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Der Fremde in Sunstedt

Die alte Totenfrau Bötel in Sunstedt erzählte vor vielen Jahren folgendes aus ihrer Jugendzeit; das sie selbst in Sunstedt, so um 1830 herum, erlebt hatte:
Eines Nachts, es war Neumond, und sehr hell auf der Dorfstraße, kommt sie mit mehreren jungen Burschen und Mädchen von der Spinnstube.

Plötzlich hält sie das neben ihr gehende Mädchen am Arme fest, und bleibt stehen. Erstaunt halten auch die anderen jungen Leute inne und das junge Mädchen starrt in die Nacht hinein.

Nach einer ganzen Weile geht sie weiter und sagt, daß von dem Mette'schen Hofe ein Leichenzug herunter gekommen sei. Am Schlüsse desselben sei aber ein fremder, junger Mann gegangen, dem ein großes, rotes Schnupftuch aus der Hosentasche gehangen habe.

Die jungen Leute sind dann schnell nach Hause gegangen, denn sie wußten, daß das Mädchen die Gabe des Zweiten Gesichtes hatte. Als nun tags drauf tatsächlich auf dem Bauernhöfe ein Todesfall eintrat, wunderte man sich nicht sonderlich darüber.

Erstaunt war man aber, als bei der Beerdigung in der letzten Reihe des Leichenzuges, ein fremder, junger Mann ging, dem ein großes, rotes Sacktuch aus der Hose hing.

Es war, wie man auf Befragen feststellte, ein Verwandter des Hauses aus Groß Steinum, den man aber in Sunstedt vorher noch nie gesehen hatte.

Von Fritz Bötel, Sunstedt