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Wie die Wackermänner ihren Namen bekamen

In Räbke und in den anderen Dörfern am Elm gibt es viele Familien mit Namen Wackermann. In Räbke haben sie ihren Stammhof und von hier aus haben sie sich ausgebreitet in weiter Runde. Noch bis auf den heutigen Tag aber wissen die Leute von dem ersten Wackermann zu erzählen, der nach Braunschweig zum Herzog gefahren ist, um sich hier sein Recht zu holen. Das war aber so gewesen:

Vor vielen Jahren lebte in Räbke ein Bauer namens Fulars. Dieser Landmann war aber ein sehr fleißiger Bauer, der des Morgens in aller Hergottsfrühe, wenn im Dorfe der erste Hahnenschrei ertönte, schon vor dem Elme auf dem Felde sein Tagewerk begonnen hatte.

Wenn die Sonne längst sich hinter den Bergen verkrochen hatte, kam er müde und abgespannt nach Hause zurück. So sehr sich der Bauer Fulars auch rackerte und quälte, immer wieder riefen ihm die lieben Nachbarn ihr "Dag Fulars" oder "Na, Fulars, wo kümt jie denn her?" entgegen. Morgens: Fulars - Abends: Fulars - es war zum Gotterbarmen! Ja, Bauer Fulars war es leid, er konnte und wollte diesen ungerechten Namen nicht mehr hören.

Da kam ihm eines Tages ein guter Gedanke. Er wollte nach Braunschweig zum Herzog und diesem sein Leid klagen. Wie unser Fulars nun mit seinem Wägelchen in Räbke in aller Hergottsfrühe losfuhr, band er hinten ein junges, gut genährtes Stück Rindvieh an den Wagen. Das wollte er dem Herzog zum Geschenk machen, wenn er seiner Bitte Gehör schenken würde.

In Braunschweig vor dem Schlosse angekommen, wollte ihn die Schildwache nicht auf den Schloßhof fahren lassen. Es blieb dem Bauern nichts über, als seinen Wagen vor dem Schlosse stehen zu lassen. Aber man wollte ihn auch nicht alleine zum Herzog lassen.

Da war der liebe Fulars böse dran, er stand am Torweg und seine Kuh muhte, und eine große Menschenmenge hatte sich lachend und johlend um das seltsame Fuhrwerk versammelt. Der Herzog war oben in seinem Zimmer mit einigen hohen Beamten und hatte eine wichtige Konferenz.

Als nun das Gejohle vor dem Schlosse immer lauter wurde, ging der Herzog ans Fenster und sah draußen die vielen Menschen um den Bauern und seinen Wagen stehen. Das sah auch zu ulkig aus. Der Adjutant vom Landesherrn wurde runter geschickt, um zu fragen, was das seltsame Gespann und der Menschenauflauf zu bedeuten habe?

Wie nun der Herzog hörte, daß der Bauer so einen weiten Weg von Räbke vom Elm zurückgelegt hatte und ihn unbedingt sprechen wollte, ließ er den wackeren Landmann unverzüglich ins Schloß holen. Bauer Fulars hatte seinen besten Rock, und seinen guten Dreimaster aufgesetzt. Er machte eine tiefe Verbeugung vor dem Landesvater und sagte, er käme aus dem Dorfe Räbke am Elm und hätte eine große Bitte.

Nun erzählte er seinem Herzog von dem Ärger, den er durch seinen bösen Namen erdulden müsse. Alle Herren aber, besonders der Adjudant, wollten sich darob schier totlachen.

Nur der Herzog, der eine Priese Tobak genommen, mußte niesen und als ihm alle mit einer tiefen Verbeugung "Gesundheit" wünschten, sagte er laut:
"Das gilt! Ich habe es benießt!" - und weiter fuhr er fort: "weil ihr so ein guter und wackerer Landmann seid, sollt ihr hinfort nicht mehr "Fulars", sondern "Wackermann" heißen!"

So ist es nun gekommen, daß der Räbker Bauersmann sich aus Braunschweig einen neuen und schönen Namen geholt hat. Er soll sogar eine große Urkunde mit des Herzogs Namen und einem dicken Siegel darunter dazu mitbekommen haben. Diese Urkunde hing früher bei Bauer Wackermann in Räbke in der guten Stube.

Bei einem großen Brande aber ist sie in den Flammen umgekommen, und daher erinnert nur noch diese Sage an den alten Bauer Fulars, der sich einen neuen Familiennamen vom Herzog geholt hat.

Von den Geschwistern Bethmann, Lelm