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Wie die


Die Neue Strasse in Richtung Kattreppeln Am nördlichen Ausgang des Kattreppeln in Königslutter, dort wo der Eingang in die Neue Straße ist, befindet sich ein kleiner mit einigen Ahornbäumen bepflanzter, spitzwinkliger Platz, der früher besonders von der Jugend als Tummel- und Spielplatz benutzt wurde, heute aber als Parkplatz dient.

Damals stand dort ein altes, hohes Fachwerkhaus, das durch seinen Aufbau und seine Verzierungen einen besonderen, eigenartigen Eindruck auf den Beschauer machte.

Die Füllungen zwischen dem Fachwerk hatten einen gelblichen Anstrich und daher wurde das alte Haus im Volksmunde "dä gäle Zibbe" genannt.

Weit über das Erdgeschoß hinaus, schob sich ein zweites Geschoß. Auf seinen reichgeschnitzten Balken trug es ein hohes, steiles Dach. In dem weitemporragenden, altersgrauen Giebel befanden sich zwei große Windeluken, die offenbar zum Hinaufwinden von landwirtschaftlichen Erzeugnissen, besonders des Weizens, der zur Herstellung des so weit berühmten Ducksteinbieres benötigt wurde, dienten.

Auf den großen, weitläufigen Bodenräumen, wurden diese Schätze gelagert. Das Licht für die bewohnten, unteren Räume spendeten die sogenannten "Butzenscheiben"", also kleine, in Blei eingefaßte Fenster, die grün leuchteten, und dem alten Gebäude ein fast mittelalterliches Aussehen verliehen.

Die hervorragenden Balkenköpfe zeigten geschnitzte Tierfiguren, die dem Kopfe einer Ziege ähnelten. Nach der Neuen Straße zu lag das rundbogige, buntverzierte Einfahrtstor.

Das Grundstück, auf dem die Braugerechtigkeit lag, war, wie ganz alte Luttersche noch zu sagen wußten, oft Treffpunkt lustiger Zecher und hier, in der "gälen Zibbe", wurde mancher Humpen Ducksteinbier geleert.

In diesem alten Hause wohnten zuletzt noch einige Familien, die aber ihre Wohnungen plötzlich verlassen mußten, weil das Haus einzustürzen drohte. Nach wenigen Tagen, es war im Jahre 1878, wurden die Bürger der Stadt plötzlich durch Feuertuten aus dem Schlafe geweckt.

Die "gäle Zibbe" stand in hellen Flammen. Man wollte nun in der Stadt allerlei Gründe und Ursachen über die Entstehung dieses Brandes wissen. Bis auf den heutigen Tag lebt das alte, längst verschwundene Haus in den Sagen der Stadt fort. Manche lustige Schnurre lockt noch heute ein Schmunzeln hervor.

Besonders lachten die Lutterschen, als es ruch bar wurde, daß Krischan Gier, der bei der Feuerwehr war, noch schnell auf den großen Hausboden geklettert war, um nachzusehen, ob hier nichts mehr zu retten sei, prustend und schnaubend zu den anderen Oberlutterschen Feuerwehrleuten zurückkehrte.

Er hatte oben eine große Flasche stehen sehen, und in der Meinung, in dieser "Pulle" befände sich "Sluk", hatte Krischan sie ohne auch nur zu überlegen vor den Hals genommen, um einen ordentlichen "Zug" zu nehmen.

Doch, oh weh! Er merkte zu spät, daß er sich geirrt hatte. In der Flasche befand sich Petroleum!

Wenn Krischan Gier dann später durch die Straßen der Stadt ging, lachten und sangen die lutterschen Jungen und Mädchen folgenden Vers hinter ihn her:

"Ach Krischan, lat dat Supen sien,
Du kannst ja wat verdragen!
Doch stink'ste Uten Hals wien Swien,
Petrolium is nist vorrn Magen!"

Von Kantor Adolf Lüders, Witwe König geb. Liebing, Dachdeckermeister Hermann Behrens, Königslutter