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Das eingemauerte Mägdelein in der Stiftskirche


Die Glocken des Kaiserdoms Wenn der Wind durch die Wipfel der Bäume pfeift und sein neckiges Spiel um die alten Türme der Stiftskirche in Königslutter treibt, horchen die Leute im Stifte, halten den Atem an, und nicht selten vernimmt man hoch vom Turm herunter ein seltsames Singen und Klingen.

Es ist, als weinten und sängen, jauchzten und Klängen die Glocken ein altes, unverständliches Lied.
Fragt man, was das bedeute, so weiß noch hie und da ein altes Mütterchen oder ein greiser Vater zu erzählen, daß vor Jahren im Stifte Mönche gewohnt, von denen einer gesagt habe, man müsse ein kleines, lebendes Kindlein in die Wände der Kirche einmauern, dann würden die Glocken der Stiftskirche einen wundersamen und herrlichen Klang annehmen.

Als sich gegen diesen Plan ein großer Teil der Mönche wehrte, beredete man heimlich ein armes Mädchen, ihr uneheliches Kindlein gegen viel Geld, für diesen "wohlgefälligen" Zweck herzugeben.

Man mauerte nun ein kleines Kämmerlein, in dem das Kindlein gerade Platz zum Sitzen hatte; gab ihm sein Püppchen in die Arme - und ein Stein nach dem anderen füllte die Mauerlücke zu.

Wie nun nur noch das Gesichtchen des Kindes zu sehen war, fing das kleine Mädchen an seine Lippen zu bewegen. Man hörte es, gleich wie zum Abschied, mit zarter Stimme ein Wiegenliedchen singen, als wollte es sein Püppchen in den Schlaf wiegen.

Da setzte der Maurer den letzten Stein in die Fuge, und - hoch vom Turm hörte man es singen und klingen, als tönte das Lied hinaus in alle Welt.

Das hat den Mönchen jedoch keine Ruhe gelassen. Man hat das Kind wieder aus seinem Kämmerchen herausholen wollen, doch vergebens. Die Stelle, wo das kleine Mädchen eingemauert, war nicht mehr zu finden.

Seit diesem Tage aber haben die Glocken der alten Klosterkirche zu Stift-Königslutter einen seltsamen Klang. Man meint aus ihnen noch heute das Wiegenlied des unschuldigen Mädchens herauszuhören.

Von Altmutter Margarethe Bolte geb. Schmidt, Königslutter