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Der alte Lumpensammler Wedekind

Früher wohnte in Königslutter der alte Lumpensammler Wedekind. Er hatte die Gabe des Zweiten Gesichtes, und konnte des Nachts meist nicht schlafen.

Wenn seine Frau sich schlafen legte, so ging der alte Wedekind ruhelos durch die Gassen und Straßen der Stadt. Er sah dann immer Dinge, die sich erst noch ereignen sollten.

Eines Nachts, er diente damals bei den 92ern, hat er eine ganze Schlacht vorausgesehen. Als er das nun seinen Kameraden sagte, da lachten die ihn aus.

Aber wenige Wochen später war der Feldzug 1870/71 ausgebrochen, und auch die Kompanie des Infanteristen Wedekind war mit dabei. Es ist dann alles das eingetroffen, was Wedekind vorausgesehen hatte.

Wie er später einmal wieder durch die nächtlichen Straßen von Königslutter irrte, sieht er den Leichenzug seiner eigenen Tochter Anna.

Als er nach Hause kommt, sagt er zu seiner Frau:
"Ick hewwe den Liekenzug von use Anna e' seihn".
[Ich habe den Leichenzug von unserer Anna gesehen]

Diese, seine jüngste Tochter wohnte aber im fernen Rheinland und war, nach der Meinung der Eltern, kerngesund.

Darum schüttelte die Frau nur ungläubig mit dem Kopfe. Einige Tage später kam ein Brief, in dem bestätigt wurde, daß die Tochter Anna tatsächlich an jenem Tage verstorben war.

Wie der große Brand in Lutter war, so um die Jahrhundertwende um 1900, sah der alte Lumpensammler Wedekind diesen auch voraus. Er hat oft gewünscht, diese Gabe nicht zu besitzen, geklagt aber hat er nie.

Von Frau Alma Dube geb. Theiß, Königslutter, Großtochter des alten Wedekinds