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Das silberne Glöckchen

Auf der Neuen Straße in Königslutter steht ein kleines altes Haus, in dem sich oft ein Glöckchen hören läßt. Die Besitzerin des Hauses erzählt mir folgendes:

Als mein kleiner Bruder starb, hörte ich des Nachts ein silberhelles Glöckchen klingen; es läutete und läutete, und ich wurde von seinem Läuten wach. Ich richtete mich im Bette auf und rief meine Mutter, um zu fragen, ob sie das Läuten auch höre?

Da kommt Mutter weinend in meine Kammer und sagt, daß unser kleines Brüderchen soeben eingeschlafen ist.

Als Jahre später meine seelige Großmutter starb, da habe ich das Glöckchen wieder läuten gehört. Es war so ein reines Klingen, daß ich sofort an damals denken mußte und wußte, jetzt stirbt meine Oma.

Als meine Mutter starb, hörten wir einige Tage vorher in der Wand ein leises, aber gut vernehmbares Ticken.

Ich dachte erst, daß das ein Heimchen sei, aber meine Mutter, die bei klarem Verstand war, sagte uns Kindern alle, wir sollten uns beruhigen:
"Dat is dä Dodenuhr, dä slögt dä letzten Stunnen un verkündet, dat nu dat Lewen tau Enne geiht."
[Das ist die Totenuhr, die schkägt die letzten Stunden und verkündet, dass nun das Leben zu Ende geht"]

Drei Tage später war meine Mutter tot.