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Die kleine Maus

Der alte Doktor Rehkuh in Wolfenbüttel, der aus Rottorf gebürtig war, erzählte folgende Sage:

Vor Zeiten, als die Leute noch in den Spinnstuben zusammenkamen, ist einmal folgende Geschichte geschehen. Wo es gewesen, weiß ich nicht, unser Großvater hat es uns manchmal erzählt.

Da war eine Magd, die beim Spinnen öfters einschlief. Einmal kam eine kleine, weiße Maus aus ihrem Munde heraus und spielte arglos am Halse und auf dem Brusttuche herum.

Bald huschte sie hinein, bald kam sie wieder zum Vorschein. Das haben die anderen, die Knechte und Mägde, oft verwundert angesehen.

Eines Abends, als das Mädchen wieder eingeschlafen war, und die Maus alsbald hervorlief, nahmen einige ein Milchbrett und deckten das über ihren Mund. Das Mäuschen konnte nun nicht mehr hineinschlüpfen und lief unruhig hin und her.

Endlich aber, da sich das Brett ein wenig verschob, gelang es ihm doch noch, wieder in den Mund zu huschen.

Als nun das Mädchen erwachte, erzählte es, es habe eben einen bösen Traum gehabt. Da sei es an einen breiten Strom und vor eine Brücke gekommen, über die es doch nicht habe gehen können, und darum sei es in große Angst geraten.

Th. Voges, Sagen, a. a. O., S. 55