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Das gute Fräulein von Rottorf

Vor Zeiten haben auf dem Hause Rottorf bei Königslutter wilde Gesellen gehaust, die die Gegend unsicher und dem Bauersmann das Leben schwer gemacht haben.

Diese Ritter hatten jedoch eine Schwester, ein gar sanftes und feines Mägdelein, welches dieses Unrecht nicht mit ansehen konnte. Waren die Brüder vom Hofe geritten, so öffnete sie hinten eine Pforte, durch die nun arme und hilfsbedürftige Menschen hereinkamen und von ihr Brot und Geld empfingen.

Als nun jedoch die Brüder einmal etwas früher als gewöhnlich nach Hause kamen, trafen sie auf dem Hofe noch einen alten, blinden Mann, der so eilig den Weg nicht finden konnte!

Da haben die wilden Gesellen den Blinden geschlagen und vom Hofe mit Hunden hetzen lassen. Da ist der Arme in die Lutter gefallen und in dieser elendig versoffen. Er hat aber vorher noch mit letzter Kraft gerufen, daß die Junker im Grabe keine Ruhe haben sollten.

Als das das Fräulein gehört, hat sie darauf erwidert, daß dieser Fluch von ihren Brüdern auf sie übergehen sollte.
"Hat se in öhren Lewen keine Rauhe, sau süllt se wenigstens in' Doe Raue hewwen."
[Hat sie in ihrem Leben keine Ruhe, so soll sie wenigstens im Tod Ruhe finden]

So kommt es, daß einem um Mitternacht in Rottorf das Burgfräulein begegnen kann. Sie hat zwei dicke blonde Zöpfe und trägt einen Beutel in der Hand, aus dem sie wohl vor Jahren Brot und andere milde Gaben verteilt hat. An ihrer Seite trägt sie ein großes Schlüsselbund mit vielen großen und kleinen Schlüsseln.

Von Bauer Bosse, Rottorf