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Es sind in diesem Jahre [1962] genau 150 Jahre her, daß die große Armee Napoleons gen Osten marschierte, um ein Weltreich zu erobern.

Viele Söhne unserer braunschweigischen Heimat wurden gezwungen mitzumarschieren, und viele Mütter und Bräute warteten noch Jahrzehnte später auf die Heimkehr des verschollenen Mannes oder Sohnes.

Wieder warten zu unseren Tagen viele Menschen auf die Heimkehr eines im weiten Osten verschollenen Menschen, lange Jahre liegen seit Beendigung des 2. Weltkrieges schon zurück, aber trotzdem, - welche Mutter glaubt nicht an ein Wunder?

Vielleicht ist es gerade aus diesem Grunde angebracht, auch der Menschen von "ANNO 1812" zu gedenken, die wie wir betend und wartend hofften, die Schmerzen der Zeit zu überwinden.

Noch bis auf den heutigen Tag weiß man in den Abendstunden zu erzählen von der "großen Armee", die mit ihren Legionen auszog, aber nicht heimkehrte.

In Königslutter-Oberlutter war Christian Holste, eines Einwohners und Leinewebers Sohn mit den westfälischen Truppen nach Rußland marschiert. Als nun der strenge Winter einsetzte, und die ersten Nachrichten verschwommen durchsickerten, da hielten auch die alten Holstes vergebens Ausschau nach ihrem Christian.

Noch heute wissen die Nachkommen zu erzählen, wie Mutter Holste eines Nachts durch Pferdehufschlag aus dem Schlaf gerissen wird, sie eilt ans Fenster, und --- hoch zu Roß prescht ihr Kind, in der zerschlissenen Uniform eines westfälischen Reiters, den Kattreppeln hoch.

Da hat Mutter Holste still ein "Vaterunser" gebetet, denn nun wußte sie, daß ihr Christian niemals wieder in die Heimat am Elm zurückkehren würde.

Die Familie Jahns in Schöningen hatte ihren Sohn Ernst bei dem Königlichen Chevauleger-Regiment. Als Unteroffizier hatte er "auf der Retirade aus Rußland von Katisch in Polen" das letzte Mal geschrieben. Als er Jahre später immer noch nicht zurück war, gab die alte Mutter in der Baderstraße Nr. 10 die Hoffnung trotzdem nicht auf.

Nacht für Nacht war sie darauf bedacht, ja das Feuer im Herde nicht ausgehen zu lassen, - "dat dä Junge, wenn hai na Huse kümmt, ja wat Warmet tau äten hat".

In Grasleben, heute hart an der Zonengrenze gelegen, war es der dortige Krüger, Halbspänner und Schriftsasse Julius Heinrich Christoph Scherenberg, der Tag für Tag einen großen Kessel mit Braunkohl und viele Brote in seinem Ofen backen ließ, um den armen, zerlumpten Soldaten, die durch den Ort kamen, wenigstens etwas zu essen anbieten zu können.

Als er eines Tages unwirsch seinen Knecht anfährt, weil dieser kein Mehl zubereitet hat, senkt der alte treue Mann still seinen Kopf und sagt: "Herr, et is allet alle, dä grote Armee hat allet oppegetten."
[Herr, es ist alles alle, die große Armee hat alles aufgegessen.]

Das sind Erinnerungen an "Anno 12", die noch heute in vielen braunschweigischen Familien erzählt werden. Sie bilden unbewusst eine Parallele zu unserer Zeit.

Heinz-Bruno Krieger