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Der betrogene Wilddieb

Zwei Esbecker, die zusammen gewildert hatten, erlegten einstens im Elme einen Rehbock, den sie aber nicht mitnehmen konnten, da ein Förster in der Nähe war. Sie versteckten daher ihre Beute unter Fichtenreisig und gingen leer heim.

Am anderen Abend machte sich der, der den Bock geschossen hatte, auf den Weg, um ihn zu holen, fand ihn aber nicht mehr vor. Als er nun zu seinem Genossen ging und ihn fragte, ob er sich noch genau des Versteckes erinnerte, antwortete dieser:
"Natürlich!" - "Dann komm doch morgen mit und zeig es mir, denn ich finde es nicht", sagte der Schütze, ein reicher Bauer.
"Nein", erwiderte der andere, der nur ein kleiner Tagelöhner war, "ich kann nicht mitgehen, denn wer ersetzt mir sonst meinen Verdienstausfall?"

Der Bauer erklärte sich darauf bereit, dem anderen das Geld zu ersetzen. Wie man nun in den Elm an die Stelle kam, wo sie den Bock versteckt hatten, war dieser tatsächlich verschwunden.

Der Arbeitsmann meinte nun zu dem Bauern, daß der Rehbock hier zwar versteckt worden sei, aber wohl inzwischen ein anderer ihn gefunden und mitgenommen haben müsse. Der Bauer mußte nun wohl oder übel auf den schönen Rehbraten verzichten und außerdem noch den Lohnausfall des Tagelöhners ersetzen.

Dieser aber lachte sich heimlich ins Fäustchen, denn er war gleich in der ersten Nacht nach dem Schuß in den Elm gegangen und hatte sich den Bock geholt.

Von Karl Rose, Schöningen