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Die Himmelsbriefe der Mutter Siedentopf

Als junger Bursche kam ich einmal mit meinem Freunde des Abends zur alten Mutter Siedentopf in die Mittelgasse zu Königslutter, um Tee für dessen kranke Großmutter zu holen. Da sitzt die alte Siedentopf am Tische und schreibt.

Wie wir nun an der Tür stehen, sagt sie uns, daß sie Himmelsbriefe abschreiben würde. Auf Befragen antwortete die alte Frau, daß diese Briefe demjenigen, der einen solchen bei sich trüge, vor Tod und Gefahr helfen würde.

Man müsse aber, wenn man sich einen solchen Himmelsbrief besorgen würde, diesen wiederum dreimal abschreiben und weitergeben, sonst bringe dieser dem Besitzer kein Glück.

Mein Freund sagte später, als wir wieder auf der Straße waren, daß er sich gerne solch einen Himmelsbrief erworben hätte, aber das viele Schreiben mache ihm keinen Spaß.

Als ich nun Jahre später im Kriege meinen Freund auf einem kurzen Urlaub zu Hause treffe, meint dieser, ob ich noch an jenen Abend vor Jahren mit den Himmelsbriefen bei der alten Mutter Siedentopf denken würde?

"Man hätte sich doch so einen Brief ruhig besorgen müssen, dann könnte man ihn mit an die Front hinaus nehmen und hätte einen sicheren Schutz." -

Dieser Freund ging dann wenige Tage später wieder hinaus an die Front und ist in Rußland gefallen.