Startseite -> Index

Der schiefe Turm zu Schöppenstedt


Nach rechts geneigtes Turmdach (Turmhelm) der Kirche in Schöppenstedt

(I.)
Der Turm der Kirche zu Schöppenstedt ist schief, zwar nicht das Mauerwerk selbst, wohl aber der schlanke Helm. Als der Turm gebaut werden sollte, breitete der Superintendent seinen Mantel weit auseinander und legte ihn an den Ort, wo der Turm stehen sollte. Weil aber der Mantel nicht ganz glatt lag, sondern an der einen Seite etwas höher war, so ist darum auch der Turm schief geworden.

(II.)
Schon lange hatten die Schöppenstedter mit Freuden bemerkt, daß an dem Kirchturm hoch oben Gras mächtig zu wachsen beginne, und da sie gute Wirte sind, beschlossen sie, es nicht umkommen zu lassen, und es abzuweiden.

Aber wessen Kühe sollten zuerst rauf?
Das war ein schwieriger Punkt, darum machte einer den Vorschlag, man möge den Stadtbullen hinaufziehen, der sollte sich einmal an dem Gräsig recht gütlich tun.

So würden die Kälber im nächsten Jahr noch einmal so kräftig. Einen so guten Vorschlag hatte noch keiner gemacht und augenblicklich legte man Hand ans Werk.

Stricke wurden oben an der Spitze des Turmes befestigt und unten dem Bullen um den Hals gelegt. Nun zog alles, was Hände hatte, und wie ein Blitz war der Bulle oben und streckte die Zunge weit aus dem Maule.

Da riefen sie freudig:
"hai lecket schon! hai lecket schon!"

Aber er hatte auch zum letzten mal geleckt, denn er regte kein Glied mehr. Von dem gewaltigen Ziehen aber ist die Turmspitze ganz schief geworden, und wer es nicht glauben will, der gehe hin und sehe selber zu.

(I.)Th. Voges, Sagen, a. a. O. S. 188; erzählt von Frau Krone, Gr. Stöckheim (II.)Kühn und Schwanz, Norddeutsche Sagen 1848 S. 147 ff. Schöppenstedter Streiche, Nr. 8