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Der Schatz unterm Holunderbusch

Ja, da sagen sie immer: Träume sind Schäume; indessen ist doch schon manchmal eingetroffen, was einer geträumt hat.

Da war früher auf einem Hofe in Söllingen, er hörte 1895 dem Bauer Vasel, ein Bauer namens Hülecke. Mein Großvater hat die Familie noch gekannt und uns die Geschichte manchmal erzählt.

Also diesem Hillecke ging es zu einer Zeit recht traurig; das Grundstück war hinfällig, und Knecht und Magd mussten spinnen, damit der Mann wenigstens die Steuern bezahlen konnte. Da träumte ihm einstmals, er würde auf der Magdeburger Brücke sein Glück finden.

Am anderen Morgen sattelte er sein Pferd, und reitet nach Magdeburg, stellt sein Tier irgendwo in den Stall und geht auf die große Brücke, die über die Elbe führt. Da wartet er lange Zeit; die Leute kommen und gehen, aber niemand bringt ihm sein Glück.

Gegenüber steht ein Soldat auf Schildwache, dem fällt der einsame Mann auf, da er nicht vom Platze weicht und bald die Vorübergehenden anstarrt, bald den Strom hinauf- und hinunter sieht. Er behält ihn im Auge, und als er endlich abgelöst wird, übergibt er dem neuen Posten mit der Wache zugleich die Aufsicht über den wartenden Mann auf der Brücke und fordert seinen Nachfolger auf, achtzugeben, daß jener sich oder anderen kein Leid antue.

Die neue Schildwache beobachtet den Bauern, der immerfort, wiewohl Stunde auf Stunde vergeht, auf einem Fleck stehenbleibt. Als aber endlich wieder die Ablösung erfolgt, geht der Soldat zu dem einsamen Manne und läßt sich mit ihm in ein Gespräch ein, fragt auch, ob er vielleicht auf jemand warte.

Da erzählt ihm der Bauer seinen Traum von voriger Nacht. Der Soldat lacht und sagt:
"Das ist dummes Zeug! Da habe ich gestern Nacht auch geträumt, in dem Dorfe Söllingen am Elm sei unter dem Keilekenbusche in Hilleckes Garten ein großer Kessel mit Geld vergraben. Ich werde mich aber wohl hüten hinzugehen; weiß ich doch nicht einmal, ob es ein Dorf mit solchen Namen gibt und wo es liegt, Träume sind Schäume!"

"Nun weißt du genug", denkt der alte Hillecke, reicht dem Soldaten die Hand zum Abschiede und reitet wieder heim. In der Nacht gräbt er unter dem großen Holunderbusche nach und findet einen Braukessel voll Silbergeld. Da war er aus all seiner Not, und seitdem ist immer viel Reichtum auf dem Hofe gewesen.

Als aber vor hundert Jahren einmal die Gebäude abbrannten, haben sie das Geld, um es vorläufig zu sichern, in den Meerbach geschüttet, der durch das Dorf fließt.

Nachher haben sie es wieder herausgeholt; aber es muß wohl einiges darin liegengeblieben sein, denn wenn der Bach einmal angeschwollen war, hat man hinterher zuweilen einen Gulden oder ein Sechsmariengroschenstück gefunden.

Von Theodor Voges, Sagen