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Vom Birnbaum im Scharfrichtergarten

Im Garten der alten Scharfrichterei in Oberlutter, hart an der Grenze zum Mauernkampe hin, stand früher ein alter, dicker Birnbaum. Von diesem Baume wußte man allerlei unheimliche Dinge zu sagen.

Da war vor Jahren ein grimmiger Räuber gewesen, der in den Tälern und Wäldern unserer Heimat sein Unwesen getrieben hat. Eines Tages nun lag er gefangen und gebunden auf der Folterbank. So hart und unerbittlich auch der Griff der Henkersknechte war, immer wieder beteuerte der böse Geselle seine Unschuld.

Als ihm das nichts nützte, und man bereits das Armesünderglöcklein läutete, forderte der böse Kerl, daß man ihm noch eine Bitte erfülle. Man solle ihm einen Zweig mit den schönen, saftigen Butterbirnen reichen, die im Garten der alten Schinderei - wie die Scharfrichterei auch genannt wurde - wüchsen.

Da hat dann der Scharfrichter erstaunt gefragt, woher er denn die Birnen kennen würde? Der Räuber antwortete darauf, daß ihm oft in heimischer Stunde des Henkers Töchterlein unter dem Birnenbaume ein Stelldichein gegeben und er sich an den saftigen Früchten gelabt habe.

Der Scharfrichter war darob so wütend, daß er dem Räuber voll Ingrimm antwortete:
"So du früher schon Birnen gegessen, so brauchst du als Hundsfott nimmer welche fressen."

Er hat darauf sein Richtschwert genommen und ihm damit stracks den Kopf vom Rumpfe gehauen. Der Geist des bösen Räubers aber hat keine Ruhe im Grabe gefunden.

Um Mitternacht hat man ihn oft im Garten der alten Schinderei stöhnen und winseln gehört. Man wußte auch zu sagen, daß er erst Ruhe finden würde, wenn ihm einer die verlangte Henkersmahlzeit reichen würde.

Von Abdecker Friedrich Strebe, Postschaffner Adolf Uhder, Königslutter