmung war verflogen, zerschlagen, vernichtet!! - Wir guckten uns gegenseitig fragend an und wenn ich heute sage, dass in mir ein Frösteln war, so ist das nicht gelogen.

Greiser, Gauleiter des Warthelandes (Gau Posen), wollte in seinem Gebiet "eine totale Liquidation der Kirche" erreichen. Hier hatte er die heuchlerische Maske abgenommen und uns allen die brüllende, verzerrte Wirklichkeit vorexerziert.

Es ist heute erwiesen, dass Greiser im Wartheland ein Exempel statuieren sollte, das dann später als Modell dienen sollte, wie man nach dem Endsieg überall im Reich gegen die Kirchen vorzugehen gedachte.

Inzwischen sind vierzig Jahre vergangen, mir liegt ein "Gedicht" aus jener Zeit vor, "Herbststurm" - das ich damals nicht kannte und das mir ganz klar aufzeigt, welche Ziele, welche Pläne den führenden Organen der Partei vorschwebten, das Christentum als artfremd zu vernichten.

Der Herbstwind fährt weiterhin über die Stoppelfelder, weht über Acker und Brache ...
Wir können nur dankbar sein, dass wir in einer freien Demokratie, frei über unseren Glauben, unsere Meinung bestimmen dürfen und können!

Herbststurm
Der Herbststurm fährt übers Stoppelfeld
Und weht über Acker und Brache.
Ein neues Jahrtausend beginnt in der Welt
Du schlafendes Deutschland erwache!

Der Papst sitzt in Rom auf seidenem Thron
Es sitzen bei uns seine Pfaffen.
Was hat einer deutschen Mutter Sohn
Mit Papst und Pfaffen zu schaffen?

Man hat unsere Ahnen als Ketzer verbrannt,
der streitenden Kirche zur Ehre.
In Asiens Wüste, im jüdischen Land
Verblutete deutsche Wehre!

Rot floß die Aller von Sachsenblut,
die Stedinger wurden erschlagen.
Als Ablass wurde das Bauernblut
Von Mönchen ins Welschland getragen.

Die Zeit verging, der Pfaffe blieb,
dem Volke die Seele zu rauben;
und ob er's römisch, ob lutherisch trieb,
er lehrte den jüdischen Glauben.

Doch sind nun die Jahre des Kreuzes vorbei,
das Sonnenrad will sich erheben;
so werden durch Gott wir endlich frei,
der Heimat die Ehre zu geben.

Wir brauchen zum Himmel die Mittler nicht,
uns leuchten ja Sonne und Sterne;
und Blut und Schwert und Sonnenrad sind
Kämpfer in jeglicher Ferne.

Der Herbststurm fährt übers Stoppelfeld
Und weht über Acker und Brache.
Ein neues Jahrtausend beginnt in der Welt
Du schlafendes Deutschland erwache!

Heinz-Bruno Krieger 1984