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Von der alten Meisterei vor Schöppenstedt

Abseits der Straße, die von Schöppenstedt nach Braunschweig führt, gen Bansleben zu, lag die alte Abdeckerei des Amtes Schöppenstedt, im Volksmunde kurz "Meisterei" genannt.

Auf ihr haben viele Jahre hindurch die Abdecker von Schöppenstedt gewohnt und ihr Leben gelebt. Der alte Abdeckereibesitzer Schlehhuber, dessen Vorfahren dieses Haus vor Jahren einmal erbaut haben, erzählte mir einmal, als ich bei ihm zu Gast gewesen bin, folgendes:

Die alte Meisterei von Schöppenstedt lag früher in Bansleben. Sie war schon vor 180 Jahren im Besitz von meinen Vorfahren. Meine Großmutter wußte viel zu erzählen. Die Abdecker waren damals noch im Hauptberufe Scharf- und Nachrichter und mußten dem Gerichte dienen.

Der erste Scharfrichter von Schöppenstedt, der sich vor dem braunschweigischen Tore aufgebaut hat, soll Schmidt geheißen haben. Der Sohn von diesem Scharfrichter war ein großer, baumlanger und starker Kerl, der aber so ein gutes Herz hatte, daß er keinem Kinde was zu leide tun konnte.

Eines Nachts nun brach in der Meisterei ein Schadenfeuer aus. Da ist der junge Schmidt erst gar nicht aufzuwecken gewesen.

Wie er aber doch endlich aufwacht und die Flammen schon lichterloh im Zimmer brennen, ist er mit einem Satz aus dem Fenster gesprungen. Doch wie er nun so erhitzt in die kalte Nacht hineinkam, hat er sich sehr erkältet und ist wenige Tage darauf, in der Blüte seiner Jugend, gestorben.

Der alte Abdecker Schlehhuber zeigte mir auch das Richtschwert, das die Scharfrichter von Schöppenstedt schon seit vielen Jahrhunderten von dem Vater auf den Sohn und Enkel vererbt haben.

Es war vom Alter ziemlich gezeichnet, sehr breit und doch sehr handlich. Aufbewahrt wurde es in einem alten kofferähnlichen Holzkasten.

Meine Großmutter, so sagte Herr Schlehhuber, hat uns Kindern oft erzählt, daß dieses alte Richtschwert schon immer vorher im Kasten geklungen und gewimmert habe, wenn wieder ein armer Sünder mit ihm gerichtet werden sollte.

Einmal hat ein Scharfrichter Uter aus Lutter sich dieses Richtschwert ausgeliehen, um einen Mörder damit zu enthaupten. Der alte Uter aber hat sich bei dieser Hinrichtung "verhauen" und dem armen Sünder mehrmals in die Schulter geschlagen.

Aus Gram darüber hat er sich dann selbst das Leben genommen. Das ist aber daher gekommen, daß der Glaube geht, man dürfe ein Richtschwert nicht an dritte Personen verleihen.

Und als einmal ein Ahn von uns einen armen Sünder gerichtet hatte, und mit seinem Gespann des Abends späht nach Hause fuhr, da ist ihm, als ob jemand hinter dem Wagen folgen würde.

Wie er sich nun plötzlich umsieht, erblickt er hinter dem Wagen den Mann, den er am Tage hingerichtet hatte. Er trug seinen Kopf unter dem Arm und war so dem Scharfrichter gefolgt.

Die Leute von Schöppenstedt und den umliegenden Elmdörfern sind oft in die alte Meisterei gekommen und haben sich heimlich Hilfe und Rat bei allerlei Krankheiten und Not geholt.

Wenn aber ein anderer Abdecker oder Scharfrichter in die Meisterei gekommen ist, dann haben die Alten in einer eigenen und seltsamen Sprache miteinander gesprochen, die kein Fremder verstehen konnte.