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In der Walpurgisnacht tanzen die Hexen im Elm

Forstnamen erzählen vom Urväterglauben unserer Elmheimat.

Steht man an den Abhängen des Elmes und sieht bei klarem Wetter die Silhouette der größten Erhebung des Harzes, des Brockens, so kommt einem doch eine wehmütige Wandlung an. So nahe und doch so fern!

Wie einer Mär aus alter, längst vergangener Zeit gedenkt man jener Jahre, in denen der Brocken uns ganz gehörte, wo er durch keine Zonengrenze, durch keinen eisernen Vorhang getrennt, zu den Höhen des Elmes herüber grüßte und keine dunklen Wolken sein Haupt umschwebten.

Der Brocken, kurz Blocksberg genannt, ist weit über Deutschlands Grenzen als Ort der Hexenzusammenkünfte in der Walpurgisnacht bekannt geworden. Selbst große Dichter haben sich nicht gescheut, diesen Stoff immer wieder in ihren Werken als begehrten Vorwand aufzunehmen.

Es wird daher auch nicht ohne Interesse für die Leser der Elmzeitung sein, zu hören, daß auch in den Bergen und Tälern unseres Elmes, nach der Meinung des Volkes, sich vor Zeiten die Hexen und Hexenmeister in der Walpurgisnacht ein munteres Stelldichein gegeben haben.
Diese Hexe fliegt zum Brocken Ja, daß selbst noch bis auf den heutigen Tag der Glaube an Hexen und Teufelsspuk in unserer Elmheimat nicht erloschen ist.

In der Walpurgisnacht, der Nacht vom 30. April zum 1. Mai, treffen sich die Hexen an verschiedenen Kreuzwegen, um von hier gemeinsam zu den Hexentanzplätzen zu reiten, wo der Teufel sie empfängt, um mit ihnen wilde Orgien zu feiern.

Besonders galt als ein sehr verrufener "Treffpunkt", der sog. "Langeleber Pfahl", von wo sich die Hexen aus den Orten um Königslutter herum trafen, um von hier aus zur nahen "Düwelsköke" oder zum "Drakenberg" zu fliegen.

Auch der Kreuzweg zwischen Erkerode und Lucklum, dort, wo die Straße nach Hemkenrode abbiegt, war ein noch heutigen Tags verrufener Ort. Hier traf man sich, um zur südöstlich des Reitlings gelegenen "großen Hölle" zu fliegen, von wo der Hölleweg nach dem Tetzel führte, und gleichzeitig die nördliche Begrenzung derselben bildete.

Wehe dem Landmann, dem ein solcher Schwärm begegnete, er wurde böse zugerichtet. Da half man sich mit frisch gepflücktem Kreuzdorn, welcher in Stube und Scheuer gehängt, den bösen Blick bannte, und "dat Hexenvolk" fernhielt.

Hele - Hellia, war die nordische, und somit auch unseren Altvordern heilige Göttin der Unterwelt. Die Hölle, der Ort der Verdammung, befand sich in tiefster Tiefe, und das Volk kam durch diesen Glauben leicht dazu, einen Abgrund, einen Berghang oder einen tief abwärts gehenden Weg als Hölle, Hölleweg, Hellengrund, in dem der "Düwel" hauste und sein Wesen führte, zu bezeichnen.

Hier, südlich vom Reitling und an die Hölle grenzend, liegt auch der Forstort "Teufelsküche", eine Bezeichnung, die, wie schon oben gezeigt, einen Ort bergen sollte, in dem der Teufel, das Oberhaupt der bösen Geister, seine Zaubermittel, die er zu seinen bösen Werken nötig hatte, zu brauen und zuzubereiten.

Solche Flur- und Forstbezeichnungen finden sich in anderen Gemarkungen und Forsten mehrfach und so finden wir u. a. auch bei Räbke, nahe des Elms, noch eine Teufelsküche, von der die Sage erzählt, daß einstmals an dieser Stelle ein kleines Dorf gestanden, welches aber durch das lasterhafte Leben seiner Bewohner untergegangen und somit eine Stätte des Todes und Verderbens geworden sei. Legt man das Ohr hier lauschend auf den Erdboden, so hört man ein dumpfes Brodeln und Kochen, wie in einer Küche, und heißer Dunst steigt zuweilen nach oben.

Der Drachenberg im Elm, weit bekannt durch seine hier vor noch nicht allzu langer Zeit eingerichteten UKW-Funkstation, mit seinen 310 Metern eine der höchsten Erhebungen unseres schönen Buchendomes, war nicht minder vom mythischen Licht umgeben wie sein großer Bruder im Harzwalde. Hier traf sich das Hexenvolk von weit und breit, und jeder gute Christenmensch mied daher auch diesen Ort.

Der Satan erschien oft als Drache (niederdeutsch: Drake) des Nachts am Himmel, um Glück und Unglück zu bringen. Die heilige Schrift zeigt uns schon den Erzengel Michael als Kämpfer gegen den Drachen, ein Vorbild, welchem sich der heilige Georg gleichstellt.

So ist es auch nicht ganz von der Hand zu weisen, wenn verschiedentlich von Geschichtsforschern die Version gebraucht wird, daß der Name Tetzelstein nicht von dem Dominikaner Johannes Tetzel, sondern hier als Tatzel = Tatzelwurm = Drache = Teufel zu deuten sei; daß somit es sich hier evtl. um einen Ort handeln könnte, an dem in grauer Vorzeit ein Drache oder ähnliches Untier erlegt und somit aus diesem Sieg über einen Tatzel, durch eine Sagenumbildung, bzw. Sagenverschiebung die Bezeichnung Tetzelstein werden konnte.


Holzrelief am Tetzelstein von Theo Schmidt-Reindahl Theo Schmidt-Reindahl, der Direktor der Steinmetzschule in Königslutter, hat beiden Deutungen sehr sinnvoll in seinen künstlerisch wertvollen Wegweisern am Tetzelstein ein Denkmal gesetzt.


Holzrelief am Tetzelstein von Theo Schmidt-Reindahl
Holzrelief am Tetzelstein von Theo Schmidt-Reindahl Längst ist der Glaube an den Hexentanz in der Walpurgisnacht nur noch geschichtlicher Natur, doch führt uns seine Betrachtung in die Frühzeit unserer Heimat und zeigt, was man aus den alten Forstnamen und Sagen alles lesen kann.

Heinz-Bruno Krieger in der Elmzeitung 1953