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Tante Eggeling

Das ist über ein Jahrhundert her, über hundert Jahre! -

Großmutter war damals noch eine junge Frau, Mutter lag als kleines Baby in der Wiege und meine Tante Anna, Gott habe sie alle gnädig, war ein Mädchen von 10 bis 11 Jahren.

Oben, in unserem kleinen Hause, wohnte in einem Stübchen die alte Frau Eggeling, die nicht zur Verwandtschaft zählte, sonst aber von allen nur "Tante Eggeling" genannt wurde.

Eines Morgens nun, die alte "Eggelingsche" war nicht herunter gekommen, schickte Großmutter die kleine Anna rauf, um Tante Eggeling herunter zu bitten. Wie das Mädchen nun in das Stübchen kommt, sieht sie die alte Frau in ihrem Bette schlafend liegen.

Tiefe Ruhe erfüllt den kleinen Raum. Anna, keinen anderen Rat wissend, geht an das Lager, spricht:
"Tante Eggeling, du sollst endlich runter kommen zum Kaffee trinken, Tante Eggeling, hörst du nicht...",
und wie nun die Schlafende sich nicht rührt, brüllt sie, so laut es ihre Kinderstimme vermag, laut in das Ohr der Schlafenden hinein: "Tante Eggeling, Tante Eggeling...."

Da, auf einmal richtet sich die Alte in ihrem Bette auf, sieht verwundert im Raume umher und sagt, wie sie die Kleine gewahr wird:
"Awer Mäken, wat haste nur e'dahn? - Du hast mick ja vonne Doen oppewecket, da was et ja sau schön...."
[Aber Mädchen, was hast du nur getan? - Du hast mich ja von den Toten aufgeweckt, da war es ja so schön...]

Die kleine Anna ist darauf hin die Treppe runter gestürmt und hat, voller Schreck, alles genau ihrer Mutter erzählt. Die Mutter, die viele Jahre später meine Großmutter werden sollte, ist daraufhin sofort nach oben geeilt und fand die alte Tante Eggeling eingeschlafen zur ewigen Ruh'.

Meine Tante Anna aber hat diese frühe Kindheitserinnerung ihr Leben lang nicht vergessen. Sie hat es in der Familie oft und immer wieder erzählt.

Heinz-Bruno Krieger